Badran – die zehnte Stadträtin?

Jacqueline Badran prägt derzeit die Diskussion um das neue Stadion. Wie viel Macht hat die SP-Nationalrätin in Zürich?

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«André!», ruft Jacqueline Badran an der Delegiertenversammlung der Stadtzürcher SP in den heissen Saal des Restaurants Weisser Wind. Stadtrat André Odermatt zieht den Kopf leicht zwischen den Schultern ein. Er weiss: Dagegen, was jetzt kommt, ist er machtlos: «Eine Rendite von 5,7 Prozent auf Mietwohnungen?», sagt Badran, drohend fast, «diese Zahl ergibt eine einfache Dreisatzrechnung.» Odermatts Zwischenruf wird vom Raum verschluckt. Badran hebt ihren Zeigefinger, sticht mitten ins sozialdemokratische Herz: «Wir können unser politisches Leben nicht damit zubringen, Renditewohnungen zu bekämpfen – und dann so was auf städtischem Boden zulassen.»

Die Intervention Ende August dauert nur ein paar Minuten, und doch ist danach jedem im Raum klar: Das Stadionprojekt Ensemble wird gerade praktisch begraben. Badran hat die Wohnungen in den Wohntürmen, die das Stadion querfinanzieren sollen, als «Luxuswohnungen» enttarnt. Nur ein paar Tage später muss Stadtpräsidentin Corine Mauch eingestehen: «In diesem Geschäft hört die Partei offenbar eher auf Jacqueline Badran als auf mich.» Badran steht zur gleichen Zeit bereits mit den Unterschriftsbögen für die Stadioninitiative der SP am Lochergut.

Die «Badranianer»

Wenn Menschen von Zürich bis Bern über Jacqueline Badran sprechen, hört es sich an, als sprächen sie über eine Naturgewalt. Einen Murgang in den Bergen etwa, unaufhaltsam, wenn er sich in Bewegung gesetzt hat. Was sich ihm entgegenstellt, wird mitgerissen.

Es fallen auch Worte wie «Gottesdienst», «Jünger» oder «Badranianer». Ihre Parteikollegen sprechen lieber von Badrans «grosser Glaubwürdigkeit». «Die hat sie sich aber auch erarbeitet», sagt die Zürcher Kollegin Gabriela Rothenfluh, «sie macht unglaublich viel für die Partei.» Die Frau mit den schweren Stiefeln und wallenden Mänteln umgibt nicht nur etwas Mystisches, weil sie einen Flugzeugabsturz und eine Lawine überlebte. Die Frau hat auch unheimlichen Erfolg.

Badran selber verweist auf dem Balkon des Bundeshauses auf ihre Vorstösse im Zürcher Gemeinderat, die sie während ihrer zehn Jahre dort eingereicht hat. «Zu hundert Prozent mit einer Mehrheit überwiesen, trotz bürgerlicher Mehrheit.» Es ist Herbstsession in Bern, Badran ist längst auf dem nationalen Parkett. Jetzt mischt sie trotzdem in Zürich mit. Beim Wort «Badranianer» lächelt sie – und erzählt eine Geschichte.

«Badran ist eine hochintelligente Frau, sie kann mit ihrem Wissen verunsichern und liefert präzise Arbeit.»Martin Vollenwyder, Ex-Stadtrat

Es ist 14 Jahre her, die 42-jährige Jacqueline Badran, Unternehmerin, Züriberg-Kind, ist frisch im Gemeinderat. In den ersten Sitzungen sagt sie kaum ein Wort. Sie befindet sich in einer von oben gesteuerten Fraktion, männlich und von Machtspielen geprägt. «Jacqueline, du musst eben auch Leute hinter dich scharen», rät ihr eine ältere Kollegin und versetzt damit dem Stein den Tritt, der den Murgang Badran auslösen sollte. «Leute hinter sich scharen tun Diktatoren. Ich will inhaltlich überzeugen», sagt sich die Neo-Politikerin, Biologin und Ökonomin. Und beisst sich in die Materie.

