Auch wenn das keiner hören will: Baustellen sind ein Segen!

Bagger verdienen unser Wohlwollen, denn sie zeugen von Wohlstand.

Schrötig, jedoch nötig: Baustellen tun nicht dem Auge  gut, aber der Kanalisation im Untergrund. Foto: Reto Oeschger

Schrötig, jedoch nötig: Baustellen tun nicht dem Auge gut, aber der Kanalisation im Untergrund. Foto: Reto Oeschger

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2015 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr der Bellevue-Baustelle. Bauen am Bellevue ist wie eine Operation am Herzen, während der Patient eine Vorstands­sitzung leitet. 60'000 Autos am Tag, 76'000 umsteigende Fahrgäste – der Betrieb muss weitergehen, das Bellevue ist so zentral, dass es nicht umfahren werden kann. Nur schon die Ankündigung dieser Monsterbaustelle lässt Autofahrer zum Blutdruckmittel greifen und Trampassagiere das Testament machen.

Wenn das Bellevue nächstes Jahr wenigstens die einzige Baustelle wäre. Nein, die ganze Stadt ist eine Baustelle, 475 sind derzeit in Bearbeitung, letztes Jahr waren es 491. Wie viele es 2016 sind, möchte man eigentlich gar nicht wissen.

Der Staat flickt, weil er muss

Die Baustelle hat in der Öffentlichkeit einen miserablen Ruf. Sie ist gefürchtet und gehasst wie sonst beim staatlichen Tun nur die Parkuhrenkontrolle und der Bussenzettel. Das Gewerbe nimmt die rot-weissen Abschrankungen persönlich, weil sie Kunden abschrecken und Umsatzeinbussen bewirken. Es ist schon vorgekommen, dass Ladenbesitzer versucht haben, den Staat haftbar zu machen für den schrumpfenden Umsatz. Doch die Chancen vor Gericht sind minim. Der Unterhalt von Strassen und Werkleitungen ist hoheitliche Pflicht; die Unbill der Baustelle muss «hingenommen» werden, wie die Juristen kalt urteilen.

Autofahrer hassen die Baustelle, weil sie ihre schneidige Fahrt stoppt und sie den Zeitvorsprung gegenüber den verstopften Trams und S-Bahnen verlieren. Auch haben sie das Gefühl, Stop-and-go tue ihrem Motor nicht gut – Russ in den Zündkerzen, Gerinnsel in der Benzinpumpe und weitere Pein. Am heftigsten jedoch leiden die bürgerlichen Gemeinderäte an der Baustelle – ihnen beschert sie Hexenschuss und Migräne aufs Mal. Für sie ist die Baustelle ein politisches Instrument der Grünen, praktizierte Verkehrsbehinderung, getarnt als Kanalsanierung. Die Linke will die Armee abschaffen, aber Bagger lässt sie auffahren. Und wer das weiterdenkt, begreift auch, dass die Cobratrams gewollt so kleine Räder haben: Der grosse Raddruck schadet den Gleisen und macht bald wieder eine Gleisbaustelle nötig.

Für SVP und FDP ist das Schlimmste, dass sie das alles seit Jahren verkünden, aber die Mehrheit in Zürich nicht auf sie hört. Allerdings übersehen die Bürgerlichen etwas Wesentliches: Die Baustelle ist zwar laut und lästig, aber auch ein Wirtschaftsfaktor. Eine Stadt, die baut, hat Geld und bringt Geld in Umlauf. 225 Millionen Franken wollen Tiefbauamt, Wasserversorgung, Entwässerung, EWZ und VBZ nächstes Jahr verbauen; 240 Millionen sind es in diesem Jahr. Dieses Geld bleibt zum grössten Teil nicht in der Verwaltung; die Stadt beschäftigt kein Heer von Schaufel- und Pickelbeamten. Sie baut nicht selber, sondern schreibt die Aufträge aus, worauf die privaten Firmen Offerten einreichen: Das «wirtschaftlich günstigste» Angebot erhält den Zuschlag – so verlangen es die Regeln des öffentlichen Beschaffungswesens.

Die Privatwirtschaft profitiert

Wer hat zum Beispiel kürzlich die roten Velostreifen gepinselt? Es ist die Morf AG aus Oberglatt. Wer schleift jede Nacht die Tramgleise? Es ist die Zehnder AG aus Wollishofen. Wer lässt die Presslufthämmer rattern und die Muldenkipper kurven? Es sind Firmen und Steuerzahler aus Zürich und Umgebung – altgediente Namen wie Walo Bertschinger, Cellere, Keller-Frei und viele mehr.

In der Budgetdebatte, die heute in der Stadt beginnt, werden sich die Bürgerlichen mit dem Hunger eines Geiers auf die «Dienstleistungen Dritter» stürzen – extern vergebene Aufträge. So spart man in der städtischen Rechnung locker um die 20 Millionen Franken – 20 Millionen, die ortsansässigen Planungs- und Beratungsbüros entgehen. Aus bürgerlicher und gewerbefreundlicher Sicht müsste die Stadt eigentlich noch viel mehr Baustellen ausschreiben.

Mit dem nüchternen Blick des parteilosen Ingenieurs sieht die Lage so aus: Die Stadt Zürich hat Strassen mit einer Gesamtlänge von 740 Kilometern – was der Distanz nach Marseille entspricht. Diese Strassen haben eine durchschnittliche Lebensdauer von 45 Jahren, woraus ein jährlicher Sanierungsbedarf von 16 Kilometern folgt. Die Abwasserkanäle messen zusammen 1000 Kilometer. Sie sollten 100 Jahre halten, was 10 Kilometer Baustelle pro Jahr ergibt. Manchmal warten die Rohre jedoch nicht auf die Reparatur und verschaffen sich vorzeitig Luft. Mit jeder Auto- und Busfahrt und mit jeder Klospülung tragen die Einwohnerinnen und Einwohner zur Materialermüdung bei. Wer also partout nicht will, dass die Kanalisation vor seinem Haus zur Baustelle wird, macht sein Häufchen im Garten und motiviert alle Nachbarn, es ihm gleichzutun.

Erstellt: 09.12.2014, 20:02 Uhr

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