Ballermann mitten in Zürich

Lärm, Musik, Alkohol und überall Abfall: Ein Rundgang an der Piazza Cella an der Langstrasse.

2 Uhr morgens an der Piazza Cella bei der Langstrasse: Alkoholpegel, Lärm und Abfall steigen an. Foto: Martin Sturzenegger

2 Uhr morgens an der Piazza Cella bei der Langstrasse: Alkoholpegel, Lärm und Abfall steigen an. Foto: Martin Sturzenegger

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Wer verstehen will, wie die Langstrasse heute funktioniert, besucht einen der zahlreichen 24-Stunden-Shops. Kurz vor Mitternacht ist die Warteschlange vor der Kasse länger als im benachbarten Club. «Wer sich in einer Bar betrinkt, der ist entweder blöd oder zu reich», sagt der 22-jährige Roger. Mit seinen Kollegen deckt er sich mit günstigem Alkohol ein: Drei 12er-Pack Bier, zwei Wodka­flaschen und zahlreiche kleine Jägermeister. Es ist der Sprit, der den Partymotor bis in die frühen Morgenstunden am Laufen halten soll.

Erstes Ziel von Roger und Co. ist die Piazza Cella, ein Plätzchen an der Langstrasse vis-à-vis der Lambada-Bar. Der Platz erlangte 2008 durch einen Türstehermord lokale Bekanntheit. Eine tödliche Amokfahrt brachte den Ort vier Jahre später definitiv in Verruf. Dennoch konnte sich das «Little Italy» bis heute einen Hauch Dolce Vita bewahren. Um Mitternacht versammeln sich Jugend­liche aller Nationen auf den Treppen­stufen, die Strassencafés sind bis auf den letzten Platz besetzt, und am Rande ­stehen italienische Gastarbeiter, die das Geschehen gestenreich kommentieren. So hat eine Piazza auszusehen: Heiter, ­lebendig und ein wenig unberechenbar.

Urteil mit Signalwirkung

Wer sich an der Langstrasse aufhält, stellt fest: In den letzten Jahren hat sich vieles verändert. Die Zahl der Partygänger ist stark gestiegen. Die Spannungen zwischen Ausgehvolk und Anwohnern nehmen zu. Einer von ihnen ist Walter Ramseier, er wohnt nur einen Steinwurf von der Piazza Cella entfernt. Er gehört zu jenen 115 Anwohnern, die sich letztes Jahr mit einer Petition an den Stadtrat wandten: Der Partybetrieb sei «eine stadtzerstörerische Sauerei», wurde ­bemängelt. Die Unterzeichner fürchten eine Lärmverlagerung in die noch mehr oder weniger ruhigen Innenhöfe des Quartiers. Das kantonale Baurekurs­gericht zeigte wenig Verständnis und bewilligte einem Restaurant den Betrieb in einem der Innenhöfe. Wer rund um die Langstrasse wohne, müsse eben «ein hohes Mass an Lärmtoleranz mitbringen».

Ramseier lässt diese Argumentation nicht gelten. Der 73-Jährige wohnt mit seiner Frau seit 40 Jahren im Kreis 4 und erlebte die Veränderungen der Strasse aus nächster Nähe. «Sie war schon immer sehr lebendig», sagt Ramseier. ­Ursprünglich ein Treffpunkt für Alkoholiker, seien in den 1980er-Jahren das Sexmilieu und in den 1990er-Jahren das Drogenmilieu dazugekommen: «Das war alles im Vergleich zur heutigen Situation problemlos», so Ramseier und nimmt die Prostitution als Beispiel: Ein Freier wolle vieles, aber bloss nicht auffallen: «Sie reisen mit rotem Kopf an und verlassen das Etablissement wieder mit rotem Kopf – möglichst stillschweigend.»

24-Stunden-Gesellschaft

Das Aufwertungsprojekt «Langstrasse Plus» ab 2001 habe grosse Veränderungen bewirkt. Die Drogen- und Milieuszene werde vermehrt in den Hintergrund gedrängt. «Dafür ist die Langstrasse zum Rummelplatz verkommen», sagt Ramseier. Er befürchtet eine «Monokultur» – hin zur reinen Partymeile. In den letzten drei bis vier Jahren habe sich diese Entwicklung extrem beschleunigt. Das Resultat: «Knöcheltiefe Abfallberge und Lärm bis in die hintersten Quartierwinkel», sagt Ramseier.

Ein anderer Szenekenner vermutet, dass seit der Pensionierung von «Mr. Langstrasse», Rolf Vieli, im Frühjahr 2011 die Stadt weniger aktiv im Quartier engagiert ist und die Bekämpfung von Lärm und Immissionen eine geringere Priorität hat. Vielis Nachfolgerin ist neu als «Delegierte für Quartiersicherheit» nicht allein für die Langstrasse, sondern für das ganze Stadtgebiet zuständig. ­Zudem hat der Gemeinderat zusätzliche Stellen für eine geplante Nachtpolizei ­abgelehnt.

