An der Langstrasse steht das nächste Traditionslokal vor dem Umbau

Die Olé-Olé-Bar war die letzte Konstante in der Gastro-Welt an der Zürcher Langstrasse. Die meisten Lokale wurden in den letzten zehn Jahren umgebaut oder wechselten den Besitzer. Eine Übersicht.

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Es geht was an der Zürcher Langstrasse – und das in vielerlei Hinsicht. Entlang der bekannten Ausgehmeile herrscht nicht nur rund um die Uhr Hochbetrieb, auch die Lokalitäten unterliegen einem steten Wandel.

Das zeigt sich vor allem auf jenem Abschnitt der Langstrasse, der sich im Kreis 4 befindet. Mit der Olé-Olé-Bar wurde vor rund zwei Wochen das letzte Lokal geschlossen, in dem über 40 Jahre lang keine personellen Wechsel und keine baulichen Veränderungen stattgefunden haben. Alle anderen Liegenschaften wurden innerhalb der letzten zehn Jahre saniert, umgebaut, verkauft, neu verpachtet oder gar geschlossen – wie beispielsweise das Striplokal St. Pauli, in dem sich nun ein Aperto-Shop befindet. Allein in den letzten vier Jahren sind auf diesem Abschnitt der Langstrasse vier neue Gastrobetriebe eröffnet worden.

Das Gambrinus wird als Nächstes umgebaut

Und das nächste Traditionslokal, das rundum erneuert und verändert wird, steht bereits fest: Das Gambrinus an der Langstrasse 103 soll ab März 2013 während sechs Monaten umgebaut werden. Damit geht auch dort eine Ära zu Ende, denn es ist eines der wenigen Restaurants an der Langstrasse, das seinen ursprünglichen Charakter erhalten hat. Wie rasant und facettenreich die Veränderungen sind, zeigt ein Gang entlang der Strasse:

  • Ein gutes Beispiel bietet bereits das erste Lokal, das sich eingangs Langstrasse an der Ecke Badenerstrasse befindet. Die Räumlichkeiten des heutigen Restaurants Forum waren früher Teil eines Gebäudekomplexes, in dem sich 1928 auch ein Kino befand – mit 1700 Plätzen das grösste Lichtspieltheater der Stadt. Der riesige Saal zog sich der Wengistrasse entlang. In den 70er-Jahren sind die Lichter des Kinos jedoch erloschen und der gewaltige Saal wurde Ende der 80er-Jahre abgerissen. Das ehemalige Foyer steht jedoch noch. Heute befindet sich dort eine Coop-Filiale. In den Räumlichkeiten an der Langstrasse wurde eine Silberkugel-Filiale eröffnet, die schliesslich Anfang 2004 dem heutigen Forum weichen musste.

  • Einen erfolgreichen Neustart in der Gastro-Szene der Langstrasse hat das Restaurant Dini Mueter hingelegt. Anfang Oktober 2010 hat die heutige Bar ein karibisches Lokal an der Langstrasse 10 abgelöst. Mit geblümten Tapeten, Retrolook und sehr viel Kerzenlicht soll man sich dort fühlen wie bei Muttern, die «zu trinken bringt, einen Kuchen backt und auch noch alles aufräumt», versprechen die Betreiber.

  • Hotpants sorgten für heisse Köpfe

  • Für heisse Köpfe und viel Rauschen im medialen Blätterwald sorgte im Mai 2007 die Eröffnung einer Hooters-Filiale an der Ecke Langstrasse/Stauffacherstrasse. Wo früher in der Pizzeria Ciao italienische Spezialitäten serviert wurden, kommen heute Chicken Wings und Burger auf den Tisch – serviert von Damen in orangen Hotpants mit ansehnlicher Oberweite. Ein Umstand, der selbst im milieugewohnten Kreis 4 viel zu reden gab.

  • Auch in den Räumlichkeiten an der Langstrasse 62 wurde nicht immer Kaffee verkauft. Bevor es vor fast 30 Jahren zum Casablanca wurde, versuchte sich dort eine Hamburger-Bude und ein Nordsee-Fischfrittierer. 2005 entrümpelte der Zürcher Architekt Felix Kistler das in die Jahre gekommene Lokal. Heute wird dort nicht nur Latte getrunken, sondern vor allem im Netz gesurft.

  • Das Restaurant Gotthard an der Langstrasse 63 wurde 2009 wiedereröffnet. Die neuen Pächter und ehemaligen Odeon-Mitarbeiter Niko Blazevic und Damir Muslic haben das Traditionshaus übernommen – und mit ihm auch die rustikale Holzinneneinrichtung. Das Altbackene zieht offenbar auch bei den Jungen: Das Lokal wird gut besucht.

  • Ein weiteres Restaurant mit langer Gastrotradition wurde 2006 total renoviert: der Aargauerhof. Es ist der Stammsitz der Beffa-Gastrobetriebe. Die Gebrüder Beffa führen mehrere Restaurants in Zürich – darunter De bluetig Duume im Niederdorf, den Bahnhof Wiedikon an der Seebahnstrasse und das Weisse Kreuz beim Bahnhof Stadelhofen. 1922 kaufte der Urgrossvater der Brüder das Haus an der Ecke Langstrasse/Hohlstrasse. Nach acht Monaten Umbauzeit wurde aus der eher düsteren «Chnelle» ein gestyltes Lokal. Das benachbarte Ladenlokal Radio/TV Fux wurde in den Aargauerhof integriert und zur Bar umfunktioniert.

