Am Bankschalter wurde er zum Liberalen

Andri Silberschmidt ist gerade mal 20 – und Urheber der Kirchensteuerinitiative. Seit er das Gymnasium mit 15 geschmissen und eine Banklehre gemacht hat, fühlt er sich wohl im Anzug.

Andri Silberschmidt ist ganz und gar jungliberal. In der Roten Fabrik versuchte er, Bier mit Kreditkarte zu zahlen. Foto: Sabina Bobst

Andri Silberschmidt ist ganz und gar jungliberal. In der Roten Fabrik versuchte er, Bier mit Kreditkarte zu zahlen. Foto: Sabina Bobst

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Andri Silberschmidt sitzt im Café Mandarin in einem schwarzen Anzug, trinkt ein Rivella grün und zeigt lachend seinen Badge. Auf dem Bild ist er 15 Jahre alt und hat soeben die Lehre bei der ZKB angetreten. Das war vor fünf Jahren – und da war Andri noch ein anderer. Ein Bub mit einer wilden, asymmetrischen Frisur, der eben noch mit seinen Gymikollegen in der Pause eine geraucht und es easy genommen hat. Heute ist sein Leben durchgetaktet. Vier Tage die Woche betreut er als Portfoliomanager Aktienpakete in der ZKB, daneben studiert er an der ZHAW Betriebsökonomie, absolviert im Fernstudium ein Zertifikat für die Analyse der Finanzmärkte und engagiert sich in jeder freien Minute für die Jungfreisinnigen.

Am Anfang dieser Entwicklung steht der Bankschalter. Nachdem er das Gymi geschmissen hat, sitzt Andri Silberschmidt also hier, mit seiner frechen Frisur und im Anzug, in dem er sich verkleidet fühlt. Den Kunden, die er an «seiner Kasse» empfängt, darf er bis 15 000 Franken auszahlen. «Da macht man sich so seine Gedanken.» Der Lehrling will einen guten Eindruck machen und zeigen, dass er Verantwortung übernimmt. Er lässt sich die Haare schneiden und wird auserkoren, an der offiziellen 1.-August-Feier der Stadt eine Ansprache zu halten.

Für seine vierminütige Rede beschäftigt er sich so eingehend mit der Zukunft der Schweiz, dass er politisch dranbleiben will. War er am Gymi noch eher links eingestellt, denkt er nun liberal. Andere bevormunden, ihnen etwas aufzwingen – das ist ihm zutiefst zuwider. Da es in seinem Bezirk keine jungfreisinnige Partei gibt, gründet er gleich selbst eine. Bald schon engagiert er sich im kantonalen Vorstand, nun präsidiert er die Jungfreisinnigen. «Ich wollte das gar nie», sagt er und lächelt. Zufall und Glück hätten mit Regie geführt. Und ja, er tendiere dazu, immer mehr zu wollen. Und wenn er kann, packt er selbst an.

Die SVP folgte ihm überraschend

So nimmt er auch an diesem Donnerstagabend wie so oft nach der Arbeit an einer politischen Veranstaltung teil. Er referiert an der Delegiertenversammlung der SVP in Herrliberg über die Kirchensteuerinitiative, die er lanciert hat. Ohne eine Spur von Nervosität tritt er vor die 220 Delegierten und erörtert, weshalb die Kirchensteuer für Firmen abzuschaffen sei. Er vergleicht die Kirchensteuer mit den Billag-Geldern. In beiden Fällen gehe es um ungerechtfertigte Zwangsabgaben. Und er fragt in die Runde: «Macht Ihr Coiffeur katholische Frisuren? Verkauft Ihr Metzger reformierte Würste?» Viele im Publikum lachen. Die SVP-Delegierten stimmen mit 131 zu 38 überraschend klar Ja.

Mittlerweile fühlt sich Silberschmidt im Anzug wohl. Er weiss, dass er so gestylt das Klischee des elitären Jungfreisinnigen bedient. Doch er ist keiner, der sich abends einen Whiskey und eine Zigarre gönnt. Er ist stets mit Aktentasche, Laptop und dem Haargeltopf unterwegs, trinkt Rivella und raucht Marlboro light. Seine Position muss er daheim verteidigen, die Eltern und die Schwester stehen weiter links als er. Um die politischen Gegner besser zu verstehen, besucht er ihre Anlässe, kürzlich eine Genderdebatte in der Roten Fabrik. Amüsiert erzählt er, wie er vergeblich versuchte, sein Bier mit Kreditkarte zu zahlen.

