Als man das Café Odeon noch Schwartenmagen nannte

Ein Stadtspaziergang erzählt Zürichs Kaffeegeschichte vom ersten Kaffeehaus bis hin zu den Automaten-Cafés.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bereits 1618 berichtete der Zürcher Barbier und Wundarzt Johann Jacob Ammann nach seiner Orientreise vom bis anhin in Europa noch unbekannten «schwartz Wasser». Er schwärmte in einem Bericht von seiner stimulierenden Wirkung und dem öffentlichen Konsum, der zum Diskutieren anrege. Der Kaffee hatte in Zürich dennoch keinen einfachen Start: Weil er die Gesundheit untergrabe und den Geist verwirre, verbot der Zürcher Rat ihn zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Ein Verbot, das ganz im Sinne der Zünfte war: Sie besassen die meisten Weinberge und waren nicht daran interessiert, eine Alternative zu ihrem in vielen Dokumenten als schlecht geschimpften Wein zu bieten. Mit dieser Anekdote beginnt die Kunsthistorikerin Yvonne Höfliger den ersten Stadtspaziergang zu Zürichs reicher Kaffeegeschichte (siehe Box).

Dank Napoleon kam der Kaffee

Nachdem sich Napoleon in Frankreich an die Macht geputscht hatte, musste sich Zürich 1798 der helvetischen Verfassung Frankreichs unterwerfen. Die Zünfte verloren ihre Machtstellung, und das Kaffeeverbot wurde aufgehoben. Das allererste Zürcher Café war das Café Littéraire, das 1804 eröffnete. Es befand sich im Haus zum Roten Turm, gleich neben dem Storchen. Auf den Bistrotischen lagen kritische ausländische Zeitungen, Liberale debattierten mit Konservativen, qualmten sich die Köpfe voll, spielten Schach und Billard.

Das zweite Café der Stadt, das Café de la Commerce, entstand 1830 in unmittelbarer Nähe: in der Trinkstube zur Saffran, dem heutigen Zunfthaus. Wo sich früher nur die Herrschaften treffen durften, verkehrten nun die Handels- und Seidenmänner. Nach und nach wurden Zunfthäuser zu Kaffeehäusern und standen nun allen offen. Bis 1848 zählte Zürich 17 Kaffeehäuser, zu den ersten gehört auch das Café Ernst an der Bahnhofstrasse, das es seit 1837 gibt.

Privater Konsum kultiviert

Bereits während des Kaffeeverbots tranken einige Zürcher das «schwartz Wasser» bei sich zu Hause. Ab 1780 waren vier Kaffeesorten erhältlich, allesamt aus den holländischen und französischen Kolonien. Man brauchte die grünen Bohnen bloss in einer Bratpfanne zu rösten und mit kochendem Wasser zu übergiessen – schon trank man Kaffee. Mit Schwarzenbach Colonialwaren, 1864 gegründet, wurde auch der private Kaffeekonsum kultivierter.

Weniger kultiviert gings beim Alkoholkonsum zu: Mit der 1874 eingeführten vollen Handels- und Gewerbefreiheit schossen neue Wirtschaften und Bierbrauereien wie Pilze aus dem Boden, und vor allem die ärmeren Zürcher tranken sich ins Elend. Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, gründeten einige wohlhabende Damen den Frauenverein für Mässigkeit und Volkswohl, die heutige ZFV-Unternehmung.

Am 17. Dezember 1894 eröffnete der Frauenverein mit dem Kleinen Marthahof die erste alkoholfreie Kaffeestube. Es folgten das Haus Karl der Grosse an der Kirchgasse und 1900 das alkoholfreie Volks- und Kurhaus am Zürichberg, das heutige Hotel Zürichberg. Bis 1904 legten die Damen ein Dutzend Weinlokale trocken. In ihren Kaffeehäusern musste man nichts konsumieren und konnte auch nur Zeitung lesen – ein Beitrag an die Bildung.

