Auf Kontrollgang in luftiger Höhe mit einem Baupolizisten

Damit Kinder nicht aus Fenstern und Arbeiter nicht von Gerüsten stürzen, inspizieren städtische Kontrolleure alle Baustellen.

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Oliver Hörnlimann hüpft in schwindelerregender Höhe auf einem Gerüstbalken. Das Gerüst schaukelt leicht. Hörnlimann macht das nicht etwa, um das Kind im Manne zufriedenzustellen. Er ist einer der acht Baukontrolleure der Stadt beim Hochbaudepartement. Das Prüfen von Gerüsten wie hier auf Etage vier der Baustelle an der Taubenstrasse in der Enge gehört zu seinem Job. «Dieses typische Malergerüst macht einen sicheren Eindruck», sagt er, hüpft nochmals und rüttelt kräftig an den Geländern. Wie er denn merke, ob das Gerüst stabil sei? «Es muss für mich irgendwie plausibel sein.»

Stadt hat ein Mandat der Suva

Die Arbeit des erfahrenen Bauleiters ist primär dazu da, Gefahren auf Baustellen zu eliminieren. Die Stadt hat denn auch ein Mandat der Suva. Die Gefahren zu erkennen, sei das eine. Diese dann an die Arbeiter weiter zu kommunizieren, das andere, sagt Hörnlimann. Es sei nicht immer ganz einfach, den richtigen Umgangston mit den Leuten auf dem Bau zu finden. Wohl nicht ganz zufällig gibt es denn auch keine Kontrolleurinnen bei der Stadt.

Hörnlimann misst den Freiraum zwischen Gerüst und Fassade. Die vorgeschriebenen 30 Zentimeter wurden knapp eingehalten. Er schreitet weiter und misst um die Ecke die Höhe des Balkongeländers. 93 Zentimeter lägen bei alten Geländern in der Norm - bei neuen müsse die Höhe aus Sicherheitsgründen für die Erwachsenen mindestens einen Meter betragen. Und die Abstände zwischen den Gitterstäben dürfen maximal zwölf Zentimeter betragen. Wären die Zwischenräume grösser, könnte ein Kind sich hindurchzwängen.

«Besonders schlimm sind Unfälle»

Bei seinem Kontrollgang auf dem Gerüst stösst der Baupolizist dann doch auf einen Mangel. Beim Austritt im obersten Treppenlauf fehlt ein Querholm. Ein Arbeiter könnte hier in die Tiefe stürzen. «Solche Unfälle auf Baustellen sind eine besonders schlimme Sache für uns Kontrolleure.» Auch nach dem tödlichen Unfall im Letzigrund-Stadion waren sie im Einsatz und lieferten der Staatsanwaltschaft einen Bericht ab. Ein Hilfsarbeiter hatte in luftiger Höhe versehentlich einen Sicherungsstift gelöst. Ein Gerüstladen sackte ein, der Mann stürzte ab und starb.

Auch wenn grosse Werbebanner angebracht werden, sind die Kontrolleure zur Stelle. Wegen der Sturmsicherheit braucht es zusätzliche Verankerungen am Gerüst, deren Abstände ebenfalls klar vorgeschrieben sind. Auf der Baustelle hier hat es keine Werbung. Nach aussen gegen die Strasse hin sind ganz oben trotzdem Doppelnetze aufgespannt. Diese könnten selbst Ziegel auffangen, die sich beim Umbau des Hauses lösen könnten. Ebenfalls vor der Euro 08 war Hörnlimann für die Stadt im Einsatz, da er auch Zelte und Tribünen auf ihre Stabilität hin kontrolliert.

Gemeinsam mit anderen Stellen wie etwa der Dienstabteilung Verkehr prüfen die Kontrolleure jede einzelne Baustelle in der Stadt, die öffentlichen Raum beansprucht. Und bei jeder braucht es bei der Vorbereitung sehr individuelle Massnahmen. Bei der Baustelle in der Enge etwa musste eine Umleitung für die Fussgänger signalisiert werden, weil das Gerüst aufs Trottoir ragt. Um die Ecke werden die Passanten durch einen Schutztunnel geführt. Der Eingang zum Coiffeursalon im Parterre ist auch während der mehrmonatigen Bauzeit gewährleistet.

Im Innern des Hauses vergleicht Hörnlimann die Pläne mit dem Stand der Abbrucharbeiten. Was gelb eingezeichnet ist, wird abgebrochen. Schwarz bedeutet «Das bleibt», Rot heisst «Das entsteht neu», wie er erklärt. Die alten WC-Schüsseln und Brünneli liegen da, in Tausende von Einzelteilen zerschlagen. Um den Bauleiter herum ist Abbruchmaterial angehäuft, aus kleinen Holzlatten ragen gefährliche Nägel heraus. Die drei Arbeiter werfen durch eine Art Trichter Material hinab, das unten auf dem Trottoir in der Mulde landet. Dort bekämpft der Polier den aufgewirbelten Staub mit Wasser.

Ein Kamin steht am falschen Ort

Auf der nächsten Baustelle an der Tödistrasse steht für Hörnlimann die Abnahme von zwei Wohnungen auf dem Programm. Ein Kran hievt hoch über unseren Köpfen das Ersatzdach weg. Im Estrich ist eine schöne Loftwohnung entstanden mit direktem Zugang vom Lift aus und mit eigener Dachterrasse. Hörnlimann gleicht die Pläne mit dem Ist-Zustand ab. Eines der beiden Kamine auf der Dachterrasse ist nicht an der eingezeichneten Stelle. Es gilt abzuklären, weshalb.

In der Wohnung darunter im 4. Stock misst der Kontrolleur die Abstände zwischen Boden, Radiatoren und Fenstersims. Hörnlimann: «Abstände, die weniger als einen halber Meter betragen, gelten als bekletterbar und demnach gefährlich.» Tatsächlich beträgt ein Abstand bloss 45 Zentimeter. Er beauftragt den Architekten, Anpassungen vorzunehmen. Eventuell muss der Heizkörper abgeschraubt oder eine Sicherheitsklammer am Fenster angebracht werden, damit ein Kind nicht aus dem Fenster stürzen kann. Sonst sei alles in Ordnung. Ob es schon vorgekommen ist, dass eine Bewilligung verweigert wurde? Er zumindest habe das noch nie erlebt, sagt Hörnlimann - und macht sich auf, um auf der nächsten Baustelle nach Gefahren Ausschau zu halten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2008, 08:19 Uhr

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