Am HB Zürich hat sichs ausgeraucht

Seit Dienstag herrscht am Zürcher Hauptbahnhof bis auf wenige Ausnahmen Rauchverbot. Alle anderen Bahnhöfe werden nachziehen.

Blaue Linien kennzeichnen den Bahnhof Stadelhofen als Nichtraucherzone. Sie wurden gestern auch am HB angebracht. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Blaue Linien kennzeichnen den Bahnhof Stadelhofen als Nichtraucherzone. Sie wurden gestern auch am HB angebracht. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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In der Nacht auf Dienstag sind in der Quer- und in der Haupthalle des Hauptbahnhofs fast alle Aschenbecher abmontiert worden, ebenso die Schilder «Danke, dass Sie Ihre Zigaretten hier entsorgen». Im gesamten Bahnhof gilt ein Rauchverbot; dieses ist auch für E-Zigaretten gültig. Einzige Ausnahme: Pro Perron sind zwei grosse Aschenbecher aufgestellt mit dem Hinweis, dass nur zwei Meter links und rechts davon geraucht werden darf.

Für den öffentlichen Verkehr ist das Rauchverbot in Bahnhöfen ein Meilenstein wie 2005, als in allen Zügen ein Rauchverbot eingeführt wurde und die rot gepolsterten, stinkenden Raucherabteile verschwanden. Am Schluss waren die Raucherabteile nur noch zu 25 Prozent besetzt. Sogar Raucher fühlten sich in den grünen Abteilen frischer. Ähnlich heute: 75 Prozent der befragten Pendlerinnen und Pendler wünschen sich rauchfreie Bahnhöfe, wie eine Marktforschungsstudie ergeben hat.

Bis Ende Oktober 2019 werden 1000 Schweizer Bahnhöfe als rauchfrei umgestaltet und mit einzelnen Raucherbereichen versehen. Die Ummarkierung aller Bahnhöfe soll Mitte 2020 abgeschlossen sein. Bereits rauchfrei sind viele Bahnhöfe im Weinland und im Unterland. Gestern Nacht wurden neben dem HB auch die Bahnhöfe Stadelhofen und Tiefenbrunnen umgestaltet, in einer Woche folgen die Stationen am linken Zürichseeufer, ab dem 26. August Altstetten, Enge, Hardbrücke und Wiedikon.

Gesunder Menschenverstand

«Wir schicken keine Raucherpolizei los, die Rauchende auf den Perrons und in den Unterführungen büsst», sagt SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi. Bahnangestellte würden Rauchende jedoch «in freundlichem Ton» auf das neue Rauchverbot und die signalisierten Raucherbereiche auf den Perrons hinweisen. Die SBB vertrauen dem gesunden Menschenverstand des Sicherheitspersonals an den Bahnhöfen. Rein rechtlich darf die Transportpolizei Rauchende im Wiederholungsfall von Bahnhöfen wegweisen.

«Wir setzen auf die soziale Kontrolle und verteilen keine Bussen.»SBB-Sprecher Daniele Pallecchi

Die SBB wollen statt mit Repression mit Plakaten, Signalisierungen und einer öffentlichen Kampagne arbeiten. «Die Umstellung wird wohl etwas Zeit brauchen», sagt Pallecchi. Vor allem schwere Raucher sind sich gewohnt, schon bei der Bahnhofeinfahrt die Zigaretten aus der Tasche zu klauben – und beim Einsteigen den glimmenden Stengel nach einem letzten Zug zwischen Türe und Perron zu werfen. Ausserdem hoffen die SBB, dass die soziale Kontrolle unter den Bahnreisenden spielt.

150 Kippen pro Meter

Der TA hat den Schotter zwischen Perron und Gleis analysiert. Beim Gleis 3 am HB rotten pro Meter bis zu 150 Kippen vor sich hin; die Dichte nimmt gegen den Prellbock hin zu. Beim Bahnhof Stadelhofen liegen pro Meter immerhin bis zu 80 Stummel – obwohl der Bahnhof seit Anfang 2018 offiziell rauchfrei ist. Die Verschmutzung ist wohl deshalb ähnlich hoch wie am HB, weil es auf den Perrons keine Aschenbecher mehr hat.

Laut SBB-Sprecher Daniele Pallecchi müssen die Zigarettenstummel in regelmässigen Zeitabständen in mühsamer Handarbeit aus dem Schotter entfernt werden. Das ist nur in der verkehrsfreien Zeit möglich. Das sogenannte Gleispicken, ein besonders undankbarer Job, kostet die SBB drei Millionen Franken pro Jahr. Entfernt werden auch Alubüchsen, PET-Flaschen, Schokoladenpapier.

Rauchfreie Bahnhöfe erhöhen laut SBB die Aufenthaltsqualität der Kunden durch mehr Sauberkeit und einen angenehmeren Geruch. Zwei Drittel aller an Bahnhöfen anfallenden Zigarettenstummel landen im Gleisfeld, dies sind schweizweit rund 550 Kilo pro Tag respektive 200 Tonnen pro Jahr. Zigarettenfilter bestehen aus Celluloseacetat, einem Kunststoff, und sind biologisch nicht abbaubar.

Ein Kompromiss

Das neue Raucherregime, das in der ganzen Schweiz gilt, ist durch den Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) ausgearbeitet worden. Die Bahnhöfe werden dabei in drei Kategorien unterteilt: An grossen Bahnhöfen mit langen Perrons und Fernverkehrshalten werden zwei Raucherbereiche je Perron eingerichtet, mittlere Bahnhöfe mit einem Raucherbereich je Perron, und an kleinen Bahnhöfen und Haltestellen werden die Raucherbereiche an den Zugängen, die an das Perron grenzen, installiert.

Erlaubt ist das Rauchen nur noch bei den Aschenbechern bei den Bahnhofszugängen sowie in Raucherbereichen auf den Perrons. Auf Bodenmarkierungen – zum Beispiel gelbe Linien oder eine ganze Raucherkabine – verzichten die Transportunternehmen. Das ist laut VÖV ein «Zeichen von Respekt, Toleranz und Miteinander». SBB-Sprecher Pallecchi spricht von einem «gutschweizerischen Kompromiss, der weder Raucher noch Nichtraucher ausgrenzt». SVP-Nationalrat Gregor Rutz, Präsident der Vereinigung des Tabakwarenhandels, sagt: «Radikale Verbote bringen nichts, wichtig ist, dass es an Bahnhöfen weiterhin Orte gibt, an denen geraucht werden darf.»

Die neue Raucherregelung ist im Vergleich zum Ausland ziemlich liberal. Die meisten Länder haben Rauchverbote und Insellösungen auf Bahnhöfen vor der Schweiz eingeführt. In Frankreich werden Rauchende in Bahnhöfen mit 68 Euro gebüsst, in Deutschland mit 15 Euro.

Erstellt: 12.08.2019, 20:52 Uhr

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