Das erste Kaffeehaus, in dem sich Damen auch ohne Herren zeigen konnten, war das Café Sprüngli am Paradeplatz. 1859 zog David Sprüngli mit seiner Confiserie aus dem heutigen Bianchi-Haus an der Marktgasse an den Paradeplatz. Er entschied strategisch, sollte doch der neue Bahnhof direkt beim Paradeplatz zu stehen kommen. Dem war nicht so, aber der Confiseur bewies trotzdem ein glückliches Händchen. An der ersten Landesausstellung 1883 in Zürich schenkte er in einem Pavillon auf dem Platzspitz Kaffee aus. Und weil er damit so grossen Erfolg hatte, richtete er im 1. Stock über der Confiserie einen Erfrischungsraum ein, der rauchfrei war. Hier durften Damen ohne Herrenbegleitung Patisserie geniessen.

Odeon gibts dank Lottogewinn

Ein weiterer Pionier war der Zürcher Kaufmann Julius Uster. Er wollte ein stattliches Haus beim Bellevue bauen, ging aber während der Bauarbeiten in Konkurs. Dank einem Gewinn in der spanischen Lotterie konnte er das Grand Café Odeon am 1. Juli 1911 doch eröffnen. Das Kaffeehaus mit den riesigen Fenstern, den Kronleuchtern und Spiegeln hätte auch in Wien stehen können. Die mit rosa Marmor verkleideten Wände gaben dem Lokal den Spitznamen Schwartenmagen. Stefan Zweig, Erich Maria Remarque, James Joyce, Lenin, Mussolini und Trotzki haben hier Kaffee getrunken, und im Dancing im 1. Stock soll gar Mata Hari getanzt haben.

Nicht dem angenehmen Zeitvertrieb dienten indes die 1901 eröffneten brandneuen Automaten-Cafés am Ende der Bahnhofstrasse. Sie sollten gehetzen Geschäftsmännern zu einer schnellen Koffeinzufuhr verhelfen. Die findigen Betreiber waren aber ihrer Zeit voraus. 1905 ging der eine, 1907 der andere ein. Erst 100 Jahre später eroberten Kaffeeautomaten die Bahnhöfe.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch

Erstellt: 18.04.2010, 20:50 Uhr

Zürcher Kaffeegeschichte

Wegen Umbau und Renovationsarbeiten ist das Johann-Jacobs-Museum voraussichtlich bis Ende 2010 geschlossen. Als Alternative zum Museumsbetrieb führen Kenner jeden zweiten Sonntag von April bis Oktober an Orte in der Innenstadt, an denen Kaffeegeschichte geschrieben wurde. Die nächsten Daten: 2. Mai, 16. Mai. 30. Mai, 13. Juni, 27. Juni. Treffpunkt ist jeweils um 11 Uhr in der offenen Helmhaus-Halle am Limmatquai (Tram 4 oder 15 bis Helmhaus). Ab drei Personen finden die etwa zweistündigen Führungen bei jeder Witterung statt. Kosten pro Person: 10 Franken. Reservationen zwei Wochen im Voraus beim Johann-Jacobs-Museum, Telefon 044 388 61 51, oder Mail an team@johann-jacobs-museum.ch. (mom)

Artikel zum Thema

Das Klima macht den Kaffee knapp

Die Kaffeeproduzenten weltweit bekommen zunehmend Probleme wegen der globalen Erwärmung des Klimas. Ihr Verband sorgt sich bereits wegen einer Unterversorgung. Mehr...

Tee oder Kaffee?

Tee oder Kaffee? Diese Frage zielt in den USA derzeit nicht auf Trinkgewohnheiten ab. Anhänger von Barack Obama schlagen mit der neuen «Coffee Party» gegen die reaktionäre «Tea Party» zurück. Mehr...

Dorfkaffee.

Dienstag
Lufingen Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Blogs

Sweet Home Machen Sie mehr aus Ihrem Sofa

Geldblog Georg Fischer fährt Achterbahn

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...