«Er hat Format»

In der Mutterpartei und bei den Jungpolitikern der Gegenparteien kommt Silberschmidt gut an: Pascal Bührig, Co-Präsident der Juso Kanton Zürich, findet ihn umgänglich und «für jungfreisinnige Verhältnisse erstaunlich bodenständig». Er vertrete eine glasklare Position, wobei er differenzierter und weniger schemenhaft denke, als er oft argumentiere. Obwohl er rechtsliberal politisiere, sei er offen für Kompromisse. Auch der Vizepräsident der Grünen Schweiz, Luca Maggi, mag und schätzt Silberschmidt. «Wer mit ihm diskutieren will, muss seriös vorbereitet sein. Denn er kontert stets mit guten Argumenten.» Patrick Walder, Vizepräsident Junge SVP Kanton Zürich, sagt, Silberschmidt sei zuverlässig, vertrete seine Meinung klar, verständlich und mit einer Prise Humor. «Er verkraftet es, wenn man ihn hart anpackt. Er hat Format.»

So sehr Silberschmidt sich über seinen Erfolg freut, fragt er sich manchmal, ob er bei all seinen Verpflichtungen nicht etwas verpasse. Auf der Zugfahrt nach Herrliberg sagt er: «Jetzt in der Sonne liegen und mit Kollegen ein Bier trinken, das wäre auch schön.» Aber er kann nicht. Er muss weiter. Es ist seine Idee der Freiheit, die ihn antreibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2014, 07:14 Uhr

Die Argumente der Kirchen gegen die Initiative

Am 18. Mai stimmt Zürich über die Kirchensteuerinitiative ab. Dabei galt die 15-jährige Debatte um die Kirchenfinanzierung im Kanton Zürich eigentlich kürzlich als abgeschlossen. Die Kantonsverfassung von 2005 und das neue Kirchengesetz von 2010 schreiben eine negative Zweckbindung vor: Die Kirchensteuern der juristischen Personen dürfen nicht für Gottesdienste und andere kultische Zwecke eingesetzt werden. Mit den jährlich rund 100 Millionen von Firmen berappen die Landeskirchen ausschliesslich ihr Engagement für Bildung, Soziales, Kultur und Denkmalpflege. Insgesamt stehen den Kirchen für diese Aufgaben zugunsten der Allgemeinheit jährlich 265 Millionen Franken zur Verfügung.

Konkret fliessen die Steuererträge von juristischen Personen etwa in die Jugendarbeit, die Suizidprävention, einen Lehrstuhl für Spiritual Care, in die Entwicklungsprojekte von Heks oder Marktläden von Caritas. Die Kirchen finanzieren auch Projekte, von denen Gewerbe und Wirtschaft unmittelbar profitieren: beispielsweise die Lehrstellenberatung Kabel, Programme für Arbeitslose oder, auf katholischer Seite, die 20 Missionen der Migrantenseelsorge, bei denen anderssprachige Menschen eine religiöse und soziale Heimat finden. All diese Leistungen von gesamtgesellschaftlichem Interesse gehörten zum «Selbstverständnis der Kirchen als öffentliche und gesellschaftliche Kraft zum Wohl der Menschen». Das betonte der reformierte Kirchenratspräsident Michel Müller an der gestrigen Pressekonferenz des Komitees «Nein zur Kirchensteuerinitiative». Überparteilich und breit abgestützt zählt es 575 Mitglieder aus Gesellschaft, Wirtschaft, Kirchen und Politik.

Handelskammer ist dagegen

Die Direktorin der Zürcher Handelskammer, Regine Sauter, sagte, dass rund 80 Prozent der Erträge aus den Kirchensteuern juristischer Personen von Grossunternehmen stammten. Die überwiegende Zahl von Gewerbetreibenden sei als Einzelfirma oder Personengesellschaft organisiert und der Kirchensteuer deshalb gar nicht unterstellt. Weil diese weder ein Wettbewerbsnachteil sei noch von Gewerbe und Wirtschaft als schwerwiegende Belastung wahrgenommen werde, stelle sich die Handelskammer klar gegen die Initiative.

Laut Philipp Kutter, CVP-Kantonsrat und Stadtpräsident von Wädenswil, geht es den Initianten vor allem um die Trennung von Kirche und Staat. Die Initiative sei nur der erste Schritt. Sie wollten keine demokratisch-organisierten Volkskirchen mehr, sondern kompakte religiöse Gemeinschaften wie in den USA.

(Tages-Anzeiger)

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