«Von wegen ‹Wenn Frau will, steht alles still›»

Die Frauen beim «Tages-Anzeiger» legten am 14. Juni 1991 ihre Arbeit nieder. Was sie forderten und was daraus geworden ist.

500 zartlila Ballone mit der Botschaft «Gemeinsam sind wir stark» stiegen am 14. Juni 1991 am Stauffacher auf. So grüssten die Frauen der TA-Gruppe «alle Frauen im Land». Foto: Doris Fanconi

500 zartlila Ballone mit der Botschaft «Gemeinsam sind wir stark» stiegen am 14. Juni 1991 am Stauffacher auf. So grüssten die Frauen der TA-Gruppe «alle Frauen im Land». Foto: Doris Fanconi

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Am 14. Juni 1991 um 13.15 Uhr stiegen über dem Stauffacher 500 zartlila Ballone hoch. Auf den angehängten Postkarten stand: «Gemeinsam sind wir stark. Wir Frauen der Tages-Anzeiger-Gruppe grüssen alle Frauen im Land.» Was die Tagi-Frauen vor, am und nach dem Frauenstreik erlebten, ist wohl typisch für das, was landauf, landab damals in vielen Unternehmen ablief.

Da waren zumeist zuerst Widerstände: Als sich im Tagi eine kleine Gruppe daranmachte, Aktionen für den Frauenstreiktag vorzubereiten, begegnete man ihnen mit Misstrauen und Einschüchterungsversuchen, man drohte gar mit Kündigung. Doch das Motto «Gemeinsam sind wir stark» bewahrheitete sich ein erstes Mal. Bald solidarisierten sich immer mehr Frauen mit dem Kernteam. So liess man sie gewähren, und einen Monat vor dem Stichtag zeichnete sich ab, dass der Streiktag ein Frauenfest werden würde.

Waren anfangs vor allem Redaktorinnen aktiv, engagierten sich später Frauen aus fast allen Bereichen des Tagi in der Arbeitsgruppe: von der Administration über die Datenerfassung, Kantinen-Mitarbeiterinnen und Korrektorinnen, Frauen, die in der Marktforschung, in der Dispo­sition oder in der Werbung ar­beiteten.

Kämpferisch und fröhlich

«Es war schliesslich, wie wir es uns wünschten, ein zwar durchaus kämpferischer, aber auch ein fröhlicher Tag», erinnert sich die mittlerweile pensionierte Redaktorin Eva Mackert. Zuerst trat die Tessiner Sängerin La Lupa mit aufmüpfigen Frauenliedern auf, dann versammelten sich alle Frauen im Innenhof des Tagi, um die Ballone steigen zu lassen. Die Sonne schien, es hatte ein paar Wolken am Himmel, und oben im Sekretariat sass der Reporter und nachmalige Sektenexperte Hugo Stamm und nahm für eine streikende Kollegin die Telefonanrufe entgegen.

Die Fotografin Doris Fanconi arbeitete und streikte gleichzeitig: Sie dokumentierte den Frauenstreiktag. Auch sie erzählt von einem heiteren Tag und von Aufbruchstimmung. Danach referierte die Erwachsenenbildnerin Hilde Bradovka über die Situation der berufstätigen Frau. Sie forderte, beklatscht von den vielen Frauen, die im grossen Sitzungszimmer teilweise auf Stühlen, teilweise am Boden sassen: «In Unternehmen müssen in Zukunft Spielregeln herrschen, die die alten Rituale und Mythen vom ‹Mann an der Spitze› durchbrechen.»

Die Wandzeitung füllte sich

Allmählich füllten sich auch die grossformatigen Blätter, die als Wandzeitung dienten. Dort stand etwa: «Wenn schon ein männlicher Chef, dann ein kompetenter.» oder: «50 Prozent Frauen-Anteil bei Ressortchefs und BereichsleiterInnen.» Oder einfach nur: «Chefredaktorin». Weiter: «Frauen als Delegierte im Verwaltungsrat». Es wurde eine ständige Kommission für Frauenfragen gefordert und dass bis 1995 jede dritte Stelle auf der TA-Redaktion von einer Frau besetzt sein müsse.

Für Frauen, die in der Medienbranche arbeiten, ist nicht erstaunlich, dass auch die Sprache im Fokus stand: Eine feministische Sprachregelung wollten die einen, andere forderten: «Sexismus ausschalten – im eigenen Arbeitsalltag, aber auch in der Darstellung und Sprache von TA-Produktionen.»

Teilzeitstellen wurden gefordert – explizit auch für Männer: «Teilzeit-Männer sind vollwertige Männer.» Und dann natürlich immer wieder gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Schliesslich, ganz konkret, ein Kinderhort. Um 17 Uhr stellten sich eine Frau und ein Mann vom TA-Personaldienst den Fragen der streikenden Frauen. «Wir mussten dabei feststellen, dass das Thema Frauenförderung bei den Personalverantwortlichen noch kaum angekommen war», sagt Eva Mackert.

