An den meisten Tagen reicht das Geld nicht für warmes Essen

Sandra und Farid Bellouni leben mit ihrem Sohn Karim von der Sozialhilfe. Sie bestreiten den Alltag mit 1800 Franken im Monat. Das macht pro Tag rund 20 Franken für das Essen – für drei Personen.

Die Belloumis wohnen seit Monaten in wechselnden Hotelzimmern oder auf dem Campingplatz. Foto: Reto Oeschger

Die Belloumis wohnen seit Monaten in wechselnden Hotelzimmern oder auf dem Campingplatz. Foto: Reto Oeschger

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Geht man mit Sandra Belloumi* durch ihren Wohnort, deutet sie hin und wieder unauffällig auf Passanten und murmelt: «Der auch. Die auch.» Es sind Menschen, die wenig auffallen. Menschen, mit denen Sandra Belloumi ein Schicksal teilt. Und doch sehen sie sich nicht als Gemeinschaft. Wenn sie sich zufällig begegnen, schlagen sie die Augen nieder. Zu gross ist bei den meisten die Scham: Sie beziehen Sozialhilfe.

Sandra Belloumi, ihr Ehemann Farid und der zwanzig Monate alte Sohn Karim leben seit Frühjahr von staatlichem Geld. «Nie hätte ich mir denken können, dass es einmal so weit kommt», sagt Belloumi. Noch vor drei Jahren war sie im ersten Lehrjahr als Fachangestellte Betreuung in einem Altersheim. Doch dann wurde die heute 21-jährige Schweizerin schwanger. «Trotz Verhütung», betont sie. Eine Abtreibung kam für die junge Frau nicht infrage – obwohl ihr klar war, was das bedeutete: Sie musste die Lehre abbrechen, denn es gab niemanden in ihrem Umfeld, der das Baby hätte betreuen können. Farid Belloumi lebte damals noch in Algerien.

Erst, als es nicht mehr anders ging

Wirtschaftlich war der Abbruch der Lehre ein folgenschwerer Entscheid. Eine Zeit lang hielten sich Mutter und Kind mit Kleinkinderbetreuungsbeiträgen über Wasser. Bis ihr Mann in die Schweiz zog. Hier fand er aber keine Stelle, weil sein Informatikabschluss nicht anerkannt wird. Ab dem Zeitpunkt gab es keine Kleinkinderbetreuungsbeiträge mehr, denn die erhält nur, wer zugunsten des Kindes auf eine Berufstätigkeit verzichten muss. Oder, umgekehrt: Arbeiten beide Partner nicht, gibt es keine Betreuungsbeiträge.

Und Arbeit fand auch Sandra Belloumi nicht. Der Familie blieb nur die ­Sozialhilfe. «Ich habe mich sehr schwergetan damit», sagt sie. «Obwohl wir die Hilfe wirklich brauchen.» Dennoch hat sie sich erst angemeldet, als es nicht mehr anders ging. Als das letzte Geld aufgebraucht war und die Belloumis auf der Strasse standen. Hinausgeworfen von Sandras Eltern, wo da Paar zuletzt gelebt hatte, weil die Eltern den ausländischen Ehemann nicht akzeptieren konnten.

Bitterkeit in der Stimme

Seither ist das Leben der Belloumis ein Kampf. Dieser zehrt an den Nerven und hat in Sandra Belloumis Stimme eine Spur Bitterkeit und Trotz hinterlassen. Im Unterton schwingt Verzweiflung, Wut und Frust mit. Wie sie sich manchmal fühlt, beschreibt Sandra Belloumi so: «Wir tun alles, was verlangt wird, aber es reicht nicht. Wir tun noch mehr – und alles, was man sagt, ist: Bemühen Sie sich ein bisschen mehr, irgendwann klappt es. Aber was ich konkret besser machen könnte, das kann mir auch auf dem Sozialamt niemand sagen.»

Jetzt hat die junge Frau Tränen in den Augen, ihr Ehemann greift nach ihrer Hand. Was er nicht begreifen könne, sagt er, sei dies: «Asylbewerbern gibt man eine Wohnung. Uns nicht. Dabei kostet das Hotel viel mehr.» Sie entgegnet scharf: «Das ist ein anderes Gesetz! Das habe ich dir doch schon hundertmal gesagt.» Dann grinst sie bemüht. Sie habe nichts gegen Asylbewerber, stellt sie klar, es sei richtig, dass man ihnen helfe: «Wir fühlen uns halt einfach im Stich gelassen.» Die Situation nage auch an ihnen als Paar: «Wir führen immer wieder dieselben Diskussionen.»

Sandra und Farid Belloumi haben so gut wie nichts, was andere Leute haben. Ihnen fehlt eine Arbeit, eine Wohnung. Seit Monaten leben sie mit dem kleinen Karim in wechselnden Hotelzimmern oder auf dem Campingplatz. Mit Urlaub hat dieses Leben wenig zu tun. Wer im Hotel wohnt, kann nicht selbst kochen oder waschen. So etwas wie Platz oder Privatsphäre gibt es nicht; zu dritt wohnt die Familie auf 16 Quadratmetern. Weint Karim, verlieren die Eltern rasch die Nerven. Mehrmals hat man die drei in einem Hotel unmissverständlich gebeten, zu gehen. Und Dauermieter auf unbestimmt nimmt sowieso kein Hotel.