  • Szene- statt Striplokal

  • Das Restaurant Krokodil vis-à-vis vom Aargauerhof befindet sich seit 2003 im Besitz der städtischen Stiftung PWG. Sie hat damals das Krokodil und die Bäckerei Messmer gekauft, um das Haus der Spekulation zu entziehen. Davor befanden sich die Liegenschaften an der Hohlstrasse 44 und die darin befindlichen Lokale im Besitz der Marc-Rich-Gruppe. Inzwischen hat sich die ehemalige Bierhalle mit ihrer mediterranen Küche aus Spanien und Portugal einen guten Ruf verschafft.

  • Eine eigentliche Pionierarbeit wurde mit der Eröffnung der Longstreet Bar an der Langstrasse 92 geleistet. Das ehemalige Striplokal hat sich seit dem Umbau und der Neueröffnung im Jahr 2003 zu einem beliebten Ausgangspunkt für nächtliche Streifzüge durch die Party-Stadt entwickelt.

  • Im Frühling 2008 wurde auch das ehemalige Cabaret Malibu an der Langstrasse 93 gleich vis-à-vis des Longstreets von einem jungen Team übernommen. Während der Fussballeuropameisterschaft führten sie dort noch die Offside-Bar, danach wurde das Lokal zum Cocuna umgebaut. Im Sommer 2011 war's auch damit schon wieder aus. Das Cocuna ist dem heutigen Bagatelle gewichen.

  • Die Geschicke der Lugano-Bar und des Schweizerdegens sind seit 2002 miteinander verbunden. Damals hat der Wirt des Schweizerdegens an der Ecke Diener-/Langstrasse die Führung der Lugano-Bar an der Langstrasse 108 übernommen. Beide Beizen sind als Milieutreffpunkte bekannt.

  • Langstars ist der neuste Gastrozuwachs

  • Im Gambrinus wird vorerst noch auf alten Tischen gegessen und auf Holzstühlen gesessen. Im März 2013 soll jedoch mit dem Umbau des Lokals begonnen werden. Auch dieses Restaurant befindet sich im Besitz der Gebrüder Beffa. Um das Gambrinus zu erweitern, haben sie Alfred Suter, dem Inhaber des angrenzenden Ladenlokals Zum Chäsbueb an der Langstrasse 103, gekündigt. Suter führte den Laden seit 1964.

  • Auf eine bewegte Geschichte blickt das Café Memphis an der Langstrasse 119. In den 50er-Jahren war es noch ein Dancing, danach wurde daraus ein Jazz-Café und schliesslich ein Treffpunkt für Black-Music-Liebhaber. Ende 2010 ist aus dem Memphis ein Thai-Restaurant mit Sanuk (Thai für Spass) geworden, seit Frühling 2012 betreiben dort Sajib und Cristina Barua ein Asia Restaurant.

  • Im Sommer 2011 eröffnete an der Langstrasse 120 das erste Backpacker-Hostel des Quartiers. Das Langstars bietet günstige Übernachtungsmöglichkeit für Durchreisende. Im Parterre des Hauses, in den Räumlichkeiten des ehemaligen Shakira, befindet sich die Bar des Hauses, in der auch Konzerte stattfinden.

  • Brunch statt bare Busen

  • Eine weitere Übernachtungsmöglichkeit bietet das Hotel Rothaus an der Ecke Sihlhallenstrasse/Langstrasse. Das frühere Stundenhotel und Heroinversteck wurde saniert und 2006 neu eröffnet. Seither gibts an der Hotelbar Brunch statt blanke Busen. Auch die Bar Rossi an der Sihlhallenstrasse 3 gleich um die Ecke ist seit der Neueröffnung im April 2004 vom ehemaligen Milieutreff zu einem Zürcher In-Lokal geworden.

  • Turbulent kann es im Restaurant Strauss an der Langstrasse 132 zu und her gehen – je nach Fussballspielstand. Das Lokal wurde 2010 zwischenzeitlich wegen Dealerei geschlossen. Der eher unscheinbare Betrieb ist vor allem wegen seines Töggelikastens und des Billardtisches beliebt.

  • Die grosse Konstante an der unsteten Langstrasse war bis Oktober 2012 die Olé-Olé-Bar an der Langstrasse 138. Über 40 Jahre lang hat Wirtin Rita Guyer den Betrieb mit ihren Geschwistern geführt. Nun musste sie die Bar aus gesundheitlichen Gründen schliessen. Was künftig mit dem Lokal geschehen wird, ist unklar. Die Liegenschaft, in der sich die Olé-Olé-Bar befindet, gehört Rita Guyer selbst.

  • Auch das Stray Cats, früher die Okay-Bar, an der Neufrankengasse 4 am Ende der Langstrasse, befindet sich schon seit Jahren fest in Frauenhand. Paula Deboni übernahm das Lokal 1985 und führt es inzwischen zusammen mit ihrer Tochter. In den 68ern kamen dort die Studenten zusammen. Ende der 80er entwickelte es sich zum Treffpunkt der Rocker- und Punk-Szene. Nur eines werde das Stray Cats laut Deboni nie werden: Ein Mittelstands-Quartier-Café «Es gibt schon genug ruhige Quartiere in Zürich. Da soll der Kreis 4 nicht mitziehen», sagte sie in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Ruhig wird es entlang der Langstrasse ohnehin nie werden. Die Strasse wird bereits als «grösste Freiluftbar der Schweiz» bezeichnet. Dass sich das Sexmilieu immer weiter zurückzieht und die Trendbars vorrücken, macht die Strasse für Investoren interessant. Das hat auch Paula Deboni gemerkt: «Ständig fragen mich Leute, wie viel die Liegenschaft kostet.» Doch wenigstens das Stray Cat scheint vorerst nicht in Gefahr zu sein, denn «das Haus gehört einer Stiftung. Und die verkauft nicht». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.10.2012, 13:23 Uhr

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