«Autofahrer ärgern ist in Europa urbane Politik»

Grosser Auftritt der Stadtzürcher Verkehrspolitik in den USA. Die «New York Times» schreibt, die Behörden würden Überstunden schieben, um Autofahrer zu quälen. Das hat zu reden gegeben.

«Autofahren ist hier eine Stop-and-go-Erfahrung», sagt der Chef der Zürcher Verkehrsplanung, Andy Fellmann, laut NYT: Die Bullingerstrasse wird für den Verkehr gesperrt. (2. August 2010)

«Autofahren ist hier eine Stop-and-go-Erfahrung», sagt der Chef der Zürcher Verkehrsplanung, Andy Fellmann, laut NYT: Die Bullingerstrasse wird für den Verkehr gesperrt. (2. August 2010) Bild: Keystone

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Geht es nicht gerade um «Needle Parks» oder verhaftete Filmregisseure, dürfte sich New York wenig um Switzerland’s Downtown kümmern. Bis letzten Montag, als Zürichs Verkehrspolitik ihren Auftritt in der «New York Times» hatte. In Europa gehöre das Ärgern von Autofahrern zur urbanen Politik, war der Artikel sinngemäss überschrieben, der auf der Internetsite der Zeitung zwei Tage lang das meistdiskutierte Thema war und in der heutigen NYT-Beilage des TA nachzulesen ist.

Rein sachlich werden darin die verkehrspolitischen Unterschiede zwischen den USA und Europa abgehandelt. Verkürzt gesagt: Primat des Autos dort, Trend zum Fussgänger und öffentlichen Verkehr hier.

«Unser Ziel ist es, Raum für die Fussgänger zurückzuerobern»

In Kopenhagen, München oder eben in Zürich. Dass hier Fussgängerunterführungen aufgehoben würden, ist im Artikel zu lesen, und dass auf Einfahrtsachsen in kurzen Abständen Ampeln hingestellt würden, die den Autoverkehrsfluss hemmten. Zürich wird im Artikel dabei zur Zeugin der Anklage. Die Tonalität zu dieser Lesart stimmt der Titel an.

Dazu kommen Bemerkungen des Chefs der Zürcher Verkehrsplanung, Andy Fellmann, den die Journalistin am Löwenplatz lachend sagen lässt: «Das ist es, was uns gefällt. Autofahren ist hier eine Stop-and-go-Erfahrung. Unser Ziel ist es, Raum für die Fussgänger zurückzuerobern und nicht, es den Autofahrern leicht zu machen.» Ähnlich verstehen lässt sich schliesslich auch der Satz von den Zürcher Behörden, die seit Jahren Überstunden machen, um Autofahrer zu quälen.

Zugespitzt und deswegen falsch

Überminuten leisten musste deswegen gestern der Sprecher des Tiefbaudepartements. Um Journalistenfragen zu beantworten. Nein, der Satz mit den Überstunden habe ihn nicht geärgert, sagte Pio Marzolini. Weil er so absurd sei, dass ihn wohl auch Zürcher Leser als witzige Übertreibung verstünden.

Erschrocken sei er aber ob der Passage mit Andy Fellmann. Die gebe nur ansatzweise wieder, was gewesen sei. Tatsächlich habe man sich, so Marzolini, Mitte Mai mit der NYT-Journalistin getroffen und dabei den Löwenplatz besucht. Fellmann habe sich dort dahin gehend geäussert, dass man den Platz so umgebaut habe, dass öffentlicher, Auto- und Fussgängerverkehr gleichberechtigt fliessen. Der Autoverkehr rolle dabei langsamer, aber er rolle. Dass andernorts, wie an der Pfingstweidstrasse, das Auto noch immer Vorrang habe, sei dabei betont worden. Nun wirke es, als ob ganz Zürich ein Löwenplatz sei.

Weggekürzt und zugespitzt

Vorwürfe will Marzolini der Autorin keine machen. Noch am Montag habe sie sich entschuldigt. Offenbar habe ein Redaktor, um den Artikel zuzuspitzen, Passagen weggekürzt. Zum Beispiel, dass man in Zürich Autos nicht hasse, sondern aus Gründen der Umwelt- und Lebensqualität die Balance suche.

Mitgespielt hat laut Marzolini dazu ein Missverständnis. In den USA ist es nicht Usus, einen Artikel zum Gegenlesen zu geben. Inzwischen hat die Journalistin den Artikel auf ihrem Blog unter dem Titel «Überdenken von überflüssigen Autofahrten» präzisiert.

Erstellt: 04.07.2011, 06:14 Uhr

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