Hintergrund

Bäumle und das ungesunde Politiker-Leben

Wenig Schlaf, viel Stress und zu viel und zu spätes Essen: Wie die politische Arbeit den GLP-Präsidenten über seine Grenzen brachte.

Muss derzeit aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten: Martin Bäumle. (Archiv, April 2011)

Muss derzeit aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten: Martin Bäumle. (Archiv, April 2011) Bild: Reto Oeschger

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Noch am letzten Freitag war Martin Bäumle in seinem Element. In der «Arena» des Schweizer Fernsehens debattierte der Präsident der Grünliberalen Schweiz mit Verve über die Lockerung der Exportbedingungen für Schweizer Waffen. Danach, so erzählt ein «Arena»-Teilnehmer, sei Bäumle zum nächsten Termin geeilt, dem Swiss Music Award im Hallenstadion. Er war also wie immer: hyperaktiv – ein Mensch gewordenes Perpetuum mobile.

Doch der Eindruck war trügerisch. Der 49-Jährige erlitt Anfang dieser Woche einen Herzinfarkt. Die (zumindest vorläufige) Entwarnung ist gestern gekommen: Bäumle befinde sich auf dem Weg der Besserung, sagte Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger (CVP) während der Ratsdebatte im Bundeshaus. Bäumle werde in den kommenden Wochen jedoch nur vereinzelt Termine wahrnehmen können.

Nicht zum ersten Mal hat Bäumle mit seinen körperlichen Limiten zu kämpfen. Im Herbst 2012 erlitt er einen Schwächeanfall. Bäumle räumte hernach ein, dies habe ihn in Angst versetzt. Den gesundheitlichen Schlag wertete er als «ernst zu nehmendes Signal» seines Körpers. Als Auslöser ortete er das ungesunde Leben unter der Bundeshauskuppel: wenig Schlaf, viel Stress und zu viel und zu spätes Essen.

Die politische Arbeit habe ihn über seine Belastungsgrenze gebracht, resümierte er und kündigte an, aus dem Vorfall Konsequenzen zu ziehen. Er werde sich künftig Auszeiten nehmen. Später distanzierte er sich wieder davon: «Ich dachte nach meinem Schwächeanfall nicht wirklich daran, kürzerzutreten», verriet er dem «Magazin». Ein politischer Weggefährte wertet dieses Verhalten als symptomatisch: Bäumle könne nicht loslassen, er sei ein Getriebener.

Neue Aufgaben übernommen

Bereits im Sommer vor dem Schwächeanfall hatte Bäumle versichert, Arbeit und Verantwortung abgeben zu wollen. Ein Vizepräsidium mit einem oder mehreren Köpfen und eine starke Geschäftsleitung sollten fortan für eine breitere Parteispitze sorgen. Dieser Schritt ist mittlerweile vollzogen, zumindest formell. Seit 2012 haben die Grünliberalen mit dem Genfer Laurent Seydoux einen Vizepräsidenten, zudem haben sie um Fraktionspräsidentin Tiana Angelina Moser eine Geschäftsleitung aufgebaut.

Ob diese Korrektur Bäumle tatsächlich entlastet hat, ist aus der Distanz schwierig zu beurteilen. Seydoux, Präsident der Genfer Kantonalpartei, ist bis heute jedenfalls ein unbeschriebenes Blatt, zumindest in der Deutschschweiz. Fraktionspräsidentin Moser möchte sich zur Arbeitslast Bäumles zurzeit nicht äussern. Es sei eine Frage des Respekts, Bäumle nun die nötige Ruhe zuzugestehen, damit er sich erholen könne.

Tatsache ist aber: Bäumle, seit 2003 Nationalrat und seit 2007 an der GLP-Spitze, prägt den Kurs der Partei und ihren Auftritt in der Öffentlichkeit nach wie vor entscheidend. Zwar haben die Grünliberalen mit Ständerätin Verena Diener eine zweite national bekannte Figur, doch wird sie eher als Standesvertreterin denn als Parteiexponentin wahrgenommen. Bäumle selber will sich nicht als Alleinherrscher tituliert sehen. Seine Parteikollegen halten Bäumles Dominanz für eine falsche Aussenwahrnehmung.

