«Am Anfang mussten die Gäste ihre Getränke noch selber mitbringen»

Erwin Scheiwiller führte 34 Jahre lang den Club Hey beim Bellevue. Jetzt hört er auf. Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch erinnert er sich an die Anfänge des ältesten Clubs von Zürich.

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Herr Scheiwiller, Sie geben nach 34 Jahren die Leitung des Clubs Hey ab. Was war der Auslöser für diesen Entscheid?
Es ist einfach Zeit für mich, aufzuhören. Ich wollte die Verantwortung nicht mehr tragen und es ruhiger angehen. Es braucht neue Ideen, deshalb sollen die Jungen das jetzt machen. Abgesehen davon, sollte man gehen, solange man noch Freude an der Arbeit hat.

Bedauern Sie es, dass Sie das Lokal beim Bellevue räumen müssen?
Nein, der Zeitpunkt ist praktisch. Es hätte sowieso ein Wechsel stattfinden müssen, weil ich langsam zu alt bin für den Job. Der Umzug ist dafür gerade der passende Anlass. Aber die Seefeldisierung drückt schon auf die Innenstadt. Jetzt wird es vornehm am Bellevue.

Das klingt bitter.
Die ganze Entwicklung in der Stadt ist bitter. Die Leute wollen mehr Umsatz aus ihren Häusern generieren. Das ist verständlich, aber schade. Wir haben die Leute aus den Peripherien und von der Langstrasse zu uns ans Bellevue gelockt. Jetzt werden sie wieder aus dem Zentrum verdrängt.

Befürchten Sie Probleme, wenn der Club statt am Bellevue in Oerlikon betrieben wir?
Nein, es werden die gleichen Leute kommen wie sonst auch. Ausserdem liegt der Club ja nicht in einer finsteren Seitengasse sondern gleich neben dem Bahnhof. Man kann uns also problemlos mit dem Bus, dem Tram oder der S-Bahn erreichen.

Was bleibt nach 34 Jahren Club Hey an der Rämistrasse?
Die Erinnerung an die vielen unterschiedlichen Gruppierungen, die bei uns «Unterschlupf» bekamen, wenn sie sonst niemand wollte. Wir konnten ihnen die Möglichkeit bieten, aufzutreten und Feste zu veranstalten. Wir haben alles unter ein Dach gebracht und jeder musste den anderen tolerieren – sonst hatte er nichts verloren bei uns. Das hat immer funktioniert.

Woran erinnern Sie sich besonders gern?
Jedes Wochenende war ein Highlight. Wir haben die Künstler immer alle gleich behandelt. Einen Knicks vor Stars gabs nie, obwohl auch Elton John, Alfred Biolek und andere Prominente aus der Musik- und Sportbranche bei uns verkehrten. Auch Dieter Meyer hat sein erstes Konzert bei uns gegeben. Aber uns war es eigentlich egal, wer da kam und ging.

Warum wurde der Club 1974 gegründet?
Ursprünglich wollten wir für die Schwulenszene einen Club gründen. Das gab es damals noch nicht in Zürich. Wir konnten das Hey nur aufbauen, weil uns damals viele einen Kredit gewährt haben. Am Anfang mussten die Gäste ihre Getränke noch selber mitbringen. Vieles lief auf freiwilliger Basis. Ohne meine Mitarbeiter wäre nichts gelaufen. Die haben von Beginn weg solidarisch geholfen und kaum etwas verdient.

Und wie hat sich die Clubszene seit damals verändert?
Wir haben uns sukzessive den Veränderungen angepasst. Das war unser Glück. Weil wir mit unserem Programm jeden Tag ein anderes Publikum angesprochen haben, haben wir nie eine Szene angelockt. Also waren beispielsweise Drogen nie ein Problem. Das ist heute in den meisten anderen Clubs der Fall.

Ist die Ausgangsgesellschaft gewalttätiger geworden?
Gewalt war immer präsent. Meist wird nach einem Anlass noch um eine Frau «gchiflet» oder sonst etwas. Vor allem wenn Alkohol im Spiel ist. Das war schon früher so. Damals hat man einfach die Polizei geholt. Heute müssen vor allem an Wochenenden Türsteher und Sicherheitsleute vor Ort sein. Wir haben es immer so geregelt, dass die jeweiligen Veranstalter auch selbst für die Sicherheit sorgen müssen. Das hat sich bewährt, weil es so weniger Spannungen gibt.

Zum Abschluss des Hey Clubs wollen Sie alles an Ihre Mitarbeiter verschenken?
Ja, das ist so. Und ausserdem: Was soll ich mit alledem? Die Leute sollen schliesslich weiterhin Konzerte veranstalten können. Wenn ich das Schlagzeug mit nach Hause nehmen würde, hätte ich wohl innerhalb kürzester Zeit die Kündigung im Briefkasten.

Werden Sie sich jetzt ganz ins Privatleben zurückziehen?
Nein, nein. Ganz aufhören werde ich nicht. Die Konzertreihe werde ich auch in unserem neuen Clublokal in Oerlikon betreuen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.12.2010, 12:59 Uhr

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