Ausländer in Handschellen gelegt nach Streit um einen Apfelschnitz

Ein kurdischstämmiger Vater ist auf einem Limmatschiff in Handschellen von Bord geführt worden. Zum Streit kam es, weil sein dreijähriger Sohn einen Apfelschnitz ass und auf dem Polster stand.

Schauplatz einer aussergewöhnlichen Auseinandersetzung: Ein Limmatschiff der ZSG.

Schauplatz einer aussergewöhnlichen Auseinandersetzung: Ein Limmatschiff der ZSG. Bild: ZSG

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Nach «Täschligate» und Oprah Winfrey bahnt sich ein «Fall Apfelschnitz» an, in dem es ebenso um Rassismus gehen soll. «NZZ online» hat heute die Geschichte um eine verunglückte Limmatschifffahrt publiziert, die mit einem Polizeieinsatz endete.

Ein Kurde, seit zehn Jahren in Zürich wohnhaft, wollte seinem Sohn einen Wunsch erfüllen und mit dem Limmatschiff vom Landesmuseum an den Bürkliplatz fahren. Am letzten Samstag um 17.35 Uhr ging er an Bord und setzte sich. Als die Kontrolleurin eintraf, war er gerade daran, seinem Sohn einen zu Hause vorbereiteten Apfelschnitz in den Mund zu stecken. Die Frau habe ihn – statt Guten Abend zu sagen – angeraunzt: «Hier ist Essen verboten.»

Essen auf Booten ist verboten

Je nach Quelle wird die Geschichte von nun an etwas unterschiedlich erzählt. Laut ZSG-Sprecherin Conny Hürlimann ist auf den Limmatbooten – im Gegensatz zu den grossen Kursschiffen – Essen verboten. Das wird mit mehreren Piktogrammen und Klebern kommuniziert. Grund: «Wir wollen so vermeiden, dass Passagiere sich auf verunreinigte Polster setzen müssen.» Auf den Booten sei es eng, früher sei es immer wieder zu Kundenreklamationen gekommen. Der Knabe habe zwar mit Essen aufgehört, kletterte aber auf den Sitz, um aus dem Fenster zu schauen. «Er trug trockene Strassenschuhe», sagt der Vater gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Das führte zur nächsten Eskalationsstufe. Laut dem Vater hat die Kontrolleurin darauf gesagt: «Sie müssen als Ausländer anständig sein.» Der Mann wiederum konterte: «Ich bin hier nicht Ausländer, sondern ein normaler Passagier.» Zudem soll er ihr an den Kopf geworfen haben: «Sie sind psychisch gestört.» ZSG-Sprecherin Hürlimann sagt: «Rassistische Äusserungen wurden von der Kontrolleurin nicht gemacht.» Auf Rassismusvorwürfe, die der Vater offenbar gemacht hat, habe die Kassierin – so Hürlimann – gekontert: «Anordnungen des Personals müssen unabhängig von der Nationalität befolgt werden.»

Eskalation beim Landesmuseum

Während das Boot noch immer beim Landesmuseum wartete und weitere Passagiere zustiegen, spitzte sich die Situation zu. Kassierin und die Bootsführerin, die nun auch dazukam, hätten den Mann mehrfach aufgefordert, das Schiff zu verlassen. Die Kapitänin berief sich aufs Personenbeförderungsgesetz, wonach Passagiere vom Transport ausgeschlossen werden können, wenn sie sich «ungebührlich benehmen» oder sich nicht an die Anordnungen des Personals halten.

Doch der Vater habe sich geweigert, von Bord zu gehen, und sei immer lauter und aggressiver geworden. Frauen hätten ihm nichts zu befehlen, sagte er gemäss ZSG. Durch sein Auftreten hätten sich die beiden Frauen in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt gefühlt. «Vom Fahrgast ging eine Bedrohung für unsere Mitarbeiterinnen, aber auch für andere Gäste aus», sagt Conny Hürlimann. Die Kapitänin bot die Wasserschutzpolizei auf, die zehn Minuten später per Boot eintraf.

Am Ufer angekettet

Gemäss Stadtpolizeisprecher Adrian Feubli haben eine Polizistin und ein Polizist den Mann mehrfach aufgefordert, das Schiff zu verlassen, um die Situation an Land zu klären. Doch der Vater habe sich sehr lautstark gewehrt, obschon die Polizei ihm erklärt habe, er mache sich strafbar, wenn er einer polizeilichen Anordnung nicht nachkomme. Darauf hätten ihn die Polizisten in einer Handschelle von Bord geführt und an Land an ein Geländer angekettet.

Grund für diese unübliche Massnahme war offenbar der Zeitdruck. Die Polizistin musste das Polizeiboot umparkieren, damit das Kursschiff abfahren konnte. Und der Polizist musste gleichzeitig den Knaben von Bord holen.

Gemäss eigenen Aussagen sagte der Mann gegenüber der Polizei: «Ich komme mir vor wie in der Nazizeit und brauche jetzt wohl einen Rechtsanwalt.» Der Kurde wurde von der Polizei gleich wieder entlassen. Er wird nun verzeigt. In seinem Mail an Tagesanzeiger.ch/Newsnet schreibt er: «Ich zitterte vor Wut, mein Sohn war bleich und verstummt.»

Erstellt: 16.08.2013, 17:57 Uhr

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