Auch Zürcher erhalten Jodtabletten

Der Bundesrat lässt Jodtabletten künftig im Umkreis von 50 Kilometern um Atomkraftwerke verteilen. 4,6 Millionen Schweizer bekommen die Tabletten per Post.

Wer bis zu 50 Kilometer von Gösgen, Leibstadt oder Beznau wegwohnt, erhält künftig von den AKW-Betreibern Jodtabletten. Atomkraftwerk Gösgen am Donnerstag, 9. August 2012.

Wer bis zu 50 Kilometer von Gösgen, Leibstadt oder Beznau wegwohnt, erhält künftig von den AKW-Betreibern Jodtabletten. Atomkraftwerk Gösgen am Donnerstag, 9. August 2012. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Im Herbst bekommen die Zürcher ein Schächtelchen mit 12 Jodtabletten per Post. Denn künftig soll im Falle eines atomaren Unfalls die Bevölkerung im Umkreis von 50 Kilometern um die Schweizer Atomkraftwerke Jodtabletten zuhause haben. Angesichts der Nähe der Atomkraftwerke Leibstadt, Beznau und Gösgen werden somit auch die Zürcher beliefert. Bisher war die Zone, in der die Bevölkerung prophylaktisch mit Jodtabletten versorgt wurde, auf einen Umkreis von 20 Kilometern um die Atomkraftwerke beschränkt.

Nach Angaben des stellvertretenden Sektionsleiters der Sektion Radiologische Risiken beim BAG, Daniel Storch, hat die Ausweitung des Radiusses für die Vorabverteilung von Jodtabletten nichts mit einer veränderten Einschätzung der atomaren Gefahren zu tun. Man habe nach Fukushima lediglich auch sehr unwahrscheinliche Ereignisse und ungünstige Wetterlagen in die Szenarien miteinbezogen. Ausserdem habe der Bundesrat bei der Überprüfung der Notfallschutzmassnahmen festgestellt, dass es in grossen Agglomerationen schwierig sei, innerhalb der vorgesehenen 12 Stunden nach einer Reaktorkatastrophe Jodtabletten an die ganze Bevölkerung zu verteilen.

Greenpeace skeptisch

Die atomkritische Organisation Greenpeace beurteilt die Ausweitung der Jodtabletten-Zone skeptisch. «Jodtabletten schützen nur, wenn sie vier Stunden vor dem Einatmen radioaktiver Isotope eingenommen werden», erklärt der Atomexperte Florian Kasser. «Werden die Tabletten erst eingenommen, nachdem man bereits radioaktives Jod inhaliert hat, schaden sie mehr als sie nützen.» Wie eine Behörde die Bevölkerung zur Einnahme der Tabletten aufrufen könne, bevor überhaupt Radioaktivität austrete, sei ihm ein Rätsel.

Noch kritischer sieht Martin Walter von den Ärztinnen zur Verhütung eines Atomkrieges (PSR/IPPNW Schweiz) die Verteilung von Jodtabletten als Notfallmassnahme im Falle eines AKW-Unfalls. «Meiner Meinung nach haben die Tabletten lediglich eine Feigenblattfunktion», sagt Walter. «Die Jodtabletten helfen gegen das gefährliche Isotop Jod 131 und damit gegen Schilddrüsenkrebs. Doch es gibt noch 30 weitere gesundheitsgefährdende Isotope. Man bekommt dann vielleicht keinen Schilddrüsenkrebs, dafür aber Brustkrebs, Leukämie oder Blutkrebs.»

Im Ernstfall evakuieren

Nach Meinung des PSR-IPPNW-Vorstands schützt im Ernstfall nur eine Evakuierung die Bevölkerung vor radioaktiver Verseuchung. Und dafür sei die Schweiz viel zu dicht besiedelt. «In der Sowjetunion wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl in einem Umkreis von 60 Kilometern die Menschen evakuiert. Japan hat das nur deswegen nicht getan, weil in der Region um Fukushima viel zu viele Menschen wohnen.»

Offen bleibt auch, wie die für die unmittelbare Gefährdung zuständige Nationale Alarmzentrale der Bevölkerung den richtigen Zeitpunkt für die Einnahme der Tabletten mitteilen wird. «Falls sich ein schwerer Unfall in einem Werk abzeichnet, gelten für die Betreiber von Atomkraftwerken klare Vorschriften, wann sie die Behörden über Störfälle informieren müssen.» Damit sei sichergestellt, dass die Nationale Alarmzentrale die Einnahme der Jodtabletten rechtzeitig anordnen könne, wenn dies kurzfristig notwendig sein sollte.

Menschen, die lediglich 20 Kilometer von einem Atomkraftwerk entfernt wohnen und bereits Jodtabletten zuhause haben, erhalten im Herbst ebenfalls neue Tabletten, da diese nur zehn Jahre haltbar sind. Aufgrund der neuen Verordnung werden 4,6 Millionen Schweizer in ihrem Büro und ihrem Zuhause Jodtabletten vorrätig haben. Das ist mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung. Für die Kosten von insgesamt 30 Millionen Franken müssen die Betreiber der Atomkraftwerke aufkommen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.01.2014, 20:15 Uhr

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