Bahnhof Stadelhofen, der Gubrist der Bahn

Das Nadelöhr des Zürcher Bahnverkehrs soll ein viertes Gleis bekommen. Doch die Wartezeit bis zur Umsetzung des Projekts dürfte selbst geübteste Pendler auf eine harte Geduldsprobe stellen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Gubristtunnel staut es fast immer, am Bahnhof Stadelhofen häufig. Auch von den Frequenzen her lassen sich die beiden Zürcher Nadelöhre vergleichen: Gut 100'000 Autos plagen sich jeden Tag durch den Gubrist, 79'000 Pendler steigen laut SBB-Geschäftsbericht jeden Werktag am Stadelhofen ein oder aus. Das ist in der SBB-Hitliste punkto Pendlerfrequenzen Rang sieben hinter Luzern, aber noch vor Olten und Genf. Zählt man das Shopping-Publikum hinzu, belegt Stadelhofen gar Rang fünf.

Zum wirklichen Grossbahnhof fehlt Stadelhofen aber vor allem eines: ein viertes Gleis. Das ehemalige Quartierbahnhöflein wurde 1981 bloss zum dreigleisigen S-Bahnhof ausgebaut. Die fixfertige viergleisige Variante hatte die Politik auf drei Gleise zusammengestrichen, um 50 Millionen Franken zu sparen. Heute kostet ein Ausbau mindestens das Zehnfache.

Stellwerkstörung als Unwort des Jahres

Verkehrsstörungen am Stadelhofen sind so häufig, dass sie von den Medien schon gar nicht mehr regelmässig aufgenommen werden. Häufig können die SBB nichts dafür. Immer wieder legen Personenunfälle – wie es im SBB-Fachjargon heisst – ein Gleis für eine gute Stunde lahm. Doch wenn der Verkehr im Stadelhofen stockt, dann gerät der S-Bahn-Fahrplan im ganzen Grossraum Zürich durcheinander. Oft wird dabei auch der Verkehr zum Flughafen und in die Ostschweiz tangiert.

Zum Unwort des Jahres 2013 hat sich zudem der Begriff Stellwerkstörung gemausert. Der kleinste Ausfall einer Weiche oder eines Signals zwischen Hauptbahnhof und Stettbach lässt sofort Zehntausende Pendler zu spät zur Arbeit oder in den Feierabend kommen. Dazu kommen auch immer wieder gravierendere Zwischenfälle: Im Sommer 2013 kams zu zwei Kabelbränden im Zürichbergtunnel, und im November 2011 prallte ein Zug ins Auto eines unachtsamen Zeitungsverträgers. Das Auto wurde 60 Meter mitgeschleppt, Gleis 1 blieb drei Stunden gesperrt.

Geologie und Finanzen als Probleme

In der Zürcher Politik sind sich die Parteien wundersam einig, dass der Bahnhof ein viertes Gleis erhalten sollte. Rein bautechnisch wäre das bis 2028 möglich. Doch es gibt zwei Probleme: die Geologie und die Finanzen.

Der heutige Bahnhof ist derart platzsparend in den Berg unter der Hohen Promenade eingebaut, dass eine vierte Röhre keinen Platz hat. Technisch gibt es zwei Varianten. Gemäss Zürcher Regierungsrat müsste ein neues Gleis 30 bis 40 Meter hinter der heutigen Bahnhofswand gebaut werden – auf Höhe des Ladengeschosses und hinter den Bodenankern des Calatrava-Baus. Der VCS bringt eine zweite Variante ins Spiel: Er schlägt vor, das Gleis 4 zwei Etagen unter dem 3. Gleis anzuordnen – mit Zugang über die Ladenpassage. Ausserdem bedingt ein Ausbau einen zweiten einspurigen Riesbachtunnel und die Niveaukreuzungen sollen durch Über- und Unterführungen ersetzt werden.

Eine gute halbe Milliarde

Die Kostenschätzungen des Zürcher Regierungsrates für den Ausbau belaufen sich auf 470 bis 670 Millionen Franken. Wer diesen Betrag wann bezahlt, ist umstritten. Grundsätzlich muss der Bund für Eisenbahnprojekte aufkommen. In Zürich allerdings haben die klamme Bundeskasse und die Unwägbarkeit der Entscheidungswege in Bern bei der Durchmesserlinie dazu geführt, dass der Kanton einen Teil des Projekts vorfinanziert und damit auch für die Zinskosten aufgekommen ist. Sonst hätte die Durchmesserlinie im letzten Sommer kaum eröffnet werden können.

Die Dringlichkeit eines Ausbaus und die schlechten Erfahrungen mit Versprechungen vom Bund – zum Beispiel beim Bau des Brüttenertunnels – haben dazu geführt, dass der VCS Zürich 2012 die Volksinitiative «Bahnhof Stadelhofen: pünktlich und zuverlässig» lanciert hat. Über diese wird im Kanton Zürich am 30. November abgestimmt. Der Regierungsrat lehnt das Begehren ab, der Kantonsrat fasste mit 125:49 Stimmen – Grüne, GLP und AL waren dafür – eine deutliche Nein-Parole.

Undankbare Abstimmung am 30. November

Die Stimmbürger haben bei dieser Volksabstimmung eine undankbare Aufgabe. Es geht nämlich nicht darum, ob man für oder gegen das vierte Stadelhofen-Gleis ist, sondern bloss darum, ob der Regierungsrat zu einer «kantonalen Kreditvorlage verpflichtet» werden soll. Nach Ansicht des VSC und der Grünen kann der Kanton durch eine eigene Kreditvorlage das Projekt um rund zwei Jahre beschleunigen – 2028 statt 2030. Die Initianten versprechen sich bessere Karten, wenn es 2018 in den Eidgenössischen Räten zum Verteilkampf um den weiteren Ausbau der Bahn in der Schweiz geht.

Der Regierungsrat und die grosse Mehrheit des Kantonsrats sind allerdings der Meinung, dass Bund und SBB die Dringlichkeit des Stadelhofenausbaus ebenfalls erkannt haben. Die Volksinitiative würde den Ausbau nicht beschleunigen, den Bund jedoch aus seiner Finanzierungspflicht entlassen und dem Kanton Zürich Zusatzkosten aufbürden – zumindest durch die Verzinsung der Vorfinanzierung.

Für die Gegner der Volksinitiative ist ihr Nein kein Nein zum Ausbau von Stadelhofen. Die Initianten dagegen befürchten, dass eine Ablehnung der Vorlage in Bern als fehlende Unterstützung zur Beseitigung des Nadelöhr wahrgenommen werden könnte.

Erstellt: 28.10.2014, 16:04 Uhr

Artikel zum Thema

Personenunfall sorgte für Verspätungen im Bahnhof Stadelhofen

Im Bahnhof Stadelhofen mussten Pendler gestern Abend bis zu einer Stunde auf ihren Zug warten. Grund war ein Personenunfall. Mehr...

4. Stadelhofer Gleis, wer zahlts?

Mindestens eine halbe Milliarde kostet der dringende Ausbau des Stadelhofens. Gestritten wird übers Geld. Nun hat der Kantonsrat Stellung bezogen. Mehr...

Bahnhöfe platzen aus allen Nähten

73,9 Prozent der SBB-Infrastruktur befinden sich in gutem Zustand. Künftig wollen die Schweizer Bahnen ihr Augenmerk vermehrt auf die Bahnhöfe legen. Vor allem die Station Stadelhofen gilt als Sorgenkind. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...