Auf der Suche nach dem Büezer

Zwischen PKK-Bannern, Petitionen für den Erhalt indigener Völker und Nasi Goreng sehnen sich manche Linke nach mehr Swissness. Hat die internationale Solidarität ausgedient?

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Als sich der 1. Mai-Umzug um 10 Uhr noch immer nicht in Bewegung gesetzt hatte, sagte ein Tamile: «Es werden noch mehr Leute kommen. Die denken wohl, wir sind in Sri Lanka und nehmen es mit der Pünktlichkeit nicht so genau». Schliesslich marschierten die rund 12'000 Demonstranten gegen 10.30 Uhr los.

Neben den vielen Gewerkschaften und linken Parteien liefen zahlreiche Gruppen mit, deren Anliegen nichts mit denjenigen der Schweizer Arbeiter zu tun haben.

«Unsere Bedürfnisse gehen in dem bunten Sammelsurium unter», monierten im Vorfeld der 1. Mai Kundgebung einige Genossen. Der Schweizer Büezer fühle sich zwischen den Forderungen der Tamil Tigers, den rebellischen Gymnasiasten, die gegen den Polizeistaat mobilisieren und den «Es lebe Öcalan»-skandierenden Kurden nicht mehr vertreten.

«Büezern ist 1. Mai egal»

«Hoch die internationale Solidarität», wird die uralte Kampfparole der 1. Mai Demonstranten zu einer leeren Worthülse? Oder verliert der 1. Mai tatsächlich seine politische Aussagekraft und verkommt zum schlichten Fest?

Viele Büezer blieben dem Umzug fern, glaubt auch Lydia Aicher. «Das liegt aber daran, dass es ihnen schlicht egal ist», vermutet die inzwischen pensionierte Verlagsangestellte. «Es soll heute multikulturell sein. Der 1. Mai ist schliesslich auch der Tag der internationalen Vernetzung.»

Arbeiter rücken wieder zusammen

«Am 1. Mai sollten die Leute und ihre Anliegen nicht gegeneinander ausgespielt werden, vielmehr sollen sie sich an diesem Tag solidarisieren», sagt der St. Galler SP-Ständerat und Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes Paul Rechsteiner am Rande des Umzugs. Vor ein paar Jahren, da habe er die Teilnehmer am Tag der Arbeit als zersplittert empfunden, so der Politiker gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet

«Aber ich glaube, das Bewusstsein der Menschen, dass sie zusammenhalten müssen, wird wieder stärker. Und schauen sie sich mal um», Rechsteiner lässt seinen Blick umherschweifen, «in den ersten 500 Meter des Umzugs sehen Sie nur Gewerkschafter und Büezer».

Vorne im Umzug laufen beispielsweise Vertreter des Pflegepersonals in weissen Arbeitsschürzen und mit Infusionsbehältern mit. Sie demonstrieren für ein Ja zur «Vorlage 2.C». «Dieses Jahr laufen verschiedene Berufsgruppen an der Umzugsspitze mit sehr konkreten Forderungen mit und sind auch auf der Rednerbühne vertreten», sagt die Zürcher Vpod-Sekretärin Brigitte Gügler.

Auch Richard Blättler von der Alternativen Liste findet: «Dass hier viele verschiedene Meinungen und Forderungen vertreten werden, das muss so sein», denn wenn die ganze Veranstaltung stur einem Motto folgen würde, sähe das totalitär aus und verfehle den Charakter des 1. Mais. «Ausserdem», fügt Blättler an, «machen unsere ausländischen Mitbürger mitsamt ihren politischen Hintergründen einen grossen Teil der Schweizer Arbeiterschaft aus.»

Wir fühlen uns als Schweizer Arbeiter

Die übergeordneten Interessen seien ja überall die selben, sagt auch die Dame, die die Zeitung des revolutionären Aufbaus verkauft. «Ob Palästina oder Schweizer Lohnpolitik: Am heutigen Tag sollen die Gemeinsamkeiten betont werden.»

Am Ende des Demonstrationszuges macht ein Grüppchen von jungen Leuten auf die Menschenrechtsverletzungen im Iran aufmerksam. Auf die Frage, was denn das mit den Rechten der Arbeiter zu tun habe, sagt Mahadi Rezali-Tazin, der Sprecher der Gruppe gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Wir leben hier, wir sind Teil dieser Gesellschaft, wir fühlen uns als Schweizer Arbeiter.» Seine Gruppe vertrete hier aber auch die Arbeiter im Iran, die unter massiven Menschenrechtsverletzungen zu leiden hätten. «Der 1. Mai, das ist schliesslich auf der ganzen Welt der Tag der Arbeiter.»

Wieder an der Spitze des Umzugs erklärt ein Gewerkschafter, es gebe ja nicht nur ein einziges wichtiges Anliegen, «gerade die grosse Vielfalt vertritt mich als Arbeiter.»

Erstellt: 01.05.2012, 15:22 Uhr

Die kleine Geschichte vom 1. Mai

Der 1. Mai hat seinen Ursprung in den USA. Weil dort der erste Tag im Mai als Stichtag zum Abschluss und der Auflösung von Verträgen, auch Arbeitsvertragen, galt, verlangten nordamerikanische Gewerkschaften die Zusicherung des Achtstundentags und verliehen am 1. Mai 1886 ihrer Forderung mit einem Generalstreik in verschiedenen Industriestädten Nachdruck. In Chicago eskalierte die Lage und mündete nach mehrtägigen gewalttätigen Auseinandersetzungen in einem Bombenattentat.

Mehr als 200 Arbeiter wurden verletzt, etliche Polizisten und Demonstranten starben, auch in Folge des anschliessenden Gefechts.

Um der Opfer des Anschlags zu gedenken, wurde der 1. Mai am Kongress der II. Internationalen, der drei Jahre später stattfand als Kampftag der Arbeiterbewegung ernannt. Seit 1890 wird der Festtag weltweit begangen. Es heisst gar, der 1. Mai sei der einzige weltumfassende Feiertag.

In der Schweiz ist der 1. Mai aber nur ein regionaler Feiertag. Während in den Kantonen Zürich, Jura, Neuenburg sowie in den beiden Basel einem Sonntag gleichgestellt ist, haben viele andere Schweizer nur am Nachmittag frei.

In Zürich findet das schweizweit grösste 1. Mai Fest statt, jedes Jahr nehmen Zehntausende an den Festaktivitäten und dem Umzug teil – jedes Jahr finden aber auch im Anschluss an die grosse Demonstration Krawalle und Auseinandersetzungen mit der Polizei statt.

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