«Bei Ehen mit Ausländern kommt es häufig zu erbitterten Scheidungskämpfen»

Immer öfter werden Ehepaare mit verschiedenen Nationalitäten geschieden. Warum es die Schweizer schwerer haben, aus solchen Ehen rauszukommen, erklärt Scheidungsanwalt Roger Groner.

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Herr Groner, Sie haben sich vor rund 12 Jahren auf Scheidungen spezialisiert. Warum?
Es ist ein grosser Markt und ein dankbares Feld. Man lernt die unterschiedlichsten Menschen aus verschiedensten sozialen Kreisen kennen, und man erfährt viel von diesen Menschen – auch ganz persönliche Dinge. Das finde ich spannend. So etwas passiert einem beispielsweise als Wirtschaftsanwalt nicht.

Wie oft haben Sie es mit Scheidungen von binationalen Ehen zu tun?
Pro Jahr sind es sicher 60 bis 70 solcher Scheidungsfälle, die ich betreue.

Und was erleben Sie dabei?
Dass in der Regel die Ausländer weiterhin an der Ehe festhalten. Für die Schweizer ist es schwieriger, eine Scheidung zu erwirken.

Warum ist das so?
Nach drei Jahren dürfen Ausländer, die mit Schweizern verheiratet sind, im Land bleiben. Das heisst, ihre Aufenthaltsbewilligung B muss erneuert werden. Die ausländischen Ehepartner haben daher ein grosses Interesse daran, sich in dieser Zeit nicht zu trennen. Bevor man eine Scheidung überhaupt vor Gericht bringen kann, müssen entweder beide Partner ihre Einwilligung erteilen oder aber sie müssen mindestens zwei Jahre lang getrennt gelebt haben.

Dann gehen also die Scheidungsbegehren bei binationalen Ehen meist von den Schweizern aus?
Wenn die Ehepaare nur kurze Zeit verheiratet waren, ist das tatsächlich so. Wenn diese drei Jahre um sind, dann sind es aber vor allem die Ausländer, die eine Scheidung wollen.

Und worauf ist das zurückzuführen?
Da spielen sicher die kulturellen Unterschiede eine Rolle. Die ausländischen Ehepartner fühlen sich vielleicht mit der eher ruhigen und behäbigen Art der Schweizer nicht wohl. Oder es geht ums Geld: Ich betreue viele Russinnen, die nach ihrer Eheschliessung mit einem Schweizer vermögendere Männer kennengelernt haben.

Schweizerinnen werden nicht um ihr Geld gebracht?
Doch, doch. Ich habe mal den Fall einer 60-jährigen Frau betreut, die in den Ferien in Ägypten einen 25-Jährigen kennengelernt hat. Sie hat sich in ihn verliebt und ihn geheiratet. Die Sache nahm eine üble Wendung für sie: Er hat ihr Geld verprasst, und als sie sich nach zwei Jahren scheiden lassen wollte, hat er nicht in die Scheidung eingewilligt, bis er eine Aufenthaltsbewilligung bekommen hat. Das konnte er so machen. Das war sein gutes Recht.

Geht es eigentlich immer nur ums Geld?
Es ist schon so, dass man besser fährt, wenn man nicht nur vom Ex Unterhalt bekommt, sondern auch vom neuen Partner bezahlt wird.

Waren denn nie Gefühle im Spiel?
Gefühle?

Wollten die Leute nicht ursprünglich zusammenbleiben?
Doch, bei den meisten war das wohl die Meinung. Aber in der heutigen Zeit gewöhnt man sich schnell aneinander und beginnt sich zu langweilen. Man sucht neue Reize. Die sind schneller zur Hand als früher.

Sind es vor allem Frauen, die ihre Männer loswerden wollen?
Nein, das Verhältnis ist 50 zu 50.

Verschiedene Statistiken stützen die Aussage, dass binationale Ehen einem höheren Scheidungsrisiko unterliegen. Sehen Sie das auch so?
Solche Zahlen sagen nicht viel aus. Abgesehen davon scheitern auch viele Schweizer Ehen. Aber bei Ehen mit Ausländern kann es häufiger zu einem erbitterten Scheidungskampf kommen. Ausländer verstehen vielleicht das Schweizer Rechtssystem nicht oder fühlen sich dadurch benachteiligt. Da gehen Schweizer Eheleute einvernehmlicher auseinander.

Und werden vor allem kurze Ehen geschieden?
Ich betreue alle Arten von Fällen. Aber meiner Meinung nach trennen sich schon vor allem Ehepaare, die erst vor zwei bis vier Jahren geheiratet haben. Das Gute daran ist, dass in solchen Fällen meist keine Kinder da sind, die unter der Scheidung leiden könnten.

Ist es nicht frustrierend für Sie, nur mit Menschen zu arbeiten, deren Ehen am Ende sind?
Nein, schliesslich versuche ich ja auch zu helfen. Und manchmal bin ich einfach auch froh, dass ich mich nicht selbst mit solchen Problemen rumschlagen muss.

Erstellt: 24.06.2011, 11:12 Uhr

Betreut pro Jahr bis zu 70 Scheidungsfälle binationaler Ehepaare: Scheidungsanwalt Roger Groner. (Bild: PD)

Roger Groner

Dr. iur. Roger Groner hat sich vor 12 Jahren auf Scheidungsrecht spezialisiert. Er ist als Rechtsanwalt/Attorney at Law an Schweizer und New Yorker Gerichten zugelassen. 2002 erhielt er den Doktortitel an der Universität Basel. Groner war unter anderem als Dozent für Prozessführung an der Zürcher Hochschule Winterthur tätig.

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