Aus für das Du: In Zürcher Horten gilt neu die «Sie-Kultur»

Schule und Hort rücken in der Stadt Zürich näher zusammen. Damit ändern sich auch die Umgangsformen: Vielerorts müssen Eltern und Kinder das Hortpersonal künftig siezen.

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Zürcher Eltern müssen sich umgewöhnen: Die vielerorts übliche Du-Anrede in Zürcher Schulhorten hat ausgedient. Etwa im Schulkreis Letzi. Dort ging im Frühjahr ein Brief von Schulpräsidentin Barbara Grisch (SP) an alle Hortleiterinnen und -leiter und ans gesamte Betreuungspersonal. Im Schreiben wies die Kreisschulpflege alle Mitarbeitenden der Betreuungseinrichtungen an, ab diesem Schuljahr die «Sie-Kultur» einzuführen.

Das Schreiben gibt einen detaillierten Zeitplan vor: Eltern, deren Kinder neu in eine Betreuungseinrichtung eintreten, werden per Sie angesprochen, und auch die Kinder sprechen die Betreuerinnen und Betreuer so an. Wer bisher der Hortnerin Du sagte, darf das weiterhin tun, muss aber spätestens mit dem Wechsel in einen neuen Hort umstellen; ab Schuljahr 2018/2019 «ist die Sie-Kultur in allen Betreuungseinrichtungen des Schulkreises eine Selbstverständlichkeit». Ausgenommen sind Eltern und Kinder, die Betreuende privat kennen und deshalb per Du sind.

Gemeinsame Kultur

Was ist los im Schulkreis Letzi? Überbordet hier der Amtsschimmel? Barbara Grisch winkt ab. Weder sei der Brief ­Ausdruck von Problemen, noch wolle die Kreisschulpflege irgendetwas Unerwünschtes vorgeben. «Die Umstellung auf das Sie ist keine grosse Sache», sagt sie, «sondern einfach eine Konsequenz daraus, dass Hort und Schule zusehends näher zusammenrücken.»

Umfrage

Im Hort: duzen oder siezen?

Ich bin für das Du, das ist zeitgemässer

 
35.2%

Ich bin für das Sie, es zeugt von Anstand und Kultur

 
64.8%

997 Stimmen


Waren Horte und Mittagstische früher eigenständige Organisationen, sind sie heute Teil der jeweiligen Schulen. Dazu gehört, dass zunehmend Lehrerinnen und Lehrer in den Betreuungseinrichtungen mitarbeiten. Eine Entwicklung, die sich mit der Einführung der ­Tagesschulen bis 2025 noch verstärken wird. «Da braucht es eine gemeinsame Kultur», findet Barbara Grisch. Und nicht nur sie. Alle Stadtzürcher Schulen müssen ein Betreuungskonzept erarbeiten, und dazu gehört auch die Frage nach der Schulkultur.

Du oder Sie, das sei darin ein kleines Element, so Grisch. Denn: «Die Schulleitungen und wir haben beobachtet, dass dies bisher ganz unterschiedlich gehandhabt wurde. In manchen Horten war das Du üblich, in anderen galt schon bisher das Sie, wieder andere praktizierten eine Mischform.» Das habe zuweilen zu Verwirrung geführt, zum Beispiel, wenn Schüler in den Ferien den Hort wechselten. Es gab Kinder, die am Morgentisch die Betreuenden duzten, am Mittagstisch aber siezten. Andere fragten die Lehrpersonen, wenn sie sie zum ersten Mal am Mittagstisch trafen: «Darf ich Ihnen jetzt Du sagen?» Es waren die Schulleiterinnen und -leiter, aber auch die Hortleiterinnen und -leiter, die sich für eine einheitliche Regelung aussprachen – und zwar für den gesamten Schulkreis.

Für manche Betreuenden hingegen ist es ein Verlust, wenn die Kinder nicht mehr Du sagen dürfen.

Bei denjenigen, welche sie umsetzen müssen, stösst die Regelung nicht nur auf Begeisterung. Wobei die Eltern gelassener und positiver zu reagieren scheinen als die Betreuenden. Nadya Della Valle und Ursula Sintzel, die beiden Elterndelegierten im Schulkreis Letzi, haben bislang keinerlei Beschwerden von Eltern vernommen; persönlich sprechen sie sich für das Sie aus: «Aus unserer Sicht schützt es das Personal, weil mit einer Sie-Kultur Anstand und Höflichkeit vielleicht besser gewahrt werden können, vor allem in Konflikt­situationen.»

Für manche Betreuenden hingegen ist es ein Verlust, wenn die Kinder nicht mehr Du sagen dürfen. Das hat auch Urs Berger, Schulpräsident im Schulkreis Waidberg, beobachtet. Dort haben beispielsweise die Schulen Milchbuck und Allenmoos schon früher aufs Sie umgestellt. Im Milchbuck etwa galt ab Beginn des letzten Schuljahres für alle Kinder die Sie-Regelung, auch für jene, welche das Hortpersonal bisher geduzt hatten. «Manche Hortleiterinnen empfanden das als Verlust an Nähe», sagt Berger. Eine ehemalige Hortmitarbeiterin bestätigt das. Sie findet: «Im Hort verbringen die Kinder ihre Freizeit, da sollte der Umgang familiärer sein.» Es habe sich dann allerdings gar nicht so viel verändert, wie sie befürchtet habe: «Die Kinder nahmen es recht locker.»

In Krippen immer noch per Du

Eine ganz andere Praxis als in den schulischen Horten gilt nach wie vor in den städtischen Kitas, wo Kinder im Vorschulalter betreut werden. «Dort ist es üblich, dass man sich duzt», sagt Nadeen Schuster, Mediensprecherin der sozialen Einrichtungen und Betriebe. «Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist in Kitas sehr eng, und die Kinder sind noch so klein, dass sie ohnehin jedem Du sagen.» Über die Hortregelung sei sie «sehr erstaunt».

Anders Erika Mezger vom Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse). «Kinder und Jugendliche müssen den Umgang mit Erwachsenen lernen, da ist es sinnvoll, wenn im Lebensraum Schule überall dieselbe Regelung gilt», sagt sie. Hinzu komme, dass das Sie Lehrpersonen und Hortmitarbeitende auf dieselbe Stufe stelle: «Das ist ganz wichtig.» Das sieht auch Barbara Grisch so. Das Sie wirke professioneller, sagt sie: «Damit wird klar, dass es nicht die Freundin oder die Tante ist, die das Kind hütet, sondern eine Fachperson.»

Kritik an Coop

Sie oder Du, diese Frage wird nicht nur in Zürcher Horten diskutiert. In deutschen Elternforen etwa ist es immer wieder Thema, wie Erzieherinnen im Kindergarten anzusprechen sind. In der Wirtschaft ist das Du seit Jahren auf dem Vormarsch. Allerdings ist die informelle Anrede gerade im Umgang mit Kunden heikel. So handelte sich der Detailhändler Coop jüngst Kritik ein, weil in dessen neuen Coop-to-go-Filialen die Kunden geduzt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2016, 22:03 Uhr

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