Von wegen, wenn Frau will

Und wie sah denn am nächsten Tag der Tagi aus, wenn doch die Frauen streikten? Die Layouterin Elsbeth Keller setzte sich zwar für den TA-Frauentag ein, war aber am Streiktag in den Ferien. Sie sagt: «Es wäre gar nicht aufgefallen, wenn ich gestreikt hätte. Ich war ja die einzige Frau im Layout-Team.»

Und weiter: «Von wegen ‹Wenn Frau will, steht alles still›. Das war im Tagi gar nicht der Fall. Bei dem geringen Frauenanteil lief fast alles weiter wie gewohnt, obwohl die Frauen streikten.» Allerdings kehrten einige der Streikenden zwischendurch an ihren Arbeitsplatz zurück, um einer Kollegin die Teilnahme zu ermöglichen.

Die Streikenden versammelten sich im Innenhof an der Werdstrasse. Foto: Doris Fanconi

Ohnehin streikten nicht alle Frauen. Eva Uhlmann, damals Assistentin der Chefredaktion, sagt: «Mich hat das Frauenthema als solches nie besonders interessiert. Ich hatte nie Grund, mich diskriminiert zu fühlen, ich bin eigentlich (von Männern!) eher gefördert worden.» Der damalige Chefredaktor Viktor Schlumpf und auch sein Vorgänger Peter Studer wurden im Übrigen auch von den weniger zufriedenen Frauen als aufgeschlossen empfunden. Auch gegenüber Frauenanliegen.

Am 23. Januar 1992 überreichten drei Frauen dem VR-Präsidenten Hans Heinrich Coninx und CEO Michel Favre ein Weissbuch, das unter anderem die Forderungen der TA-Frauen zusammenfasste und aus dem oben teilweise zitiert wurde. Im Editorial steht: «Die eigentliche Arbeit fängt ja erst an.»

«Stauffacher Deklaration»

Einen konkreten Erfolg hatte der Frauentag: Am 1. September 1997 wurde die Kinderkrippe Rasselchischte eröffnet. «Das kam allerdings nur zustande, weil die Frauen von der ‹Schweizer Familie› nicht nachgaben», betont Eva Mackert.

Und dann war da noch ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl, das entstanden war. «Und zwar über alle Bereiche hinweg», erinnert sich Doris Fanconi. Es dauerte bis 2013, dass vonseiten der Tagi-Redaktion ein nächster Anlauf unternommen wurde: Es konstituierte sich eine Frauengruppe, um den Frauenanteil zu erhöhen: Er betrug damals auf der Redaktion 26 Prozent, im Kader mit Erfolgsbeteiligung 6 Prozent.

«Bis 1995: Jede dritte Stelle auf der TA-Redaktion ist von einer Frau besetzt.»Forderung Wandzeitung 1991

Die Chefredaktion unterschrieb die sogenannte Stauffacher Deklaration, die auf allen Ebenen innert drei Jahren einen Mindestanteil von 30 Prozent Frauen postulierte. Die Deklaration fand weitherum grosse Beachtung – und wurde nach Ablauf der Frist von den Initiatorinnen für gescheitert erklärt.

Und wie sieht es heute aus? Von den exakt 300 Mitarbeitenden, die vor gut einem Monat im Tagi mit kleinem Bild vorgestellt wurden, sind 97 weiblich. Ein Viertel der Kaderpositionen ist laut Unternehmenskommunikation in den Händen von Frauen. Und der Tagi hat heute eine Chefredaktorin, auch die Ta­media Editorial Services, zu denen zum Beispiel Bildredaktion, Infografik und Produktion gehören, werden von einer Frau geleitet. In der fünfköpfigen Chefredaktion der TA-Media-Mantelredaktion sitzt jedoch keine Frau. Und ein Blick auf den Verwaltungsrat und die Unternehmensleitung zeigt 14 Männer und 1 Frau.

Wirtschaft ist Männersache

Tamedia sei sehr bemüht, den Frauenanteil auf allen Positionen innerhalb der gesamten Gruppe weiterzusteigern, sagt Patrick Matthey, Leiter Kommunikation bei Tamedia. «So ziehen wir – zum Beispiel – im Rekrutierungsprozess bei gleicher Eignung Frauen vor.» Tamedia lege zudem grossen Wert auf Lohngleichheit, und die Kadermitarbeitenden würden aufgefordert und darauf sensibilisiert, die Lohngleichheit bei Frauen und Männern in vergleichbaren Funktionen durchzusetzen.

Das Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW Winterthur hat 2016 eine Studie zum Thema erstellt: Sie zeigt, dass in der Schweizer Medienbranche drei von vier Führungspositionen von Männern besetzt sind. Und die Ressorts Politik und Wirtschaft sowie Meinungsartikel wie Kommentare und Analysen sind bis heute Männerdomänen. Auch verdienen laut dieser Studie Journalistinnen bei gleicher Berufserfahrung im Schnitt 700 Franken im Monat weniger als ihre Kollegen.

Erstellt: 22.05.2019, 10:10 Uhr

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