Am Sihlquai dominieren die Roma-Zuhälter

Der Strassenstrich am Sihlquai wird zunehmend von Dirnen aus Osteuropa besetzt. Die Polizei vermutet in vielen Fällen Menschenhandel, der Nachweis aber ist äusserst schwierig.

Sein Ruf reicht bis nach Budapest. Zürichs grösster Strassenstrich verspricht schnelles Geld und zieht Menschenhändler aus Osteuropa an.

Thomas Burla

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Am Sihlquai findet ein harter Verdrängungs- und Konkurrenzkampf statt. Die Strasse mutiert immer mehr zu Zürichs Hauptstrassenstrich. Andere für die Prostitution ebenfalls vorgesehene Strassen wie Mythenquai, Allmendstrasse in der Brunau, Stauffacherquai sind verwaist. Unterdessen ist bereits bis Budapest bekannt, dass am Sihlquai das schnelle Geld zu machen ist. Nach Angaben von Peter Rüegger, Chefermittler der Stadtpolizei, sind es insgesamt mehrere hundert Frauen, die sich am Sihlquai prostituieren – und es werden immer mehr. Pro Abend werden dort gegen 40 Prostituierte gezählt. Rund die Hälfte stammt aus Ungarn, viele sind Roma.

Wenn die Personenfreizügigkeit auf Bulgarien und Rumänien ausgeweitet wird, wie dies das eidgenössische Parlament beschlossen hat, wird mit einer noch stärkeren Zuwanderung von noch ärmeren Frauen aus Südosteuropa gerechnet. Jetzt schon machen die Frauen aus Ungarn und aus weiteren ehemaligen Ostblockstaaten rund einen Drittel der jährlich in der Stadt Zürich neu in die Prostitution einsteigenden Personen aus.

Ronja, die Zigeunerin aus Budapest

Eine der vielen Roma am Sihlquai ist Ronja (Name geändert), eine 33-jährige «Zigeunerin aus Budapest», wie sie sich selber vorstellt. Zusammen mit ihrer 21-jährigen Schwester und einer 23-jährigen Freundin steht sie seit zwei Monten Abend für Abend unter der Kornhausbrücke. Zufrieden mit dem Geschäft ist sie nicht: «Hier nix gut, viele Frauen», sagt sie. Der Konkurrenzkampf sei sehr hart, fährt sie fort und zeigt auf eine junge Schweizer Drogensüchtige, die in der Nähe steht. Frauen wie diese würden die Preise drücken. Sie überlegt sich deshalb, in Deutschland zu arbeiten. Die drei Roma-Frauen wohnen in einer Absteige im Kreis 4 und bezahlen nach eigenen Angaben für das Hotelzimmer mit zwei Betten 80 Franken pro Nacht. Für das Kind der Schwester sorgt in Budapest die Grossmutter. Die Frage, ob sie einen Chef hätten, weist Ronja energisch zurück: «Nein wir sind selbständig und allein mit dem Zug nach Zürich gefahren.»

Ideale Opfer für Menschenhändler

Eine Aussage, die die Polizei immer wieder hört, aber vermutlich nicht der Wahrheit entspricht. Denn nicht nur die explodierenden Wachstumszahlen im Sexgewerbe machen der Polizei Sorge. Bedenklich ist die neue Entwicklung hin zu Zuhälterei und Menschenhandel. Der Grund: «Menschenhandel und -schmuggel ist ein lukratives Geschäft mit relativ geringen Risiko», sagt Chefermittler Rüegger, der zudem Leiter der schweizerischen Arbeitsgruppe Menschenhandel/Menschenschmuggel der Polizei ist. Im Gegensatz zum Drogenhandel, wo erwischte Dealer mit harten Strafen rechnen müssen, sind die Strafen bei Menschenhandel niedrig – wenn es denn überhaupt zu einer Anzeige und einem Strafverfahren kommt. Viele Frauen – vor allem mit tiefem Bildungsniveau, geringen Berufschancen und in Armut aufgewachsen wie die Roma aus Ungarn – sind ideale Opfer für Menschenhändler. Sie nutzen die schwierige Situation der betroffenen Frauen geschickt aus und schrecken auch vor falschen Versprechungen und Gewalt nicht zurück.

Roma-Zuhälter überwachen Frauen

Gemäss Rüegger haben die Beobachtungen der Stadtpolizei ergeben, dass die Roma-Zuhälter oft mehrere Frauen am Sihlquai überwachen. Die Männer ziehen mit dem Auto ihre Runden, passen auf die Frauen auf, geben Instruktionen und Befehle. Es herrsche ein ständiger Wechsel unter den Frauen und es gebe auch Hinweise, dass Frauen unter den Zuhältern ausgetauscht werden. Ein formales Einverständnis der Frauen müsse von den Ermittlern kritisch hinterfragt werden.

