Bangen um einen Mammutbaum

Zwei Baumriesen sind in Zürich von einem Pilz befallen, der eine musste bereits gefällt werden. Ob der andere überleben wird, ist noch ungewiss.

Der Mammutbaum am Bleicherweg ist krank. Die braun verfärbten Stellen sind deutlich zu erkennen. Foto: Sophie Stieger

Der Mammutbaum am Bleicherweg ist krank. Die braun verfärbten Stellen sind deutlich zu erkennen. Foto: Sophie Stieger

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Die beiden gewaltigen Mammutbäume vor dem Hochhaus zur Palme am Bleicherweg stellen mit ihrer Grösse das Palme-Gebäude sprichwörtlich in den Schatten. Einer der beiden stolzen Baumriesen bietet zurzeit allerdings einen traurigen Anblick. Sein Nadelkleid ist im oberen Bereich stark gelichtet und hat sich braun verfärbt, weil er am Botryosphaeria-Triebsterben erkrankt ist.

Ein anderer Mammutbaum bei der Villa Schönberg, der vom gleichen Parasiten befallen war, musste Ende Dezember gefällt werden. Der Nadelpilz breitete sich so stark und schnell aus, dass der Baum seit Sommer als abgestorben galt. Der über 100 Jahre alte Riese habe deshalb aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssen, steht auf einer Infotafel von Grün Stadt Zürich nahe der Villa. Nur noch den Baumstrunk liessen die Förster stehen, um die Wurzeln des benachbarten Ginkgos zu schützen. Der Stamm und die Äste landeten im Ofen des Holzheizkraftwerks Aubrugg.

Ob dem Exemplar am Bleicherweg dasselbe Schicksal droht, lässt sich derzeit nicht sagen. «Wir beobachten den Baum, der fortschreitende Pilzbefall kann auch wieder aufhören», sagt Lukas Handschin, Sprecher von Grün Stadt Zürich. Der Krankheitsverlauf ist typisch: Zuerst sterben in der Krone einzelne Zweige ab, die sich rotbraun verfärben. Mit der Zeit wirkt die Krone löchrig. Hohe Temperaturen im Sommer in Verbindung mit einem Trockenstress könnten das Auftreten der Schwächeparasiten deutlich fördern, schreibt die Diagnosedatenbank für Gehölze. Ein Heilmittel existiert nicht.

Modebaum des 19. Jahrhunderts

Im Zürcher Baumkataster sind 56 Mammutbäume in städtischen Anlagen registriert. Zusätzlich gibt es eine unbekannte Zahl weiterer Mammutbäume auf nicht städtischen Grundstücken. Sie sind typische Modebäume des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die ersten Exemplare wurden 1853 nach Europa eingeführt. Damals entstand unter wohl­habenden Bürgern und Industriellen der Gründerzeit ein eigentlicher Wettbewerb, wer über die nötigen Beziehungen verfügte, um an Mammutbaum-Sämlinge heranzukommen. Oft sind sie als einziger Zeuge ehemaliger Villengärten stehen geblieben. Wo ein Mammutbaum steht, kann davon ausgegangen werden, dass sich an seinem Standort früher eine herrschaftliche Villa mit entsprechendem Umschwung befand.

Alfred Escher, Initiator und Gründer der Gotthardbahn-Gesellschaft, pflanzte im Juli 1858 anlässlich der Geburt seiner Tochter Lydia einen solchen Baum im Belvoir, dem weitläufigen Park der Familie. Mittlerweile ist das Gewächs über 150 Jahre alt und damit mutmasslich der älteste Mammutbaum in der Stadt. Der Sturm Lothar habe ihm 1999 zwar die Spitze gebrochen, trotzdem überrage er alle Bäume im Park, schreibt Walburga Liebst in ihrem Buch «Von Baum zu Baum». Im Vergleich zu seinen Artgenossen in den kalifornischen Nationalparks ist er aber ein Jungspund. Jene sind deutlich über 2000 Jahre alt. Der nachweislich älteste Mammutbaum wies im Jahr 1920 über 3200 Jahrringe auf.

Auch in Zürich stehen viel ältere Bäume als der Mammutbaum im Belvoirpark.Die Dorflinde in Oerlikon ist laut Lukas Handschin 1723 gepflanzt worden, im gleichen Jahr trat der Komponist Johann Sebastian Bach seinen Dienst als Kantor in Leipzig an. Im Alter von 75 Jahren sei die Sommerlinde während der Schlacht von Zürich von der französischen Artillerie beschossen worden und in Brand geraten. Sie überlebte. Die Oerliker Dorflinde dürfte zu den ältesten lebenden Exemplaren gehören.

Die ältesten Zürcher Parkbäume stehen am Platzspitz, darunter die kreisförmig angeordneten Ahornblättrigen Platanen, die bereits im Plan des Ingenieurs Johannes Fehr von 1788 eingezeichnet sind. Pflanzt Grün Stadt Zürich neue Bäume, muss sie verschiedene Kriterien berücksichtigen. Es ist wichtig, ob der Baum in einem Park oder an einer Strasse stehen soll. Ausschlaggebend für die Wahl der Baumart sind die Klimaverträglichkeit sowie funktionale und ästhetische Gesichtspunkte: Standortbedingungen, pH-Wert des Bodens, Lichtbedarf, Platzbedarf, Laubfall, Bruchfestigkeit, Dornen und Toleranz gegenüber Feinstaub.

Erstellt: 14.01.2015, 22:04 Uhr

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