Als die Elefanten noch in Ketten lagen

Vor neunzig Jahren wurde der Grundstein für den Zoo Zürich gelegt. Allerdings lebte der Züri-Leu damals in Basel.

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Eigentlich war es ein Zürcher Pfarrherr mit seiner Gattin, welche den Anfang der Zürcher Zoogeschichte schrieben. Sie trugen den passenden Namen Wolff und gründeten 1856 den «Verein gegen Thierquälerei». Daraus entstand die Tiergarten-Gesellschaft, die im Februar vor neunzig Jahren die Genossenschaft Zoologischer Garten Zürich gründete.

Der Zoo Zürich nahm dieses kleine Jubiläum heute zum Anlass, um anhand der Elefantenhaltung aufzuzeigen, wie sich der Zoo in dieser Zeit verändert hat. Eines blieb allerdings gleich und ist heute noch Motto von Zoodirektor Alex Rübel: «Man schützt nur, was man kennt.» Der Zoo Zürich versteht sich als Vermittler der Tiere, die in freier Natur leben.

Ein Zoo am See? Oder in Höngg

Auch wenn die Politik anfänglich nichts von einem Zoo wissen wollte, waren die Initianten mit diesem Ansinnen nahe beim Volk. So erklärt sich auch, dass einst verschiedene Standorte zur Diskussion standen: Zuerst sollte der Zoo in der Enge am See entstehen, dann kam die Idee auf, ein Grundstück in Höngg zum Tiergarten umzufunktionieren, auch eines in Seebach war im Gespräch.

Am 1. Juli 1928 kaufte die Genossenschaft den Bauernbetrieb Säntisblick mit Umschwung an der Zürichbergstrasse. Vorgesehen war dort ursprünglich eine Einfamilienhaussiedlung, nun zogen Elefanten ein. Und zwar nach einer nur elfmonatigen Bauphase. Am 7. September 1929 öffnete der Zoo Zürich seine Tore.

Der Reitelefant als Attraktion

Der erste Zooplan zeigt viel Grün, eine Bärenanlage, eine Anlage für Fischotter und das Katzenhaus. Dazu kam ein Ententeich und als Herzstück eine Voliere mit «Chimpansenhaus», Aquarium und Elefantenanlage gleich nach dem Eingang, dort, wo heute das Exortarium steht. Weil man Infektionen befürchtete, wiesen die Anlagen kaum Pflanzen auf. Sie waren steril in jeder Beziehung.

Vier Tage vor der Eröffnung trafen aus der Tierhandlung Hagenbeck in Hamburg die zwei Sympathieträger ein, die von Auslandschweizern aus Übersee gestiftet worden waren: die erwachsene Elefantenkuh Mandjullah und das Bullenkalb Chang. Das Budget: 30'000 Franken. Mandjullah wurde als Reitelefant eingesetzt und trug in der Folge unzählige Kinder durch den Zoo.

Dickhäuter auf Hochzeitsreise

Es dauerte bis 1971, bis die als Provisorium verstandene Unterbringung der Elefanten im Erdgeschoss des Exortarium durch die Elefantenanlage abgelöst wurde, welche die meisten Zoobesucher heute noch vor Augen haben. Doch auch dort, in diesem verhältnismässig modernen Gebäude mit grosser Aussenanlage, wurden die Tiere nachts noch angekettet. Eine Elefantenkuh wurde selbst bei der Geburt in Ketten gelegt, weil man befürchtete, sie könnte dem Neugeborenen etwas antun.

Auch bot die neue Anlage anfänglich noch keine Möglichkeit, einen Bullen zu halten. So schickte man die Kuh Thaia zweimal zu Fuss nach Dübendorf, wo sie in einen Eisenbahnwagen verladen und in den Zoo Kopenhagen transportiert wurde: Es sollten Hochzeitsreisen sein, doch blieben diese ohne sichtbares Resultat.