Sie bestreiten auch, dass der Dübendorfer nach seinem Schwächeanfall 2012 weitergemacht hat wie bisher. «Martin Bäumle ist kürzergetreten», sagt etwa der Zürcher GLP-Nationalrat Thomas Maier. Im Kanton Zürich, wo Bäumle bis 2008 als Kantonalpräsident die Fäden zog, wirke er mittlerweile nur noch als beratende Stimme in der Geschäftsleitung.

Auch bei der Gripen-Abstimmung agiere Bäumle nicht an vorderster Front, betonen Parteifreunde. Die Kampagnenführung obliegt zwar dem Luzerner GLP-Nationalrat Roland Fischer. Doch in den Medien präsent war Bäumle gleichwohl, wie etwa sein Auftritt in der «Arena» zum Gripen im letzten Dezember dokumentiert. Parteikollegen quittieren die nach wie vor grosse mediale Präsenz mit der Bemerkung, Bäumle sei als kompetente Stimme eben gefragt.

Ukrainekonflikt als Belastung

Gegen die These einer substanziellen Entlastung spricht nicht zuletzt, dass Bäumle neue Aufgaben übernommen hat. Seit einem Jahr amtet er als Präsident von Green Cross Schweiz, einer Organisation, die Menschen in verseuchten Gebieten helfen will. Mehrarbeit bescheren ihm zudem sein Amt im Verwaltungsrat der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich und sein Mandat als politischer Berater des Wirtschaftsverbandes Swisscleantech. Belasten dürften Bäumle auch die bevorstehenden Wahlen in Dübendorf, wo er am 30. März für seine fünfte Amtsperiode im Stadtrat kandidiert. Der Finanzvorsteher steht unter Druck, nachdem er 2012 einer Zeitung Informationen über die Bonität eines Bauherrn zugespielt und so die Volksmeinung zum Bau eines 114-Meter-Hochhauses in Dübendorf wohl entscheidend beeinflusst hat.

Dazu kommt, dass Politiker im Bundeshaus zuletzt «wachsende Besorgnis» bei Bäumle ausgemacht haben. Grund sei der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland. Bäumle ist mit einer Ukrainerin verheiratet und wirkt als Co-Präsident der parlamentarischen Gruppe Schweiz - Ukraine. Das Schicksal der Menschen gehe ihm nahe, sagen Parlamentarier. Bäumle sei mehrmals in Kontakt mit der Schweizer Botschaft in der Ukraine gestanden und habe Wege gesucht, wie sich die Schweiz für eine friedliche Lösung des Konflikts einsetzen könne. Ein Parlamentarier beschreibt dies so: «Sein Engagement ist vorbildlich. Aber äusserst zeit- und kräfteraubend.»

Erstellt: 14.03.2014, 07:28 Uhr

Wenn Politik krank macht

Gerade bei Politikern, die oft unter Termindruck, Stress und Schlafmangel leiden, gehören Herz-Kreislauf-Krankheiten zu den häufigen Beschwerden. Einige Beispiele:

  • Letztes Jahr musste SVP-Kantonsrat Hans-Peter Amrein mit einem Herzinfarkt notfallmässig ins Spital eingeliefert werden. Er bekam frische Stents in die Herzarterien.
  • Die Zürcher Stadträtin Ruth Genner (Grüne) konnte ihr Amt vorübergehend nicht mehr ausüben, nachdem bei ihr im Dezember 2012 Herzbeschwerden aufgetreten waren.
  • 2009 konnte Stadtrat Martin Waser (SP) einige Wochen nur noch 50 Prozent arbeiten, weil er an Herzflimmern litt.
  • Das Leben von SVP-Nationalrat Hans Kaufmann hing im Frühling 2011 an einem dünnen Faden. Im Notfallwagen ging es ab ins Triemlispital. Diagnose: Herzinfarkt und Lungenembolie. Kaufmann überlebte und wurde erneut in den Nationalrat gewählt.
  • Der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger musste sich 2013 für eine Herz-OP zweimal unters Messer legen.
  • Joschka Fischer, ehemaliger deutscher Bundesaussenminister, musste sich 2013 wegen Herzbeschwerden behandeln lassen.
  • Jean E. Bollier brach Anfang März mit Herzklammerflimmern an einer FDP-Delegiertenversammlung zusammen. Zwei zufällig anwesende Ärztinnen retteten dem ehemaligen FDP-Gemeinderatspräsidenten mit Herzmassagen das Leben.
(wsc)

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