Am Bahnhof Oerlikon platzt den Pendlern der Kragen

Der Bahnhof in Zürich-Nord ist derzeit eine einzige Baustelle. Reisende ärgern sich, weil sie Umwege über behelfsmässige Holztreppen machen müssen. Und viele stranden vor einem abgesperrten Perronzugang.

Wie in einem Irrgarten: Viele Bahnreisende finden sich im Bahnhof Oerlikon nicht zurecht, weil der Zugang zu den Gleisen erschwert ist. Foto: Sabina Bobst

Wie in einem Irrgarten: Viele Bahnreisende finden sich im Bahnhof Oerlikon nicht zurecht, weil der Zugang zu den Gleisen erschwert ist. Foto: Sabina Bobst

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In forschem Tempo, das Handy am Ohr, marschiert der Pendler in Richtung Unterführung, da steht er plötzlich vor einem Holzverschlag. Es folgt eine Fluchtirade, die wir hier lapidar mit «Mist» übersetzen. Auf keinem Bahnhof im Land wird wohl derzeit so viel geflucht und geschimpft wie auf dem Bahnhof Oerlikon. Seit Montag ist nämlich das Perron 1 eine Einbahnstrasse. Der Ab- und Aufgang in die Unterführung auf der Seite Wipkingen ist abgesperrt. Deshalb stranden fast ununterbrochen Bahnreisende vor dem Holzverschlag, sodass die SBB-Schalterangestellte, die hier eigentlich nur ihre Zigarettenpause machen wollte, mit Fragen bestürmt wird.

Eine Frau, die bei der ABB arbeitet, hat die Nase gestrichen voll. Seit zwei Jahren müsse sie sich über behelfsmässige Holztreppen und ewig lange Umwege auf die andere Seite des Bahnhofs durchschlagen. Einmal sei sie dabei schwer gestürzt, und immer wieder beobachte sie ältere Leute oder Mütter mit Kinderwagen, für die es kein Weiterkommen mehr gebe. «Doch jetzt haben die Bauplaner noch einen drauf gesetzt», schimpft sie. Sie habe sich zwischen Baustellenwagen und Material­depots durchkämpfen und zwischendurch aufs Tramgleis ausweichen müssen, um schliesslich auf die andere Seite des Bahnhofs zu kommen – und dort prompt den Bus verpasst.

SBB bitten um Verständnis

Reto Schärli, Mediensprecher der SBB, kennt die Verhältnisse am Bahnhof Oerlikon als Quartierbewohner, Velo- und Bahnfahrer aus eigener Anschauung. «Die Bahnkunden müssen am Bahnhof Oerlikon tatsächlich längere Wege und andere Einschränkungen und Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen», sagt er. «Wir entschuldigen uns dafür.» Es sei einfach ein äusserst komplexes Bauprojekt. Im Zusammenhang mit der Durchmesserlinie verbreitern und modernisieren die SBB bis 2016 den ganzen Bahnhof. «Und das bei vollem Betrieb.»

Seit längerem wird auf der Nordseite gebaut, seit Montag ist nun auch die Südseite, die sich zum Zentrum Oerlikon öffnet, dran. In den kommenden Monaten werden die Personenunterführungen erneuert, was für die Pendler besonders spürbar ist. So ist der Zu- und Abgang zu Perron 1 auf der einen Seite gesperrt, und die Züge halten auf Gleis 1 und 2 rund 100 Meter weiter Richtung Wallisellen, was die Wartenden regelmässig zu Zwischenspurts nötigt. «Das bleibt voraussichtlich so bis Mitte 2016», sagt Schärli. «Danach ist der Bahnhof aber sehr viel komfortabler», verspricht er. Insbesondere auch für Personen, die in ihrer Mobilität behindert seien. Für sie war der sechstgrösste Bahnhof des Landes schon immer ein Hindernislauf. Die Unterführungen werden verbreitert und mit Liften versehen, dazu gibt es eine neue Ladenpassage und eine Quartierverbindung – auch für Velos – sowie eine unterirdische Velostation.

Kopfschüttelnde Touristen

Das Durchgang-verboten-Schild ist eigentlich unübersehbar. Und doch drängt sich ein Mann in Eile an den Bau-abschrankungen vorbei und rennt dorthin, wo bis Montag eine Treppe in die Unterführung führte. «Hallo, gaats na!», ruft er wütend, als er diese versperrt vorfindet. Und von unten herauf tönt es: «Wie komme ich hier rauf?» Was die Sicherheit betrifft, könne man den SBB keinen Vorwurf machen, sagt ein zufällig vorbeispazierender Bahnpolizist. Die Absperrungen und die Ausschilderung seien unmissverständlich. Dann wird er aber gleich von einem Mann in Beschlag genommen, der den Kiosk sucht.

Eine Touristin mit mehreren Gepäckstücken kommt mittlerweile ein zweites Mal daher, weil sie den Ausgang zum Bahnhofplatz nicht gefunden hat. Die ABB-Angestellte erzählt von Touristen, die kopfschüttelnd dagestanden und begonnen hätten, die chaotischen Zustände zu fotografieren. «Nie hätten sie so etwas in der Schweiz erwartet.» Zudem seien am Montagmorgen nirgends Infotafeln zu sehen gewesen. Schärli räumt ein: «Am Montag waren leider noch nicht alle Tafeln aufgestellt.» Mittlerweile sei die Beschilderung aber verbessert worden. Und es seien auch Kundenlenker im Einsatz, um die neuen Wege zu erklären.

Trotzdem meckert eine Gruppe Schülerinnen: «Weshalb gibt es hier keine Informationstafeln?» Sie stehen direkt vor einer grossen Blache, auf der die SBB darauf hinweisen, welche Wege zu den Gleisen oder zum Bahnhofplatz führen. Nur wird diese oft übersehen. «Ich dachte, die gehöre zur Baustelle», sagt eine der jungen Frauen. Tatsächlich ist die Blache im SBB-Rot-Weiss gehalten, das eben auch die gängige Farbkombination ist für Baustellenabschrankungen. Ein Passant bestätigt das: «Ich dachte, das sei eine Werbung der SBB oder des Bauunternehmens.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2014, 02:25 Uhr

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