Heute wissen Gegner wie Freunde, dass man sich lieber warm anzieht, wenn man sich argumentativ mit Jacqueline Badran anlegt. Selbst Ex-Stadtrat Martin Vollenwyder (FDP), der der Credit Suisse damals das Land beim Hardturm abgekauft hatte, um darauf ein Stadion zu bauen, und deshalb nicht erfreut ist über das Verhalten der SP, muss zugeben: «Badran ist eine hochintelligente Frau, sie kann mit ihrem Wissen verunsichern und liefert präzise Arbeit.» Badran, sagt er, habe eben nicht nur eine Strategie, sondern auch eine Taktik. Die Mehrheit für die Initiative habe sie sich mit Sicherheit schon vor der Delegiertenversammlung gesichert. Lange Telefonate, bis das Gegenüber überzeugt ist, scheue sie nicht.

An der Versammlung selber ging es dann nur noch um die Show. Badran beherrscht beides. «Pssst», raunte es durch den Raum, als sie an der Parteiversammlung das Pult betrat. Und obwohl sie nie Menschen hinter sich scharen wollte, steht kurze Zeit später eine Schar auf der Strasse, um Unterschriften zu sammeln.

Redlich oder nicht?

Das mögen jene weniger, denen Badran die Show klaut. Der frühere AL-Gemeinderat Niggi Scherr – auch einer, der sich in die Materie beisst – bezeichnet die SP-Initiative in seinem Blog als «Pfusch». Die SP unterschlage in ihrem Vorschlag für ein 130-Millionen-Stadion die Kosten für Land, Altlastensanierung und Berechnungsungenauig­keiten. 225 Millionen würde das Stadion gemäss Scherr kosten. «Unredlich» gegenüber dem Stimmvolk, findet er das.

Doch gerade auf ihre Redlichkeit ist Jacqueline Badran besonders stolz. Und wenn zwei Wohnpolitiker sich derart uneinig sind, handelt es sich am Ende vielleicht doch um eine Glaubensfrage. Badran hat eine Replik angekündigt. Die hat es dann wohl in sich und eins vorneweg: «Es ist die Ensemble-Vorlage, die verschleiert, was sie das Volk kostet, und Altlasten sind da bestimmt nicht aufgeführt», sagt sie.

«Badran hat recht»

Badran ist eine Überzeugungstäterin. «Sie hat die seltene Fähigkeit, zu glauben, dass sie das Rennen auch dann noch gewinnen kann, wenn der Erste schon fast im Ziel ist», sagt Vollenwyder. «Sie hat ein Urgefühl für soziale Gerechtigkeit», sagt auch der ehemalige SP-Parlamentspräsident Peter Stähli-Barth, der es trotzdem «unmöglich» – eine «Blamage» gar – findet, wie die Partei sich verhält.

Doch «Badran hat recht», flüstert man sich in der Partei zu. «Die Grünen vertreten das Stadion auch nicht wie ihr Finanzvorsteher, und keiner wirft es der Partei vor», sagt SP-Gemeinderat Jean-Daniel Strub. Auch er war letzten Winter noch eher für das Projekt Ensemble, «da waren uns die entscheidenden Details aus der Kommission aber noch nicht bekannt». Ein ganz gewöhnlicher Meinungsbildungsprozess.

Jacqueline Badran ist unheimlich erfolgreich und will inhaltlich überzeugen. Foto: Marvin Zilm (13 Photo)

Ein Prozess, den Badran zu beeinflussen wusste. «Dieses Stadion ist alles, wogegen ich seit 20 Jahren kämpfe», ruft sie den Delegierten zu. Sie greift ihre Gegner an, sie höhnt, sie redet laut, tief und verständlich. Auch wenn es sich um knallharte Mathematik handelt. In ihrer Rhetorik mischt sie Einschüchterung mit dem Charme einer Revolutionärin und dem Fachwissen einer Ökonomin. Sie rechnet die zu hohe Wohnungsrendite, die Kosten für die Stadt beim Heimfall und die mögliche jahrelange Verzögerung durch Rekurse bis vor Bundesgericht vor.

«Wir sind praktisch die Einzigen, die das Stadion noch retten können», sagt Badran auf dem Balkon des Bundeshauses. Und nach drei Stunden Murgang glaubt man es ihr plötzlich. Dann ist die Einschüchterungsphase vorbei, Badrans Härte ist ihrem Charme gewichen, und alle Gegenargumente sind platt gewalzt. Zürich hat keine zehnte Stadträtin. Zürich hat eine Naturgewalt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2018, 08:10 Uhr

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