Die Kollegen wenden sich ab

Was fast noch schwerer wiegt als der Verlust von Arbeit und Wohnung, ist jener der Selbstbestimmung. Das Sozialamt will nicht nur detailliert Bescheid über das Leben der Bezügerinnen und Bezüger wissen. Es legt unter anderem fest, wie viel eine Wohnung maximal kosten darf. Den Belloumis würden maximal 1700 Franken für die Miete bezahlt. Zu wenig für die Region in der Nähe von Zürich, für die das Sozialamt zuständig ist. Für das tägliche Leben erhält die Familie rund 1800 Franken im Monat. Das muss für Essen, Kleider, Körperpflege, Windeln, Telefonrechnung, Zugticket und so weiter reichen.

Davon sind gemäss Rechnung des ­Sozialamts 24.50 Franken pro Tag für Mittag- und Abendessen vorgesehen – für die Familie, nicht pro Person. Das ist sehr knapp bemessen, wenn man auswärts essen muss. So schlagen sich Mutter und Vater mit Sandwiches durch, damit wenigstens Karim einmal am Tag etwas Warmes erhält. Lebte die Familie nicht im Hotel, stünden ihr pro Tag nur 20 Franken zur Verfügung, weil kochen billiger ist. Wie die Familie leben könnte, wenn die Sozialhilfe wie von der SVP gefordert stark gekürzt würde, weiss Sandra Belloumi nicht.

Die Belloumis sind ständig am Rechnen. Sparen da ein wenig, um dort etwas mehr zur Verfügung zu haben. Sie kaufen in mehreren Supermärkten ein, weil da das Tomatenpüree billiger ist, dort die Hörnli. Wenn Sandra Belloumi mehr Wohnungs- und Stellenbewerbungen schreibt, hat die Familie weniger fürs ­Essen. Ausgehen und ein Glas Wein trinken liegt nicht drin, überhaupt müssen Belloumis auf das meiste verzichten, was andere junge Menschen machen. Zwar ist im Budget des Sozialamts ein wenig Geld für «auswärtige Getränke» vorgesehen, aber faktisch setzt sich kein Sozialhilfebezüger ins Café. Viele Kollegen haben sich deshalb von Sandra und Farid abgewendet. Und Weihnachten? Sandra Belloumi lacht freudlos auf: «Weihnachten? Wir können Karim ja doch nichts schenken.»

«Ihr habt es schön»

Manchmal sagen Freunde zu Farid und Sandra Belloumi: «Ihr habt es schön. Ihr wohnt im Hotel, bekommt Geld ohne zu arbeiten.» Solche Sätze treffen. Denn die Belloumis haben zwar keine Arbeit, doch Ausruhen liegt nicht drin. Bis 50 Wohnungsbewerbungen schreibt Sandra Belloumi jeden Monat. Ständig durchforsten sie gemeinsam das Internet nach Stellen. Alle seine Bemühungen, Wohnung und Arbeit zu finden, muss das Ehepaar dem Sozialamt rapportieren.

Was die Belloumis berichten, tönt wie ein Teufelskreis: Wer Sozialhilfe bezieht, erhält keine Wohnung. Wer keinen festen Wohnsitz hat, erhält keine Arbeit. Wer keine Arbeit hat, muss Sozialhilfe beziehen. Vermieter haben häufig Vorurteile. Sie sagen dem Ehepaar: «Ohne Arbeit haben Sie ja keine Tages­struktur. Dann nutzen Sie die Wohnung zu sehr ab.» Oder: «Wir hätten schon freie Wohnungen. Aber wissen Sie, die sind zu schön für Leute wie Sie.» Arbeitgeber winken ab, sobald sie erfahren, wer sich bewirbt: Ein Algerier mit B-Bewilligung, der gebrochen Deutsch spricht. Eine junge Mutter ohne Ausbildung. Sandra Belloumi erzählt: «Wenn ich sage, mein Mann würde das Kind betreuen, während ich arbeite, fragt man mich: Ist er nächstes Jahr überhaupt noch da? Und dann heisst es, tut uns leid, zu unsicher.»

Es gibt einen Lichtblick

Immerhin gibt es einen Lichtblick. Die Belloumis konnten ein winziges Häuschen mieten, das sie bald beziehen. Doch auch das hat einen Haken. Der Mietvertrag ist befristet und unkündbar; Ende Februar wird das Häuschen abgerissen. Fände die Familie eine Wohnung, die auf einen früheren Termin zu beziehen wäre, sie könnte nicht umziehen. Heizen dürfen sie nur drei Zimmer, sonst würden die Heizkosten zu teuer. Einen Internetanschluss hat das Haus nicht, weshalb Sandra Belloumi wohl ein Abo für ihren alten Laptop abschliessen muss – das ist billiger, als mit dem Bus ins nächste Internetcafé zu fahren.

Ein solches Abo hinterlässt ein Loch in der Kasse. Aber ohne Internet sind Job- und Wohnungssuche hoffnungslos. Wenn Sandra und Farid Belloumi eines nicht wollen, dann Ende Februar wieder in ein Hotel ziehen zu müssen. Denn das ist kein Zustand für ein Kind, das wissen nicht nur sie, sondern auch die Schutzbehörde. Die Kesb hat bereits mit ihnen Kontakt aufgenommen. Und das ist für das Ehepaar der grösste Albtraum: Dass man ihnen das Kind wegnehmen könnte, weil sie keine Wohnung finden.

*Name von der Redaktion geändert.

Erstellt: 06.11.2014, 23:25 Uhr

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