Der Bulle kommt

1981 wurde die Anlage durch einen Bullenstall erweitert, und im gleichen Jahr zog der Zirkuselefant Maxi ein, der bis heute im Zoo Zürich lebt – und einschlug: 1984 wurde mit Komali der erste Elefant im Zoo Zürich geboren.

Auf Initiative der Tierpfleger hin wurde schliesslich 1994 eine mobile Absperrung eingebaut, mit der der Graben im Haus gesichert werden konnte. Danach mussten die Elefanten nachts nicht mehr angekettet werden, da sie nicht mehr Gefahr liefen, in den Graben zu stürzen. Trotzdem war man von der modernen Tierhaltung noch weit entfernt.

So standen die Betreuer in direktem Kontakt mit den Tieren, was insbesondere das soziale Verhalten innerhalb der Gruppe bestimmte – und auch Gefahren mit sich brachte. Dies musste der Zoo Zürich bereits früh leidvoll erfahren. An Heiligabend 1947 hatte der 11-jährige Bulle Chang II einen Pfleger getötet. Bereits drei Jahre zuvor hatte er eine Zoobesucherin tödlich verletzt, als diese sich in der Nacht unbefugt Zutritt zum Elefantenstall verschafft hatte.

Maxis neuer Mut

Nach der Jahrtausendwende begannen im Zoo Zürich intensive Diskussionen über die Elefantenhaltung der Zukunft. Wie Senior-Kurator Robert Zingg erzählt, war es nicht zuletzt das Betreuerteam selbst, das anregte, auf den direkten Kontakt mit den Tieren zu verzichten. Der Wechsel zum geschützten Kontakt bringt nicht nur mehr Sicherheit für die Pfleger, sondern ermöglicht auch eine freie Entwicklung der sozialen Organisation in der Tiergruppe.

Elefanten und Betreuer mussten für die neuen Umgangsformen trainiert werden. Dies ging einher mit der Planung und dem Bau des neuen Elefantenparks Kaeng Krachan, welcher 2014 eingeweiht wurde. «Mit dem Umzug und der neuen Tierhaltung hat sich das Verhalten der Tiere klar verändert», sagt Robert Zingg. Dabei hat ihn am meisten der alte Maxi überrascht. Der früher eher ängstliche und oft etwas mürrische Bulle nahm die neue Anlage mit einer Entdeckungslust und Neugierde in Beschlag, die alle verblüffte. Seither scheint er grundsätzlich besser gelaunt.

Die zweite Generation kommt

Was vor neunzig Jahren mit Mandjullah und Chang klein begann, hat sich zu einer Erfolgsgeschichte gemausert: Im Moment leben zwei Gruppen Elefanten im Zoo Zürich, die sich wie in freier Natur über die weiblichen Linien von Mütter und Töchter gebildet haben. Die Tiere weisen kein stereotypes Verhalten auf und können ohne direkten Kontakt problemlos gepflegt und medizinisch betreut werden.

Am Sonntag feiert Ruwani seinen ersten Geburtstag – sie war das erste Elefantenkind, das in zweiter Generation im Zoo Zürich geboren wurde. Seine Grossmutter Ceyla-Himali kam 1976 als noch nicht ganz einjähriges Jungtier nach Zürich. Und die Tierpfleger lassen sie völlig kalt – es sind einfach eigentümliche Primaten, die manchmal in ihrer Welt auftauchen.

Ein «Tolggen» bleibt

Einen «Tolggen» dürfen wir in dieser kleinen Zoogeschichte allerdings nicht verschweigen. Bereits 1904 hatte der Zürcher Ingenieur Alfred Ilg (1854–1916), der Berater des abessinischen Königs Menelik II. war, Zürich zwei «Züri-Leuen» für einen Tierpark geschenkt: Mizzi und Barri.

Weil diese nirgends artgerecht untergebracht werden konnten, wurden sie vorerst in die Tierhandlung Hagenbeck in Hamburg gebracht und danach ausgerechnet im Zoo Basel beheimatet. Der Zolli wurde bereits 1874 eröffnet und ist damit der älteste Zoo der Schweiz.

Erstellt: 21.02.2018, 16:30 Uhr

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