Momentan laufen in der Stadt Zürich drei Verfahren wegen Menschenhandel; drei mutmassliche Roma-Zuhälter sitzen in Untersuchungshaft. Wie Staatsanwältin Silvia Steiner von der auf organisierte Kriminalität spezialisierten Staatsanwaltschaft ll sagt, sollen die drei Männer Frauen unter Druck gesetzt, geschlagen und finanziell ausgebeutet haben. Fünf der betroffenen Frauen sind noch in der Schweiz, etwa zehn sind bereits wieder in Ungarn. Die Ermittlungen sind zeitintensiv, die Beweisführung hochkomplex. Man könne sich nicht nur auf die Aussagen der Frauen oder Zeugen abstützen, die Untersuchungsbehörden müssten, so Steiner, weitere Beweise erheben. Objektive Beweismittel würden die Glaubwürdigkeit der Opfer beim Gerichtsverfahren stärken. Steiner hat seit 2005 sieben Verfahren wegen Menschenhandel durchgeführt. Dabei waren rund zwanzig Täter und gegen hundert Opfer involviert; die meisten Verfahren führten zu einer Verurteilung. Vor allem die Zuhälter aus Osteuropa würden die Frauen häufig schlagen oder mit Nachteilen für deren Familie im Heimatland drohen.

Wie Rüegger ist auch Steiner der Meinung, dass schärfer gegen den Menschenhandel vorgegangen werden muss: «Wir dürfen diesen Handel nicht einfach dem freien Markt überlassen.» Die Zürcher Polizei verstärkt ihren Kampf gegen den Menschenhandel, sowohl Stadt- wie auch Kantonspolizei haben dafür besondere Ermittlungsgruppen eingesetzt.

Traumatisierte Frauen

Auch im FIZ, dem Fraueninformationszentrum an der Badenerstrasse in Zürich, hat man fast täglich mit Opfern von Menschenhändlern zu tun. Das FIZ ist schweizweit die einzige Organisation, die spezialisierte Beratung für Opfer von Frauenhandel anbietet. «Im letzten Jahre waren es 167 Frauen, die sich beim Verein meldeten; gegenüber dem Vorjahr waren es rund ein Viertel mehr», sagt FIZ-Sprecherin Doro Winkler. Die Opfer kommen aus 28 Ländern, wobei der Anteil der Frauen aus Osteuropa auffällig sei. Im Jahr 2006 sei es noch ein Drittel gewesen, im letzten Jahr bereits die Hälfte der Opfer.

Positiv bewertet Winkler die Tatsache, dass rund 60 der 167 Frauen in späteren Verfahren als Zeugin, Auskunftsperson oder Opfer Aussagen gemacht hätten, trotz des Drucks, der sowohl in der Schweiz als auch im Heimatland oft auf sie ausgeübt wird. Den Opferschutz in der Schweiz hält Winkler für ungenügend, so fehle ein langfristiges Aufenthaltsrecht. Viele Frauen seien zudem stark traumatisiert. Staatsanwältin Silvia Steiner unterscheidet dabei drei Phasen. In einer ersten Phase würden die Frauen jegliche Übergriffe verleugnen und behaupten, dass ihnen nichts passiert sei, sie alles im Griff hätten. Die Frauen würden sogar den Täter noch in Schutz nehmen. In der zweiten Phase komme dann die Ernüchterung, vielfach auch erst nach der Ausschaffung ins Heimatland. Die Opfer würden dann völlig unterschiedlich reagieren. «Einige verweigern sich vollständig, andere werden aggressiv, versuchen mit Alkohol und Drogen die Geschichte zu verdrängen oder bekommen körperliche Beschwerden», hat Steiner festgestellt. Erst in der dritten Phase könne das Trauma aufgearbeitet werden. Dies sei aber erst möglich, wenn die Frauen sich mit der erlittenen Gewalt und Ausbeutung auseinander setzen würden. Man arbeite dabei eng mit dem FIZ zusammen, das psychologische Beratung und Betreuung anbietet, sagt Silvia Steiner.

Gute Zusammenarbeit mit der Polizei

Auch Doro Winkler lobt die gute Zusammenarbeit mit Polizei und Untersuchungsbehörden: «Wir ziehen trotz verschiedenen Aufträgen alle am gleichen Strick. Wir wollen den Menschenhandel bekämpfen und suchen dazu die interdisziplinäre Zusammenarbeit.» Im letzten Jahr beispielsweise sei fast die Hälfte der 167 Frauen dank der Polizei mit dem FIZ in Kontakt gekommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2008, 09:26 Uhr

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