Bei Umbau Kündigung – Zürcher Mieter müssen häufiger ausziehen

Fahren die Bagger auf, werden deutlich mehr Häuser «entleert» als früher. Jeder Vierte muss Zürich danach verlassen.

Bei Umbau und Abbruch wird häufiger gekündigt: Abriss eines Hauses in Zürich-West.

Bei Umbau und Abbruch wird häufiger gekündigt: Abriss eines Hauses in Zürich-West. Bild: Reto Oeschger

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Zürich erneuert sich. Zürich wächst. Baukräne, die das Zürcher Stadtbild seit Jahren prägen, zeugen davon. Nie zuvor rissen Baumaschinen in der Stadt so viele Wohnungen ab wie im vergangenen Jahr. Seit 2000 wurde mehr als jede fünfte Wohnung erneuert. Statistik Stadt Zürich hat nun erstmals ausgewertet, was mit den Bewohnern geschieht, die in den Häusern wohnen, die umgebaut werden.

Die Statistikerinnen und Statistiker haben ausgezählt, wie häufig der Mietvertrag trotz eines geplanten Umbaus weiterlief oder ob das Gebäude sozusagen «entleert» wurde. Will heissen: dass gleich allen Mieterinnen und Mietern des Hauses ihre Verträge gekündigt wurden. Dieses Phänomen nennen die Statistikerinnen und Statistiker Leerkündigungen. Und sie stellen fest: Es hat deutlich zugenommen.

Bauen heute Private um, wird gleich allen Bewohnern klar häufiger gekündigt als noch vor wenigen Jahren. «Zwischen 2008 und 2010 kam es noch bei jedem vierten Wohnungsumbau zu einer Leerkündigung», sagt Stefanie Jörg von Statistik Stadt Zürich, die heute Donnerstag ihre Analyse veröffentlicht hat, «im Zeitraum 2014 und 2016 lag der Anteil mit 46 Prozent fast doppelt so hoch.» Der städtische Durchschnitt über die vergangenen acht Jahre liegt bei 35 Prozent.

Schweizer können öfters bleiben

Die Auswertung bezieht sich ausschliesslich auf Gebäude von privaten Eigentümern, ohne Baugenossenschaften und Stockwerkeigentum. «Weil die öffentliche Hand und die Baugenossenschaften ihren Mietern in der Regel Ersatzwohnungen anbieten», sagt Jörg. Wieso sich die Eigentümer häufiger für Leerkündigungen entscheiden, sei schwer zu sagen. Aber: Vor allem bei Häusern mit älterem Baujahr würde öfters gleich allen Mietern gekündigt. Und: «Man sieht, dass es sich bei den Quartieren mit höheren Anteilen um die zentralen Stadtquartiere handelt.»

Doch wohin sind die rund 7000 Menschen gezogen, die von den Leerkündigungen betroffen waren?

Grundsätzlich gilt: Schweizerinnen und Schweizer blieben öfters in der Stadt als Ausländer. Und: Drei von vier Personen fanden in der Stadt eine neue Wohnung. Aber: Davon konnte nur jeder Vierte in seinem ursprünglichen Quartier bleiben. Vor allem die Menschen in Schwamendingen, Witikon und Altstetten wohnten auch nach dem Umbau in einer anderen Wohnung in ihrem angestammten Quartier. «In diesen Quartieren ist es schlicht einfacher, eine neue Wohnung zu finden als in anderen Quartieren», sagt Jörg.

Rund ein Viertel verliess nach der Kündigung die Stadt – am häufigsten in eine andere Zürcher Gemeinde, ein Teil in eine andere Schweizer Gemeinde und der Rest ins Ausland.

Bevölkerung verändert sich

Walter Angst vom Zürcher Mieterverband ist von der Entwicklung bei den Leerkündigungen wenig überrascht. Die Zahlen bestätigten, dass in Zürich hauptsächlich für die Rendite saniert werde: «Will ein Eigentümer seine Rendite steigern, die Miete deutlich erhöhen oder neu Business-Appartements anbieten, werden die Mieterinnen und Mieter rausgeschmissen.» Es sei dramatisch, wenn ein Viertel aller Leergekündigten die Stadt Zürich verlassen müsse. «Das sind Veränderungen im Leben der Menschen, die von aussen aufgezwungen werden», sagt Angst. Das führe zu einer Neuzusammensetzung der Stadt.

Bewohner von neuen Wohnungen haben oft einen anderen, höheren sozialen Status, als die vorherigen, wie eine frühere Studie von Statistikerin Jörg bereits gezeigt hat. In den neuen Wohnungen leben überdurchschnittlich viele Familien und Menschen mit höherer Ausbildung, die in hoch qualifizierten Berufen arbeiten und meist einen Schweizer Pass haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2017, 10:33 Uhr

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