«Bei meiner Kunst gehts nur um Liebe»

Erstmals spricht der Urheber der kubistischen Sprayereien mit der Signatur «Not a Picasso» über seine Motivation und die Vergänglichkeit der Werke.

«Ich grenze mich von der Graffitiszene ab»: Der anonyme Sprayer mit dem Slogan «Not a Picasso» an der Bahnhofstrassse. Foto: Dominique Meienberg

«Ich grenze mich von der Graffitiszene ab»: Der anonyme Sprayer mit dem Slogan «Not a Picasso» an der Bahnhofstrassse. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihre «Not a Picasso»-Werke sind in der ganzen Stadt zu sehen, vor allem in der City. Wissen Sie, wie viele Sie bisher gemacht haben?
Nein, es sind aber sicher ­mehrere Hundert. 

Wie lange sind Sie schon in der Stadt unterwegs?
Gesprayt habe ich vor Jahren schon einmal mit meinem besten Freund – in jugendlichem Leicht­sinn. Als ich das erste Mal von der Polizei erwischt und gebüsst worden war, hörte ich auf. Ich sah den Sinn der Sprayereien auch nicht. Ich sah mich damals nicht als Graffitikünstler, und ich betrachte mich auch heute nicht als ­solchen. Ich fertige keine Graffiti an, ich ziehe Linien mit der Sprühdose und mache so Kunst im öffentlichen Raum.

Gibt es einen Auslöser für Ihre «Not a Picasso»-Sprayereien?
Ja. Es war die Trennung von meiner Freundin. Sie sperrte mich auf ihren Social-Media-Kanälen, ich hatte keine Möglichkeit mehr, mit ihr zu kommunizieren. So suchte ich einen neuen Weg, ich ging mit der Spraydose auf die Strasse. Ich bin dann immer offensiver vorgegangen bis hin zur Präsenz der Werke, wie diese sie heute haben. Es geht bei meiner Strassenkunst nur um Liebe, sie ist das A und O.  Einfach alles. Es ist eine sehr einfache Art für mich zu kommunizieren. Ziel war, die ganze Stadt vollzumachen, bis sie es sieht. Es ist für mich auch ein Gefühlsventil. 

Was steckt hinter dem Slogan «Not a Picasso»?
Es sind keine Picasso-Werke, die ich mache. Darum: Not a Picasso.

Aber es ist eine Anlehnung an Picasso, oder nicht?
Ja. Seit Jahren zeichne ich kubistisch figurativ. Pablo Picasso hat den grössten Einfluss auf mich. Meine ersten Arbeiten habe ich mithilfe seiner Werke gemacht. Sein Einfluss ist nicht nur bei mir gross, sondern bei vielen Künstlern. Viele meinen auch, ich kopiere ihn. Mit «Not a Picasso» zeige ich den Einfluss, ich will mich aber gleichzeitig von ihm abgrenzen. Schliesslich sind es nun meine Werke, man sieht meine Linien.

«Und ab und zu kriege ich es dann auch mit der Polizei zu tun. Ich bin offen für einen Kick, grenze mich aber klar von den Graffitiszene ab.»

Vor einem Jahr habe ich eines Ihrer gesprayten Werke, die an Picasso erinnern, fotografiert. Damals sprayten Sie aber «Maybe this is Art …». 
Ja, zu Beginn verwendete ich «Not a Picasso» noch nicht, das ist spontan beim Sprayen entstanden. Dass ich mich von Picasso abgrenzen muss, ist aber schon länger so. Haben Freunde mich in meiner Wohnung besucht und Bilder von mir gesehen, sagten sie: «Das ist doch ein Picasso.» Und ich antwortete: «Nein, das ist kein Picasso, das habe ich gemalt.»

Kopieren Sie Picasso?
Kopieren ist zu lieb gesagt. Zu Beginn habe ich bei ihm gestohlen. Ich habe seine Bilder eins zu eins übernommen. Was ich total okay finde: Besser machen als Picasso kann man das gar nicht. Das Rad musste ich ja auch nicht neu erfinden – das möchte ich auch nicht. Jetzt habe ich meine eigene Handschrift entwickelt, darum kopiere ich auch heute nicht. Aber: Pablo Picasso ist eine sehr ­starke Inspiration.

«Not a Picasso» ist Ihr Markenzeichen.
Ja. Die Sujets sind allerdings ­unlimitierter Natur. Ich verwende fast alles, was mich berührt. 

Sprayen Sie auch andere Motive?
Bei der Kreativität habe ich mir nie eine Grenze gesetzt. Ich bin mit anderen Sujets unterwegs, die man mir wohl nicht zuschreiben kann. Ich kann nicht 24 Stunden am Tag in Räumen sein, ich muss nach draussen, das Wetter spüren, Leute sehen. Und ab und zu kriege ich es dann auch mit der Polizei zu tun. Ich bin offen für einen Kick, grenze mich aber klar von den Graffitiszene ab.

