Beim Benzinpreis ist Zürich Schweizer Meister

An der Tankstelle ist es wie auf dem Wohnungsmarkt, nirgends ist es so teuer wie in der Agglomeration Zürich. Die Gründe: Es gibt zu viele Autos, die Konkurrenz ist klein, und die Leute haben genug Geld.

Beliebte Tankstelle an der Seebahnstrasse: Niemand hat Lust, für billiges Benzin Umwege zu fahren. Foto: Sophie Stieger

Beliebte Tankstelle an der Seebahnstrasse: Niemand hat Lust, für billiges Benzin Umwege zu fahren. Foto: Sophie Stieger

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Die Unterschiede sind krass und auf den ersten Blick nicht erklärbar: In der Stadt Zürich kostete ein Liter Benzin Bleifrei 95 gestern bei fast allen Markentankstellen 1.90, in Zürich-Höngg bei Coop 1.88. Bloss 20 Kilometer entfernt kostete das gleiche Benzin an der Coop-Tankstelle in Baden nur 1.81. Die beiden Coop-Tankstellen in Höngg und Baden, beide mit Pronto-Shop, sind von ihrer Grösse und vom Quartier her vergleichbar. 7 Rappen Unterschied beim gleichen Anbieter – warum?

Die einfachste Vermutung erklärt nur einen kleinen Teil des Unterschieds: die in Zürich hohen Mieten und Lebenshaltungskosten. Der Benzinpreis setzt sich zu rund 50 Prozent aus Abgaben, zu 40 Prozent aus der Beschaffung und bloss zu 10 Prozent aus Margen und Transport zusammen. Shell-Pressesprecherin Katrin Schatz weist auf die höheren Personalkosten und die schwierigere Distribution in der Stadt hin.

Zürich als Hochpreisinsel

Mit den Tanklagern Mellingen AG, Rümlang und Niederglatt ist Zürich allerdings bestens versorgt. Skurril mutet daher an, dass das Migrol-Benzin in Unteriberg SZ ebenso wie im Oberwallis 2,5 bis 3 Rappen billiger ist als in Zürich. Die Preise bei Migrol lassen sich besonders gut vergleichen dank einer iPhone-App, die die aktuellen Preise für jede Migrol-Tankstelle der Schweiz zeigt.

Wenn man die Benzinpreise auf einer Schweizer Karte einträgt, fällt auf: Zürich ist die Hochpreisinsel, je ländlicher und je weiter weg von der Stadt, desto billiger. In Winterthur, im Unterland und vor allem entlang des Zürichsees werden noch immer stolze Preise verlangt. In Richtung Aargau fallen die Säulenpreise rascher. In Bern, Basel, St. Gallen und Chur kostet Bleifrei 95 rund 1.85. Am Genfersee wird es mit 1.88 wieder etwas teurer. Klar teurer als Zürich ist bei Migrol einzig das 700-Seelen-Dorf La Punt-Chamues-ch im Oberengadin.

Preiskampf im Aargau und Jura

Zwei Gegenden in der Schweiz fallen durch extrem tiefe Preise auf: die Region zwischen Biel und dem Neuenburger Jura sowie das Aargauer Zement-Dorf Holderbank bei Lenzburg. Hier zeigt sich exemplarisch, wie der Preiskampf funktioniert. In Holderbank verlangt der private Tankstellenbetreiber Kurt Küng für Migrol-Benzin bloss 1.77. Seine Begründung: Ein neuer Konkurrent in der Gegend sei «gewaltig unten reingegangen». Da sagte er sich: «Ich lasse mich nicht fertigmachen.» Küng machte bei Migrol Druck und senkte seinen Preis zuerst um 5, dann nochmals um 3 Rappen. Hätte die Migros, mit der er seit 27 Jahren zusammenarbeitet, nicht mitgemacht, hätte Küng sein Benzin woanders bezogen. Küngs Kampfgeist kommt der ganzen Region zugute, kein Konkurrent in der näheren Umgebung kann zu viel verlangen.

Grossflächiger tobt der Preiskampf im Neuenburger Jura. «Da gibts Spinner, die sich bis aufs Blut bekämpfen», sagt ein Beobachter. Jürg Kretzer, Sprecher der Coop Mineralöl AG, stellt fest: «In Biel beginnt für uns die Hölle.» Für die Konsumenten ist es eher der Himmel: In Biel kostet der Most 1.79, in Boudry und Cernier 1,77. Noch billiger sind freie Tankstellen, etwa in Marly mit 1.72.

Tödliche Kreditkartengebühren

Auch in Zürich gibt es freie Tankstellen, allerdings fast nur am Stadtrand. Dalibor Dordevic betreibt an der Wehntalerstrasse 312 eine Garage und verkauft Benzin für 1.81. Hüsnü Oezdogan ist Geschäftsführer der Nasa-Tankstelle an der Hofwiesenstrasse 289 und verlangt 1.81 Franken. Noch billiger ist die vor allem bei Taxifahrern beliebte Tankstelle Vogel an der Binzstrasse 1 mit 1.79 Franken. Diese ist allerdings meistens unbedient und liegt zu abseitig für den Durchgangsverkehr.

Den billigen freien Tankstellen in Zürich ist gemeinsam, dass sie keine Shops führen, ihr Benzin je nach Preis bei verschiedenen Anbietern einkaufen, sehr niedrige Personalkosten haben und zum Teil zur Kundenbindung Werkstätten betreiben. Wichtig ist auch das Bezahlsystem. Optimal sind Notenautomaten, Maestrokarte und Vorauszahlsysteme, «tödlich» sind Kreditkarten mit mehreren Prozent Kommission.

Der Wettbewerb versagt

Migrol-Unternehmensleiter Daniel Hofer sagt: «In Zürich gibt es sehr aggressive Preisanbieter, aber nicht an den Hauptachsen.» Doch selbst am Stadtrand funktioniert der Wettbewerb nicht richtig: So hat es Migrol an der Wehntalerstrasse mit ihren zwei Tankstellen nicht nötig, sich der benachbarten Billigtankstelle Dordevic anzupassen und die 7 Rappen Preisdifferenz auszugleichen. Tankstellenbetreiber Dordevic sagt warum: «Es gibt zu viele Autos in Zürich, und die Leute haben genug Geld.» Dazu kommt der dichte Verkehr. Wegen ein paar Rappen lohnt es sich nicht, Umwege, Stau und rote Lichter in Kauf zu nehmen.

Bei Einheitspreisen von 1.90 in der Stadt kommt der Verdacht nach Absprache auf. Doch alle Betreiber dementieren: «Das wäre kartellrechtlich verboten», sagt Shell-Sprecherin Katrin Schatz. Markus Oppliger von Ruedi Rüssel verweist auf die «Konkurrenzsituation der Stationen». Isabelle Thommen von BP Schweiz führt die Preissensitivität der Autofahrer an. «Nirgendwo sonst haben wir eine grössere Preistransparenz als bei den Tankstellen.» Grund: Die Preise sind von weitem gut sichtbar angeschrieben. Gemäss Coop-Sprecher Jürg Kretzer kontrollieren seine Tankstellenbetreiber den lokalen Markt täglich zwei- bis dreimal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2012, 07:07 Uhr

Preise für Bleifrei 95 (Bild: TA-Grafik str)

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