Baut die Stadt an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei?

Der Stadtrat will die Verdichtung in Zürich weiter vorantreiben – allerdings nicht in jenen Zonen, wo der Wunsch nach Dichte bei den Anwohnern am grössten ist.

Haushälterischer Umgang mit dem knappen Boden in Zürich: Mit verdichtetem Bauen werden Strategien verfolgt, die eine bauliche Entwicklung ermöglichen, ohne das Siedlungsgebiet weiter auszudehnen.

Haushälterischer Umgang mit dem knappen Boden in Zürich: Mit verdichtetem Bauen werden Strategien verfolgt, die eine bauliche Entwicklung ermöglichen, ohne das Siedlungsgebiet weiter auszudehnen. Bild: Keystone

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In der Stadt Zürich soll bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden – und das obschon die Freiflächen knapp sind. Eine Verdichtung ist notwendig und wird vom Stadtrat angestrebt. In der Bau- und Zonenordnung (BZO) wird bestimmt, wie hoch und wie dicht in der Stadt Zürich gebaut werden darf. Die heute geltende BZO aus dem Jahr 1999 wird derzeit einer Teilrevision unterzogen. Der Stadtrat plant, die Vorlage dem Gemeinderat im Sommer 2013 vorzulegen.

«Das dörfliche Leben von morgen» am Stadtrand

In ihrer Publikation «Räumliche Entwicklungsstrategie» hat die Stadt Zürich allerdings schon im März 2010 einen Verdichtungsplan veröffentlicht. Darin ist ersichtlich, wo die Verdichtung gegenüber der BZO erhöht oder verringert werden soll. Eine aktuelle Umfrage bei der Stadtbevölkerung (siehe Box) zeigt jedoch, dass just in jenen Gebieten der Wunsch nach mehr Dichte am höchsten ist, wo die Teilrevision eine Reduktion vorsieht. Das ist insbesondere in der Innenstadt der Fall, aber auch im Enge-Quartier in den Kreisen 4 und 5, in Wipkingen und Tiefenbrunnen ist die Toleranz gross.

Umgekehrt steht man in den Randzonen der Stadt, wo die meisten Ausnützungsreserven vorhanden sind und am meisten verdichtet werden soll, Veränderungen skeptisch gegenüber. Gemäss Studienresultaten leben hier vor allem jene, die das Überschaubare und Beständige suchen. Hier entwickle sich das dörfliche Leben von morgen, heisst es weiter. Veränderungen würden nur akzeptiert, wenn sie das Quartierleben erhalten und das vertraute «Dorfbild» nicht gefährden.

«Lockerung der BZO ist wünschenswert»

FDP-Gemeinderat Michael Baumer und amtsältestes Mitglied der Spezialkommission Hochbaudepartement Stadtentwicklung streicht gegenüber Tagesanzeiger.ch die Wichtigkeit einer einvernehmlichen Gestaltung der BZO-Revision hervor. Sie müsse mehrheitsfähig sein, damit ein Rechtsstreit verhindert werden könne. «In der Vergangenheit habe ich oft erlebt, dass ein Konfrontationskurs nicht zum Ziel führt», so Baumer.

Er vertritt die Meinung, dass man im Stadtraum eine Verdichtung zulassen müsse, wenn man den Verkehr und die Pendlerströme reduzieren wolle. «Die Leute müssen in der Stadt wohnen können, deshalb ist eine Lockerung der BZO durchaus wünschenswert.» Allerdings müsse die Bevölkerung mit ins Boot geholt und in die Entscheidungen mit einbezogen werden, weil es bei der Teilrevision der BZO vermutlich zu einer Abstimmung kommen werde. «Man muss eine Mehrheit dafür gewinnen können», so Baumer.

Qualitative Verbesserung steht im Vordergrund

Gemäss Urs Spinner, Departementssekretär des Zürcher Hochbaudepartements, sei noch nicht festgelegt, ob und wo bei der Teilrevision städtische Dichte reduziert werden solle. «Es geht um eine qualitative Verbesserung der aktuellen Bau- und Zonenordnung», betont er auf Anfrage. Die Revision orientiere sich an der Lebensqualität der Menschen, die auch bestimmt werde durch städtebauliche Qualität. «Die gültige Bau- und Zonenordnung lässt an ganz vielen Orten eine Verdichtung zu. In der Stadt Zürich hat es noch sehr, sehr viele Nutzungsreserven.»

Potenzial haben laut Baumer vor allem die Kreise 4 und 5 und teilweise auch das Enge-Quartier. «Hier ist eine Verdichtung sicher noch möglich. Es sind bereits heute urbane Zonen, also würde es an diesen Stellen Sinn machen, dass man sie hier weiter vorantreibt.» Allerdings gebe es drei heikle Zonen in der Stadt: Die Altstadt, das Gebiet direkt am Seebecken und jene Gebiete, wo die Kerne der ehemaligen Gemeinden den dörflichen Charakter bewahrt haben. «Dort ist eine Verdichtung aus städtebaulicher Sicht unangebracht.»

Was verhindert werden müsse, seien Retortenstädte am Stadtrand. «Es darf auf keinen Fall geschehen, dass rund um Zürich ein Gürtel aus Wohnhochhäusern entsteht. Das will niemand und dagegen würde ich mich auch in der Kommission zur Wehr setzen.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.12.2011, 11:07 Uhr

Die «Räumliche Entwicklungsstrategie» der Stadt: Rot sind die Gebiete eingezeichnet, wo die Verdichtung verringert werden soll. Grün bedeutet: Hier soll stärker verdichtet werden. (Bild: zimraum)

Wo Zürcher Dichte wünschen: Grün bedeutet hohe Toleranz, rot geringe Toleranz. (Bild: zimraum)

Umfrage

Wo soll in Zürich verdichtet gebaut werden?

In der Innenstadt

 
53.0%

An den Stadträndern

 
47.0%

1278 Stimmen


Die Studie

Die Studie «Städtische Dichte aus Überzeugung – und Interesse» wurde vom Büro Zimraum erstellt. Verfasserin ist Joëlle Zimmerli. Die Daten der Studie beruhen auf einer standardisierten schriftlichen Befragung. Angeschrieben wurden 4000 zufällig ausgewählte Haushalte innerhalb der Stadt Zürich, 362 haben an der Befragung teilgenommen. Die Studie ist mit der Unterstützung der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) entstanden. (tif)

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