Sie holen sich beim Sprayen den Kick?
Je nachdem, ja. Wenn ich an der Bahnhofstrasse spraye, weiss ich, dass ich jederzeit von der Polizei ertappt werden kann. Das ist Action, klar.

«Ich möchte 
Positives bewirken und bin der Stadt dankbar, dass sie mir eine solche Bühne gibt.»

Sprayen Sie immer noch nur für Ihre verlassene Liebe?
Ich habe gemerkt, dass viele meine Kunst betrachten. Ich setze mich oft einfach in der Stadt hin. Von einer Bank aus beobachte ich, wie Passanten reagieren. Mit einem Lächeln. Oder sie fotografieren ein Werk mit dem Handy. Veröffentlichen es im Internet. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Sie sprayen auf Baustellen­abschrankungen oder Plakaten. Ich habe noch keinen einzigen «Not a Picasso» an einer Hausfassade gesehen.
Ich habe auch auf Hausmauern gesprayt. Dafür bin ich zur Rechenschaft gezogen worden. Es ist teuer geworden. Ich lüge auch nicht, wenn die Polizei zu mir kommt und mich befragt, ich gebe zu, was ich gemacht habe. Und ich bleibe immer höflich. Der erste Polizist, der mich geschnappt hat, ist übrigens derselbe, der den Sprayer von Zürich erwischt hat. Die Polizisten verhalten sich fast immer korrekt, da gibts von mir keine Klagen.

Beschränken Sie sich deshalb auf Abschrankungen?
Nicht nur deswegen. Ich finde es sinnvoll, diese zu benutzen. Alle anderen hätten das auch machen können, niemand hats aber getan. Offenbar ist es in der Graffiti­szene cooler, ein Tram oder einen Zug zu besprayen und davonzurennen, wenn die Polizei kommt. Und dabei «Fuck the Police» zu schreien. Ich verurteile das nicht, es ist aber nichts für mich. Ich möchte Positives bewirken. Und ich bin der Stadt dankbar, dass sie mir eine solche Bühne gibt.

Sie nehmen sich den Platz doch einfach, oder nicht?
Ich bin ein anständiger und seit Jahren steuerzahlender Bürger. Aber ja, ich mache gern, was meines Erachtens richtig ist und Sinn ergibt. Und ich ziehe die Arbeit nicht aus egoistischen Gründen weiter, ich habe meine Geschichte verarbeitet. Ich sehe, dass ich Aufmerksamkeit errege, dass ich etwas zu sagen habe. Die Leute auf der Strasse reagieren. Ich verdiene nichts dabei, meine Kunst ist sehr frei. Es ist eine Freiheit, die ich über alles ­schätze. Ich wünschte mir, mehr Leute könnten das tun.

Ihr Kunst ist temporär. Plakate und Abschrankungen verschwinden früher oder später. Stört Sie das?
Ich finde den Gedanken schön, dass Kreationen nur für eine gewisse Zeit existieren dürfen. Es spielt gar keine Rolle, ob sie von Passanten überhaupt wahrgenommen werden. Ob sie fotografiert werden. Ob ein Hund daranpinkelt. Ich akzeptiere alles. Ich weiss ja, dass das Werk dort ist oder dort war, das trägt zu meiner inneren Zufriedenheit bei. Ich spraye zum Beispiel gern auf Abfallcontainer. Sie tragen zum sauberen Stadtbild bei. Ich will mit meinen kubistischen Zügen die Aufmerksamkeit auf diese Container lenken, die sonst kaum einer beachtet. Einem Stück Karton, der nur noch Abfall ist, erweise ich mit einem Werk eine letzte Ehre. Ich ändere damit das Schicksal dieses Kartons komplett. Schön. Oder?

Erstellt: 22.01.2020, 20:48 Uhr

Artikel zum Thema

Verbotene Gang versprayt Stadt Zürich

Sie sorgten mit Aufmärschen für Aufsehen: Eine kurdische Gruppierung meldet sich in Zürich zurück. Mehr...

Plötzlich blinkt es an der VBZ-Haltestelle hektisch

Die Zürcher Verkehrsbetriebe testen ein neues Anti-Sprayer-System. Wo genau, halten sie geheim. Aber das ist noch nicht alles. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Handarbeit: Schauspieler des Kote Marjanishvili Theaters in Tiflis während einer Probe des Tolstoi-Stücks «Die Kreutzersonate». (18. Februar 2020)
(Bild: Zurab Kurtsikidze) Mehr...