Am Schluss blieb nur die Lettenwiese für das Provisorium

Ein Teil der Fussballwiese in Wipkingen dient in den nächsten Jahren als Schulraumersatz. Das Vorgehen sorgt in der Bevölkerung für Unmut. Nun reagiert die Stadt.

Die Bauprofile zeigen es bereits: 40 Prozent der Lettenwiese werden mit dem Schulprovisorium verstellt werden, der Hartplatz bleibt erhalten.

Die Bauprofile zeigen es bereits: 40 Prozent der Lettenwiese werden mit dem Schulprovisorium verstellt werden, der Hartplatz bleibt erhalten. Bild: Marlon Thomann

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Mit der Ankündigung des Stadtrates Ende Juni hatte in Wipkingen kaum jemand gerechnet, seither rumort es im Quartier. Ab nächstem Frühling soll auf der Lettenwiese für rund fünf Jahre ein grösseres Schulprovisorium stehen. Es dient in dieser Zeit als Ersatzraum für drei Bauten der städtischen Volksschule, die instand gesetzt werden müssen. Der Gemeinderat hat den Kredit von 6,9 Millionen Franken bereits gesprochen, die Bauprofile stehen. Die Bevölkerung aber fühlt sich vor den Kopf gestossen, Kinder aus dem Quartier fragen sich, wie viel Fussballrasen ihnen noch bleibt. Bürgernahe Informationspolitik sieht für die Wipkinger anders aus.

Allen voran empört ist Quartiervereinspräsident Beni Weder. «Es gab keinerlei Quartierinformation zum Projekt», sagt er, «und gerade bei einer solch sensiblen Bebauung mitten im Wohnquartier wäre eine solche frühzeitig nötig gewesen.» Zudem ist Weder überzeugt, dass man im Quartier einen anderen Standort oder gar ein anderes bestehendes Objekt für die Zwischennutzung hätte finden müssen. «Ich denke etwa an die leer stehende reformierte Kirche an der Rosengartenstrasse. Schule in der Kirche, das wäre innovativ gewesen», sagt Weder. Er zweifelt auch daran, dass das Provisorium je wieder abgebrochen wird.

«Grünfläche bietet uns Luft zum Atmen»

Ähnlich verärgert ist auch eine Anwohnerin. Die Frau, die anonym bleiben möchte, lebt in einem der Blockrandbauten der Baugenossenschaft BEP, welche die Lettenwiese umgeben. Die Wiese dient der Siedlung mit rund 167 Wohnungen als Innenhof. Die Genossenschaft hat an ihrer Versammlung und in der internen Zeitschrift über das Projekt orientiert. «Diese Grünfläche bietet uns in der zunehmend verdichteten Stadt Luft zum Atmen. Der Bau schränkt dieses Empfinden ein», sagt die Anwohnerin. Auch sie ist überzeugt, dass es im Quartier noch andere Standorte für das Provisorium gegeben hätte. Sie denkt etwa an den Vorplatz des Schulhauses Letten, ans Gemeinschaftszentrum Schindlergut oder an den Parkplatz beim alten Bahnhof Letten. Doch aktiv wehren will sie sich dennoch nicht, da sie für genügend Schulraum einsteht. Wie sie denken viele in der Siedlung.

Für Marc Huber, Kommunikationsverantwortlicher der Immobilien Stadt Zürich, gibt es im Zusammenhang mit dem Provisorium auf der Lettenwiese einiges zu erklären. Zuerst dies: «Wir stellen auf der Lettenwiese drei Einheiten von Schulcontainern auf und keine Züri-Modular-Pavillons (ZM-Pavillons), wie wir es für mittelfristige Kapazitätserweiterungen jeweils tun.» Es sei garantiert, dass das Provisorium nach fünf Jahren wieder zurückgebaut werde. «Zudem steht nur eine dreistöckige Containereinheit parallel zur Imfeldstrasse während fünf Jahren permanent auf der Wiese. Die beiden zweistöckigen Querbauten werden lediglich zweieinhalb Jahre auf der Wiese stehen», sagt Huber. «Während dieser Zeit sind rund 40 Prozent der Wiesenfläche verstellt, in der übrigen Zeit sind es weit weniger.»

Zahlreiche Alternativen geprüft

Nötig ist das Provisorium, weil in einer ersten Etappe die Liegenschaft an der Wasserwerkstrasse, wo einst die Textilfachschule eingemietet war, als Schulhaus umgebaut werden muss, weil die Schülerzahlen stetig steigen und der Schule Letten der Schulraum fehlt. In einer zweiten Etappe wird das Schulhaus Nordstrasse ab 2022 totalsaniert, die Schülerinnen und Schüler während zweier Jahre auf der Lettenwiese unterrichtet. In der dritten Etappe dient das Provisorium als Ersatz für das Kinder- und Betreuungslokal an der Imfeldstrasse, das ebenfalls instand gesetzt werden muss.

Den Vorwurf, man habe keine Alternativen geprüft, lässt Marc Huber nicht gelten. «Wir haben wirklich überall angeklopft, aber am Schluss blieb nur die Lettenwiese.» Man habe bei bestehenden Mietobjekten nachgefragt, bei Liegenschaften Stadt Zürich, Baugenossenschaften, Neubauprojekten, Alterseinrichtungen, bei der neuen Studentenüberbauung an der Rosengartenstrasse oder auch bei der Kirchgemeinde, sei aber nicht fündig geworden. Bei keinem Objekt stimmten Grösse, Aussenraum, Wirtschaftlichkeit, Termine und die Distanz für alle drei Schuleinheiten. «Wipkingen ist bereits stark verdichtet», sagt Huber.

«Bei Bauprojekten dieser Grössenordnung ist eine Quartierinfo nicht üblich.»Marc Huber, Immobilien Stadt Zürich

Dass beim Zustellen einer Wiese durchaus eine gewisse Sensibilität angebracht ist, ist der Stadt bewusst. Im Fall der Lettenwiese hat sie dennoch auf eine Informationsveranstaltung verzichtet. «Bei Bauprojekten dieser Grössenordnung ist eine Quartierinfo nicht üblich», sagt Huber. Eine solche organisiere man meist bei Neubauprojekten, die zur Abstimmung kommen. «Doch», sagt Huber, «es soll nicht der Eindruck entstehen, wir hätten das Projekt an den Anwohnern vorbeischummeln wollen. Die unmittelbar betroffene Baugenossenschaft wurde von Anfang an einbezogen, und vor Ort wurde frühzeitig eine Infotafel platziert.» Nicht zuletzt auf Druck des Quartiervereinspräsidenten findet nun am Montag eine Informationsveranstaltung statt, in der die Stadt Rede und Antwort steht.

Auch wenn 2025 der letzte Container wieder verschwunden ist – die Lettenwiese in ihrer heutigen Form bleibt unter Druck: Laut Huber könnte das Areal langfristig auch für einen Schulhaus-Neubau interessant werden. «Konkrete Pläne gibt es dazu allerdings noch nicht. Wir sprechen da von einem Zeithorizont 2030.»

Informationsveranstaltung Lettenwiese, Montag, 26.8., 18.30 Uhr, Wasserwerkstrasse 119.

Erstellt: 23.08.2019, 17:25 Uhr

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