An der Street-Parade halb blind geschlagen

Der 36-jährige Engländer Michael Tate bangt nach einem Angriff auf der Quaibrücke um sein Augenlicht. Gegenüber der Zürcher Stadtpolizei erhebt er Vorwürfe.

Michael Tate hat bereits zwei Operationen hinter sich. Eine Frau hatte ihn mit den Fäusten traktiert. Foto: Dieter Seeger

Michael Tate hat bereits zwei Operationen hinter sich. Eine Frau hatte ihn mit den Fäusten traktiert. Foto: Dieter Seeger

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Als der Engländer Michael Tate vor einer Woche am Street-Parade-Samstag kurz nach 15 Uhr im HB aus dem Zug steigt, freut er sich auf die Party. Wie bei den Paraden zuvor zog der in Solothurn wohnhafte 36-jährige Ex-Banker sein weisses Fantasiekostüm an: langer Mantel, Revers und Ärmelbordüren mit falschem Tigerfell, weisser Hut, dunkle Sonnenbrille, weisses Shirt, Goldkette, schwarze Hosen und langer Holzstock. Auch seine beiden Begleiter verkleideten sich. Tates Cousin schlüpft in die Rolle eines Grosswildjägers und sein holländischer Freund in einen orangen Overall.

Die Parade ist im vollen Gang, als sie beim General-Guisan-Quai eintreffen. Die drei schauen den vorbeifahrenden Love-Mobiles zu und gehen im Gedränge Richtung Bürkliplatz. «Wir haben ein wenig herumgealbert. Einige Leute wollten sich mit uns fotografieren lassen.» Plötzlich sei auf der Quaibrücke ein Typ auf ihn zugekommen, habe ihm den Stock entrissen und damit auf den Kopf geschlagen. Tates Begleiter versuchen, ihn zu schützen. «Es war offensichtlich, dass der Mann unter Drogen stand.»

Der Angreifer lässt von Tate ab und läuft zu einer Begleiterin. Was die beiden besprechen, ist nicht zu verstehen. Das Paar unterhält sich in einer osteuropäischen Sprache. Kurz darauf kommt die Begleiterin auf Tate zu, mit der er kein einziges Wort gewechselt und die er nicht einmal angeschaut habe, und schlägt ihm mehrfach mit den Fäusten ins Gesicht. Eine Blutfontäne spritzt aus dem rechten Auge, Tate durchzuckt ein heftiger Schmerz. Der Angriff dauert nur Sekunden. Als ob nichts geschehen wäre, geht die Frau ein paar Schritte und tanzt weiter. Ihr Gesicht ist blutverschmiert. Tate wird schwindlig. Die Szene erinnert ihn an einen Horrorfilm. Mit Taschentüchern versucht er die Blutung notdürftig zu stoppen.

Zerstörtes Jochbein

Tates Begleiter sprechen ein paar in der Nähe stehende Stadtpolizisten an und erklären ihnen, was vorgefallen ist. Die Täterin sei noch in der Nähe, sie müssten sie verhaften. Doch die Polizisten reagieren abweisend: «Erstatten Sie bitte auf einem Polizeiposten Anzeige. So läuft das Prozedere in der Schweiz.» Tates Freunde sind fassungslos. Doch Zeit für Diskussionen bleibt keine, sie müssen sich um den Verletzten kümmern, der sehr stark blutet. Sie stützen Tate und laufen mit ihm über die Quaibrücke zum nächstgelegenen Sanitätsposten. «Ich habe gespürt, dass mein Auge stark verletzt sein muss und dies dem Helfer vor Ort auch gesagt.» Doch Tate wird vertröstet. Man fahre gleich mehrere Verletzte zusammen ins Universitätsspital.

In der Notaufnahme erhält der 36-Jährige einen niederschmetternden Bescheid: Sein Jochbein ist gebrochen, die Augennerven stark verschoben und der Augapfel beschädigt. Die Ärzte operieren drei Stunden lang. Sie rekonstruieren das zerstörte Jochbein mit einem starken Titannetz, fixieren Muskeln und Nerven und platzieren das nach unten verrutschte Auge an die richtige Stelle.

Danach plagen Tate immer noch starke Schmerzen. Er muss sich noch einmal unters Messer legen. Bei einem zweiten Eingriff holen die Ärzte zwei Glassplitter seiner Sonnenbrille heraus. «Diese Splitter haben mir höllische Schmerzen bereitet.» Möglicherweise ist eine dritte Operation notwendig. Das Auge ist stark angeschwollen. Ob er sein Augenlicht verliert, ist ungewiss.

Stadtpolizei widerspricht

Seine Eltern sind gestern voller Sorge aus England angereist. «Für mich ist das Verhalten der Polizei schockierend. Sie hat sich nicht einmal um meine Aussage bemüht und nur eine Kontaktnummer hinterlassen», sagt Tate. Dafür hätten ihn die Beamten mehrere Mal wegen einer Blut- und Urinprobe angerufen und mit dem Staatsanwalt gedroht, wenn er diese verweigern sollte. «Ich kam mir vor wie der Übeltäter.» Tate, der seit sieben Jahren in der Schweiz lebt, zuerst als Banker arbeitete und jetzt antikes Parkett importiert, sorgt sich um seine Zukunft. Obwohl es ihm in der Schweiz gefalle, kehre er vielleicht wieder nach England zurück.

Die Stadtpolizei widerspricht Tates Aussagen teilweise. Als der Verletzte und seine Begleiter beim Sanitätsposten am Bürkliplatz eingetroffen seien, sei auch die am gleichen Ort stationierte Stadtpolizei von einem Sanitäter über den Vorfall informiert worden, sagt Stadtpolizei-Sprecher Marco Bisa. «Rund 15 Minuten war seit der Tat vergangen, und auf den Strassen gab es fast kein Durchkommen.» Es sei deshalb praktisch aussichtslos gewesen, sofort eine Polizeipatrouille loszuschicken, da man anfangs nur über wenige Angaben verfügt habe.

Die Stadtpolizei habe eine Visitenkarte im Spital hinterlassen, diese sei aber leider nie zu Tate gelangt. «Wir haben auch im Spital angerufen», sagt Bisa. Doch weil die Ärzte sagten, Tate könne noch nicht befragt werden, habe man eine Kontaktnummer hinterlassen. Die Stadtpolizei sucht weiterhin nach der Täterin und Zeugen des Vorfalls.

Erstellt: 17.08.2013, 09:30 Uhr

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