An der Bahnhofstrasse sind sogar die Bäume gestresst

Schlechte Luft, Bauarbeiten, Hitze: Die Linden an der Edelmeile leiden. Einige von ihnen entwickeln bereits Stresssymptome. Die Stadt arbeitet an einem Massnahmenpaket zur Rettung der Bäume.

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Die Bahnhofstrasse ist eine Baustelle. Seit April wird sie etappenweise saniert – und das bekommt den stattlichen Linden gar nicht gut. 72 von einst 177 Bäume müssen grösseren Tram- und Bushaltestellen weichen, sollen jedoch ersetzt werden, wie das Tiefbauamt der Stadt Zürich bereits vor dem Start der Bauarbeiten versicherte.

Inzwischen haben sich die Bedingungen für die noch verbliebenen Linden an der Edelstrasse allerdings erneut verschärft: Um mehr Platz für Passanten zu schaffen, hat das Tiefbauamt den Boden um den Stamm mit Kies und Kunstharz bedeckt. Und die Bäume reagieren bereits heftig. Sie entwickeln Stresstriebe an den Stämmen.

Stresstriebe sind nicht auf den Belag zurückzuführen

Dies ist auch den Verantwortlichen der Stadt nicht entgangen. «Es handelt sich tatsächlich um Stress- oder sogenannte Adventivtriebe», sagt Stefan Hackh vom Zürcher Tiefbauamt. Es würden aber nicht alle Bäume solche Triebe entwickeln und sie seien auch nicht einfach auf den neuen Belag zurückzuführen. «Dieser ist sowohl luft- wie wasserdurchlässig und schützt das Wurzelwerk der Linden vor mechanischen Beschädigungen.»

Die Umstände, die bei den sensiblen Pflanzen zu stressbedingten Symptomen führen, sind wesentlich komplexer. «In Zürich herrscht ein Steppenklima. Deshalb müssten wir an der Bahnhofstrasse eigentlich auf Bäume ausweichen, die solche Verhältnisse besser aushalten», sagt Hans-Jürg Bosshard, der bei Grün Stadt Zürich verantwortlich für die Strassenbäume der Stadt ist.

«Linden gehören einfach dazu»

Linden seien klassische Wald- oder Wiesenbäume, die für ein gesundes Wachstum viel Platz für die Wurzeln und gute Luft benötigen, so Bosshard. An der Bahnhofstrasse ist der Boden jedoch knapp, die Hitze strahlt in der Strassenschlucht von den Hauswänden, dem Asphalt und den Geleisen ab und im Winter wird nötigenfalls sogar mehrmals am Tag gesalzen. Trotzdem hält man dort an der Linde als Alleebaum fest. «Das ist ein historisch bedingter Entscheid», erklärt Bosshard, «nach der Reformation wurden entlang des Fröschengrabens – der heutigen Bahnhofstrasse – Linden gesetzt. Der Duft der Blüten und die Gestalt der Bäume sind eng mit der Bahnhofstrasse verbunden. Linden gehören einfach dazu.»

Damit die Linden trotz widriger Umstände gedeihen können, werden von den verschiedenen Stellen der Stadtverwaltung Konzepte zu ihrem Schutz erarbeitet. So seien die Bauleute vor Ort gemäss Stefan Hackh angewiesen, während der Sanierungsarbeiten insbesondere auf die empfindliche Stelle zwischen Wurzelwerk und Stamm achtzugeben. Für neue Bäume hebt die Stadt grössere Löcher aus und versieht das Erdreich mit einem Spezialsubstrat aus Kies und Humus, damit die Wurzeln besser gedeihen können. Die neuen Baumscheiben aus Metall bieten zusätzlich Schutz vor einer Verdichtung des Bodens.

Weniger salzen und Baumreihen schonen

Grün Stadt Zürich sowie Entsorgung und Recycling Zürich erarbeiten derzeit zudem Massnahmen, um die Salzschäden an den Linden zu verringern. Die Bäume weisen nämlich alljährlich bereits im Juli eine herbstliche Verfärbung auf, was gemäss Bosshard an der Versalzung des Bodens liege. «Die braunen Blattränder sind ein typisches Zeichen dafür. Die Bäume nehmen erst im Sommer, wenn es heiss und trocken ist, Wasser aus dem Boden und somit das dort gebundene Salz auf.»

Ziel ist es, so wenig Salz wie möglich auszubringen und die Baumreihen dabei möglichst zu verschonen. «Mit den neuen Baumscheiben kann das Salzwasser nicht mehr so leicht ins Erdreich sickern. Die Metallabdeckungen könnten sogar in den Wintermonaten noch weiter abgedichtet werden, damit sich noch weniger Salz ablagern kann.»

Grosse Bäume sind dem Stress besser gewachsen

Ganz aufs Salzen verzichten könne man in der Stadt wohl kaum, glaubt Bosshard. Schliesslich habe die Stadt die Aufgabe, die Fussgänger vor Unfällen durch Schneeglätte zu schützen. Alternativen wie Sand oder Split seien bereits getestet und als zu teuer oder untauglich verworfen worden. «Die feinen Kieselsteine haben ausserdem in den angrenzenden Geschäften die Böden zerkratzt, Rolltreppen beschädigt und Schiebetüren blockiert.»

Laut Bosshard haben die Linden an der Bahnhofstrasse aber auch trotz der vielfältigen Belastungen gute Chancen: «Wenn sie eine gewisse Grösse haben, überstehen sie das. Sobald die Wurzeln in die Tiefe gewachsen sind, ist das Schlimmste überstanden.» Und auch die Belastungen durch die Bauarbeiten sind in absehbarer Zeit überstanden: Gemäss Planung sollte die Sanierung bis November 2014 abgeschlossen sein.

Erstellt: 02.09.2013, 11:02 Uhr

Ausstellung über Strassenbäume

Unter dem Titel «Stirbt die Linde» ist noch bis zum 20. September 2013 eine Ausstellung über Strassenbäume in der Galerie Sichtbar im Gemeinschaftszentrum Riesbach zu sehen. Teil der Wanderausstellung sind eine begehbare Fotostrecke, Podiumsveranstaltungen und ein geführter Alleenspaziergang.

Das Publikumsgespräch mit Paul Bauer, Direktor a.i. Grün Stadt Zürich, sowie dem Biologen und Ausstellungsleiter Andreas Diethelm unter der Leitung von Matthias Meili, Wissenschaftsredaktor des «Tages-Anzeigers», findet am Dienstag, 10. September um 19 Uhr statt.

Der Alleenspaziergang mit Andreas Diethelm startet am Donnerstag, 12. September um 18.30 Uhr. Treffpunkt ist der Juno-Brunnen vor dem Hotel Savoy am Paradeplatz. (tif)

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