Von den Clubbesitzern erwartet Ramseier das Einhalten der Lärmauflagen: «Die Musik muss drinnen bleiben.» Zu den Angesprochenen gehört Martin Stricker, der vor 15 Jahren ins Nachtclub­geschäft eingestiegen ist. Seine Lokale prägen den Charakter der Langstrasse mit: Matahari, Plaza oder Kinski. Das Acapulco – sein Ältestes – bezeichnet er als «Klassiker des Zürcher Nachtlebens». Stricker bestätigt, dass sich der Veränderungsprozess der Langstrasse in den letzten Jahren beschleunigt hat. Das Nachtleben sei Ausdruck der voranschreitenden Globalisierung: «Die 24-Stunden-Gesellschaft ist eine Realität, mit der man klarkommen muss.»

Als Barbetreiber achtet Stricker darauf, die Auflagen der Stadt einzuhalten: «Im Kinski wurde sehr viel Geld investiert, um das Lokal lärmdicht zu machen.» Draussen würden sich Menschen aufhalten, die nicht Gäste der Clubs sind, für deren Verhalten die Clubs nicht verantwortlich gemacht werden könnten, sagt Stricker. Immer mehr Leute würden sich in den 24-Stunden-Shops günstig mit viel Alkohol eindecken. Von einer Einschränkung der 24-Stunden-Shops hält Stricker nichts: «Es gibt immer einen Weg, sich Alkohol zu besorgen.» Probleme wie Littering sollten mit Prävention bekämpft werden: «Die Ladenbetreiber müssten mehr Verantwortung für das Verhalten ihrer Kunden übernehmen.

Boden mit Abfall übersät

Um 3 Uhr morgens werden auf der ­Piazza Cella die Spuren des Exzesses deutlich sichtbar: Der Boden ist übersät mit zerbrochenen Bierflaschen, die Stimmung ist bisweilen gereizt. Ein ­betrunkener Mann stürmt auf die Strasse und hämmert mit den Fäusten auf der Kühlerhaube eines Taxis herum. Eine Gruppe Secondos schreitet ein und zerrt den Mann von der Strasse. Beinahe artet die Situation in eine Schlägerei aus. Es ist eine von vielen heiklen Szenen, die letztlich aber glimpflich ausgehen. Gemäss Anwohner Ramseier sind die Leute nicht aggressiver geworden. Das Problem sei deren Anzahl.

Trotz steigendem Spannungsverhältnis zwischen Partyvolk und Anwohnern wollen sich langjährige Bewohner wie Ramseier nicht vertreiben lassen: «Wegziehen kommt nicht infrage.» Morgen Dienstag zieht der Stadtrat Bilanz. Kleiner Hoffnungsschimmer für die Anwohner: Ein neues Bewilligungsverfahren von Bars und Clubs mit verlängerten Öffnungszeiten wird angekündigt.

(Erstellt: 28.06.2015, 22:48 Uhr)

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Outdoorpartys: Stadt hat Auflagen verschärft

Eine Evaluation der Stadt hat ergeben, dass die Praxis der «Jugendbewilligung» für Outdoorpartys zu vielen Lärmklagen führte. Zudem schoben oft professionelle Party­labels Jugendliche vor, um zu einer Bewilligung zu gelangen. Jetzt wurden die Anforderungen erhöht, wie die Quartierzeitung «Zürich West» in ihrer jüngsten Ausgabe berichtete. So sind in den letzten zwei Jahren rund 40?Partys durchgeführt worden, dabei nahmen die Lärmklagen markant zu.

Nun hat die Stadt das Bewilligungsverfahren angepasst. Neu gibt es ein zweistufiges, vermehrt auf dem Dialog beruhendes Vor­gehen. Die Gesuchsteller müssen an einer Infoveranstaltung teilnehmen, und später gibt es noch ein persönliches Gespräch. Zudem dürfen nur noch 300 anstatt wie bisher 400 Personen an den Partys teilnehmen, die aber immerhin bis um 6 Uhr dauern dürfen. Neu müssen jeweils drei Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren als Bewilligungsinhaber auftreten. So sei eher gesichert, dass bei Lärmklagen auch tatsächlich jemand erreichbar ist vom Partyveranstalter.

Die Stadt Zürich hatte 2012 mit der Bewilligung von privaten Festen und Partys von vornehmlich jungen Leuten am Stadtrand, unter der Autobahnbrücke in der Brunau, auf abgelegenen Wiesen und in Wäldern dem Bedürfnis nach mehr Frei­räumen Rechnung getragen. (hoh/mrs)

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