Auch das ist Zürich – zum Glück

Nie ist Zürich internationaler als am Street-Parade-Wochenende.

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Sie ist bei Zürchern ein beliebtes Opfer: die Street-­Parade. Alljährlich, wenn die Raver die Stadt in Beschlag nehmen, wird über die Abfallberge genörgelt, über die geschmacklos angezogenen Besoffenen, die zu schlechtem Sound tanzen. Und überhaupt: Die Parade, einst eine von der lokalen Szene getragene Party, sei nur noch ein billiger Abklatsch mit Autowerbung. Ich kann dem jeweils nur zustimmen. Die Street-­Parade, im 23. Jahr laut Organisatoren mit knapp einer Million Teilnehmern, kreiert viel Hässliches.

Es gibt da aber auch noch die andere Seite, die schöne: Nie ist Zürich internationaler als an diesem Wochenende. Man flachst mit zappeligen Norditalienern, weist freundlichen Bayern den Weg zum HB und ertappt sich dabei, wie man einer hübschen Kroatin, die begeistert auf die goldig schimmernden Glarner Alpen zeigt, stolz antwortet: «That’s Zurich!»

Man fühlt sich in dieser babylonischen Partymeute ein wenig wie ein Botschafter der Stadt. Das fühlt sich gut an, und so empfiehlt man einem ­ahnungslosen Raver aus dem Ruhrpott gönnerisch die Lethargy. Dieses mehrere Tage dauernde Festival in der Roten Fabrik steht exemplarisch für das, was die Street-Parade eben auch schafft. Denn ohne den Massenanlass vorne im Stadtzentrum gäbe es diese nicht kommerzielle, hochmusikalische Gegenveranstaltung in dieser Form nicht. Ohne die Street-Parade wäre Samstagnacht aus diesem verwunschenen Innenhof im Kreis 4 auch nicht eine entspannte Funk-Disco geworden. Oder dieser Balkon in der Innenstadt wäre nicht Bühne für ein kurzes, skurril-gutes Spontankonzert ­eines weitgehend talentlosen Gitarristen geworden.

Der Techno-Umzug lässt viele Stadtbewohner aktiv werden und füllt die Stadt mit Leben. Das ist zuweilen laut, wild – und übel riechend, wenn wieder einer in den Hauseingang gepinkelt hat. Aber Zürich, dieser wohlgeordneten, strebsamen Stadt, kann an einigen Sommertagen im Jahr ein wenig wildes, farbiges Chaos nicht schaden. In einer solch verheissungsvollen Partynacht lassen sich auch irgendwann die Nörgler mitreissen – und tanzen durch die fiebrig-festiven Ecken dieser Stadt. That’s eben auch Zurich! Zum Glück.

Erstellt: 03.08.2014, 19:16 Uhr

Yann Cherix, Leiter «Züritipp»-Redaktion, über die Street-Parade.

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