Alte Knochen verhindern ein Stück 2000-Watt-Gesellschaft

In Zürichs Innenstadt ist ein ökologisches Projekt an den starren Vorgaben für die Archäologie gescheitert.

In Zürich kann man kaum graben, ohne auf Knochen und Scherben zu stossen – hier unter dem Münsterhof. Foto: Dieter Seeger

In Zürich kann man kaum graben, ohne auf Knochen und Scherben zu stossen – hier unter dem Münsterhof. Foto: Dieter Seeger

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Für den Zürcher Historiker Roger Sablonier war die Vergangenheit eine ernste Angelegenheit, doch wenn es um Archäologie ging, überkam ihn der Schalk: Man könne hierzulande an einem beliebigen Ort ein Loch graben, pflegte er seinen Studenten zu sagen – wenn man nur tief genug vordringe, finde man garantiert irgendwelche Scherben.

Die Fachleute des Kantons Zürich gehen die Sache systematischer an: Auf ­einer Karte haben sie jene Zonen eingezeichnet, wo sie archäologische Funde erwarten. Wer dort bauen will, muss damit rechnen, dass erst einmal die Altertumsforscher mit Hacke und Pinsel ans Werk gehen – bei manchen Projekten auf Kosten des Bauherrn.

Grabungen teurer als der Bau

Das hatten die Eigentümer mehrerer Häuser am Münsterhof nicht auf der Rechnung, als sie einen Schritt in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft machen wollten. Weil der Platz neu gestaltet wird, sahen sie eine Gelegenheit, sich an den Energieverbund Fraumünster anzu­schlies­sen. Das Stadtzürcher Elektrizitätswerk (EWZ) pumpt in der Nähe Wasser aus dem See, um damit auf umweltschonende Art neun Liegenschaften zu heizen oder zu kühlen, darunter das Zürcher Stadthaus. Um weitere Häuser anzuschliessen, hätte man ein Leitungsrohr im Untergrund des Münsterhofs verlegen müssen, wo derzeit ohnehin Tiefbauarbeiten im Gang sind.

Die Kosten von 500'000 Franken schienen zunächst tragbar – aber dann zeigte sich, dass weitere 800'000 Franken für archäologische Grabungen hinzugekommen wären. Dies hätte der Energieverbund zahlen müssen, was für dessen Kunden einen Preisaufschlag von 40 Prozent bedeutet hätte. Das erachtete das EWZ als unzumutbar. Auch die Fachleute der Stadt kamen zu einem negativen Urteil und begruben das Projekt am 1. April an einer Sitzung in Anwesenheit der zuständigen Stadträte Andres Türler, Filippo Leutenegger (beide FDP) und André Odermatt (SP).

Kein Verständnis dafür hat Architekt Niklaus Hirzel, Miteigentümer eines der Häuser am Münsterhof. Man müsse die Leitung jetzt verlegen, verlangt er, solange die Gräben noch offen seien. Später werde das viel teurer. Hirzel ist überzeugt, dass man einen Weg gefunden hätte, wenn der Wille wirklich da gewesen wäre – zumal in einer Stadt, die sich als Energiestadt brüste. Es stellt sich vor allem folgende Frage: Kann die Stadt die Archäologie nicht finanzieren, ohne die Kosten auf die Kunden des Energieverbunds abzuwälzen? Lisa Rigendinger, Sprecherin des Departements der Industriellen Betriebe, sagt, der Stadtrat habe keinen Beurteilungsspielraum gehabt. Die Rechtslage sei eindeutig.

Kein Spielraum – wirklich nicht?

Nimmt man die gesetzlichen Grundlagen zur Hand, relativiert sich das ein Stück weit. Eindeutig sind nur die Regeln auf kantonaler Ebene: Das Planungs- und Baugesetz verpflichtet den Staat und öffentlich-rechtliche Anstalten wie das EWZ, die Kosten für Rettungsgrabungen zu übernehmen, wenn sie mit einem Bauvorhaben eine archäologische Stätte zerstören.

Diffuser wird es auf kommunaler Ebene. Laut EWZ-Sprecherin Claudia Pfister zahlt die öffentliche Hand die Mehrkosten für die Archäologie immer dann, wenn es um die Grundversorgung geht – etwa bei Schulhäusern oder Kanalisationen. Für das EWZ-Geschäftsfeld der Energiedienstleistungen gelten jedoch eigene Regeln: Hier müssten seit diesem Jahr sämtliche Projekte eigenwirtschaftlich sein – deshalb die Weiterverrechnung der Kosten an die Kunden. Im entsprechenden Leistungsauftrag ans EWZ steht wörtlich allerdings nur, es sei «anzustreben», dass das besagte Geschäftsfeld eigenwirtschaftlich sei.

Trotzdem hat das EWZ laut Pfister keinen Spielraum. Die Vorschrift sei nur deshalb so weich formuliert, weil das EWZ wegen der Unberechenbarkeit des freien Marktes die Eigenwirtschaftlichkeit nicht in jedem Fall garantieren könne, sagt sie. «Der Auftrag des Gemeinderates lautet jedoch klar, dass wir nur Projekte umsetzen, welche die vorgängige Wirtschaftlichkeitsprüfung bestehen.»

Rigendinger vom Departement der Industriellen Betriebe sagt, dass man fürs EWZ keine Ausnahme machen könne – selbst wenn es um ein ökologisch sinnvolles Projekt gehe wie in diesem Fall. «Es würde sonst ein Präjudiz geschaffen für zukünftige Ausnahmeregelungen.» Es sei auch nicht denkbar, dass die öffentliche Hand einspringe und die Kosten für die Archäologie übernehme, weil der historische Erkenntnisgewinn im allgemeinen Interesse liege. Schliesslich habe die Stadt nicht die Absicht, auf dem Münsterhof ohne äusseren Anlass Grabungen durchzuführen, weil das archäologisch interessant wäre.

Am besten alles im Boden lassen

Bleibt die Frage, warum der Untergrund an Orten unter Schutz steht, wo die Archäologen gar nicht graben wollen. «Unsere Hauptaufgabe ist es, historische Quellen im Boden zu belassen, wo sie seit Jahrhunderten bestens aufgehoben waren», sagt dazu Beat Eberschweiler, Leiter der Kantonsarchäologie. «Die beste Grabung ist jene, die nicht durchgeführt werden muss.» Selbst wenn man behutsam vorgehe, zerstöre man vieles und verpasse so Informationen, die man in Zukunft mit besseren Methoden womöglich erfassen könnte. Es sei aber nicht das Ziel, Bauvorhaben zu verzögern oder gar zu verhindern.

Für die Hausbesitzer am Münsterhof ist das ein schwacher Trost. Sie müssen bei nicht erneuerbarer Energie bleiben, denn das Zeitfenster für ihr Vorhaben ist laut Pfister mittlerweile definitiv zu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2015, 21:31 Uhr

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