Babyboom in Zürich: Hebammen machen Überstunden

In der Stadt Zürich kamen 2012 fast 5000 Kinder zur Welt. Mit mehr Wohnungen, Krippenplätzen und Horten sieht sich die Stadt für die Folgen des Babybooms gerüstet.

Eltern wünschen sich wieder mehrere Kinder: Ein Neugeborenes auf der Säuglingsstation. (Archivbild)

Eltern wünschen sich wieder mehrere Kinder: Ein Neugeborenes auf der Säuglingsstation. (Archivbild)

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Wie Löwen im Zoo zogen werdende Väter in den Gängen der Maternité des Triemlispitals ihre Kreise: Fünf der sechs Geburtszimmer waren gestern besetzt. Ein Bild, wie es 2012 häufig zu sehen war. «Ich arbeite seit zehn Jahren in der Frauenklinik des Triemlispitals. So viele Geburten wie im vergangenen Jahr hatten wir noch nie», sagt die stellvertretende Chefärztin Gabriella Stocker. 1884 Geburten verzeichnete das Triemlispital im Jahr 2012, das sind 120 mehr als im Vorjahr. Eigentlich wären es noch mehr gewesen. 29 Schwangere mussten ab- und anderen Spitälern zugewiesen werden.

Stocker erklärt sich den Babyboom mit dem Wunsch nach mehr als nur einem Kind: «Wir haben deutlich mehr Frauen, die mehrfach gebären. Die Schweizerinnen tragen wesentlich dazu bei.» Manchmal sind während mehrerer Tage alle Gebärzimmer belegt, und an gewissen Tagen erblicken zehn Babys in der Maternité das Licht der Welt. An solchen Tagen könne das Personal nicht einfach nach Hause gehen, was manchmal eine ziemliche Belastung sei.

Nielsen erfreut über Babyboom

Zurzeit sei es schwierig, qualifizierte Hebammen zu finden, sagt Stocker. Das hängt aber nicht mit der hohen Arbeitsbelastung, sondern mit der geänderten Ausbildungsdauer zusammen. Sie wurde von drei auf vier Jahre verlängert. Im vergangenen Jahr haben die ersten Hebammen des neuen Lehrganges ihre Ausbildung abgeschlossen.

Laut Stadträtin Claudia Nielsen (SP), verantwortlich für das Triemlispital, braucht die Maternité derzeit kein zusätzliches Personal. Die Situation werde aber laufend überprüft. Nielsen ist glücklich über den Babyboom: «Ich finde das sehr gut. Ich freue mich über die vielen Kinderwagen in den Trams. Das trägt zu einem lebendigen Zürich bei.»

2011 wurden in der Stadt Zürich 4760 Kinder geboren – knapp weniger als im Rekordjahr 1968, als in der Stadt Zürich 4777 Geburten gezählt wurden. Die Zahl für 2012 steht noch aus, sie dürfte aber über dem Rekordwert liegen. Nicht nur im Triemli-, auch im Universitätsspital kamen mehr Kinder auf die Welt: 2661, was einem Anstieg von 25 gegenüber dem Vorjahr entspricht. Davon waren 1294 Mädchen und 1367 Knaben. Die Klinik Hirslanden und die Klinik Im Park verzeichneten mit 1628 Geburten ein Minus von 34. Dies hänge mit den Umbauarbeiten einer Geburtenabteilung zusammen, die drei Monate gedauert hätten, schreibt Mediensprecher Marco Stücheli. Die genannten Geburtszahlen lassen sich nicht einfach zusammenzählen, weil in Zürcher Spitälern auch Frauen aus anderen Gemeinden gebären.

Günstige Familienwohnungen

Die Stadt Zürich sieht sich angesichts des Kindersegens gewappnet. «Wir haben mit dieser Entwicklung gerechnet», sagt Stadtrat Martin Waser (SP). Die Gründe für den Boom sieht er in der gestiegenen Attraktivität: Lange habe die Stadt als lebensfeindlich gegolten, dies habe sich in den letzten 10 bis 15 Jahren geändert. Quartiere wurden mit verkehrsberuhigenden Massnahmen entlastet, die Luftverschmutzung ging zurück. Für Waser hat die Stadt für Familien deutlich an Attraktivität gewonnen, weil auch das Angebot an bezahlbaren, grossen Wohnungen stark gestiegen ist.

Einen wesentlichen Einfluss für den Babyboom ortet Waser beim Angebot an Krippen- und Hortplätzen. Die Stadt habe in diesem Bereich grosse Anstrengungen unternommen und biete heute für jedes Kind einen Krippenplatz. Bei den Hortplätzen bestehe da und dort noch Handlungsbedarf. Schwierig sei es allerdings, genügend qualifiziertes Personal für die Kinderbetreuung zu finden. Die Stadt ermuntert deshalb private Krippen mit einer Erfolgsprämie, selber Personal auszubilden. Waser bezeichnet diese Strategie als erfolgreich. «Der Babyboom ist zwar eine grosse Herausforderung. Für die Vitalität der Stadt sind die vielen Kinder aber enorm wichtig.» Die jetzige Situation sei ihm viel lieber als die Stagnation, die in den 80er- und 90er-Jahren herrschte.

Kosten in Millionenhöhe

Der Babyboom kostet Millionen – auch weil sich der Staat früh der Kinder annimmt. 2005 haben die Stadtzürcher mit 71 Prozent beschlossen, dass ihre Stadt eine flächendeckende Krippen- und Hortbetreuung bereitstellen muss. Seit Jahren bauen Sozial- und Schuldepartement sowie private Krippenanbieter das Angebot aus. Zuerst mussten sie das frühere Defizit aufholen, wegen des Kinderzuwachses hinken sie der Nachfrage noch leicht hinterher. Knapp sind Betreuungsorte für Säuglinge und subventionierte Krippenplätze.

Dieses Jahr kamen in Zürich rund 400 Krippenplätze hinzu, 110 davon subventioniert. In den nächsten vier Jahren soll das Wachstum in ähnlichem Tempo weitergehen, die Stadt will je rund 100 subventionierte Plätze schaffen. Mit derzeit gut 7400 Betreuungsplätzen hat sich deren Anzahl in Zürich seit 1990 fast versiebenfacht. Im Jahr 2011 kostete das Krippenwesen die städtischen Steuerzahler 58,6 Millionen Franken.

Schulraum wird knapp

Zu den bis zu 60 Millionen, die jährlich für Krippen anfallen, summieren sich die Kosten für Horte. Bis 2020 werden laut einer Schätzung des Schulamtes 19'000 Kinder einen Hort besuchen. Das sind 8000 mehr als heute. Für diesen Ausbau rechnet die Stadt bis ins Jahr 2020 mit Investitionen von 230 Millionen. Dazu kommen die Betriebskosten, die 2012 rund 128 Millionen betrugen. Für 2016 sind 172 Millionen budgetiert.

Nicht nur an Betreuungsplätzen mangelt es, auch der Schulraum wird knapp – vor allem in den Neubaugebieten. Bis 2019 soll sich die Zahl der Stadtzürcher Schüler um 11 Prozent auf 30'000 erhöhen. Um diesen Ansturm zu bewältigen, will der Stadtrat bis in zehn Jahren sieben neue Schulhäuser erstellen. Zusammen werden sie das Budget mit gut einer halben Milliarde belasten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2013, 20:59 Uhr

Erstgeborenes Baby im Universitätsspital Zürich im neuen Jahr: Orlando Christopher hat das Licht der Welt am 1.1.2013 erblickt. (Bild: Leserreporter Filippo Pignatti)

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