Die Antwort aus Kloten

Beinahe-Crash: «Die Passagiere waren nicht gefährdet»

Flughafen-Operationschef und Pilot Stefan Conrad bestreitet, dass die komplizierten Verhältnisse in Kloten die Sicherheit beeinträchtigen.

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Der Mann kennt den Flugbetrieb von Grund auf. Stefan Conrad war zu Swissair-Zeiten Pilot auf der MD80, später auf den Airbus A320, A330 und A340, auch für die Swiss. Er ist zudem Ausbildungschef und Mitglied der Swiss-Geschäftsleitung. 2010 holte ihn Flughafendirektor Thomas Kern, der als ehemaliger Globus-Chef keine Erfahrung im Fluggeschäft hat, in sein Management. Dort ist Conrad «Chief Operation Officer», zuständig für den Flugbetrieb und damit für die Sicherheit.

Können Sie nach der Lektüre des Untersuchungsberichts zum Beinahe-Zusammenstoss in Kloten noch gut schlafen?
Sicher. Das Sicherheitsnetz hat letztlich funktioniert, die Passagiere waren nie gefährdet. Unser Flughafen ist sicher. Bei allem, was wir tun und anordnen, geht die Sicherheit vor.

Da streuen Sie sich doch Sand in die Augen. Es war viel Glück dabei.
Für mich ist wichtig: Es kam zum notwendigen Startabbruch. Einerseits weil das elektronische System, das vor Zusammenstössen warnt, funktionierte. Anderseits weil Piloten und Flugkontroller richtig reagierten.

Das Problem liegt tiefer: Der Flug-hafen Zürich hat mit seinen Pistenkreuzungen ein Sicherheitsmanko.
Zürich hat ein komplexes Pistenlayout. Dieses ist aber nicht komplexer als beispielsweise in Hamburg. Es kommt aber nicht nur auf das Pistenlayout an, sondern, wie man den Flughafen betreibt.

Im Untersuchungsbericht steht, dass in Zürich 73 Prozent der Starts auf sich kreuzenden Pisten stattfinden. In Amsterdam, Hamburg und Kopenhagen sind es 1 bis 3 Prozent.
Gerade weil sich die Flugzeuge bei uns mehr kreuzen, betreiben wir unseren Flughafen anders. Wir berücksichtigen, dass wir so viele Pistenkreuzungen haben. Dafür definieren wir klare Vorgaben, wie der Verkehr abzuwickeln ist. Flughäfen mit weniger Kreuzungsverkehr haben weniger oder gar keine solchen Vorgaben. Wir erreichen mit unserem System die genau gleiche Sicherheit wie ein Flughafen, der nur eine Piste hat.

Mit welchem Flughafen wollen Sie sich denn vergleichen?
Ich würde Boston zum Vergleich nehmen: Dort gibt es bedeutend mehr Pistenkreuzungen als bei uns, aber auch dort ist der Flugbetrieb sicher.

Trotzdem: Weniger komplexe Verfahren würden den Flughafen Zürich doch sicherer machen.
Es gibt nicht sicherer oder weniger sicher. Wir haben nur die Wahl zwischen sicher und nicht sicher. Und ich sage: Der Flughafen Zürich ist sicher. Aber es stimmt, die Komplexität ist bei uns relativ hoch.

Sie wird noch erhöht durch das deutsche Anflugdiktat, das zu einem täglich mehrfachen Wechsel der Anflugverfahren führt.
Es gibt zwei Wechsel täglich bei den Anflugverfahren wegen der einseitigen Verordnung. Es gibt aber auch wegen Wetterwechseln wie beispielsweise Westwind oder Bise und aus anderen Gründen laufend Verfahrenswechsel. Wenn wir nun ein Element – etwa die deutschen Vorschriften – herausnehmen, ist das vielleicht nur ein Pflästerchen, das die Gesamtkomplexität gar nicht verändert. Darum streben wir zusammen mit Skyguide eine Gesamtanalyse an.

Wann erwarten Sie Ergebnisse?
Das hängt mit dem laufenden Sachplan Infrastruktur Luftfahrt, also dem SIL-Prozess, zusammen. Dort bevorzugen wir mit der Variante J-optimiert ja eine Variante, bei der Pistenkreuzungen minimiert werden.

Welche Rolle spielt bei Ihren Sicherheitsüberlegungen, dass Sie wirtschaftlich erfolgreich sein müssen?
Wenn wir die Sicherheit auf dem Flughafen nicht in den Vordergrund stellen, haben wir keine nachhaltige Rentabilität. Wir haben den Auftrag, die Mobilitätsnachfrage von Gesellschaft und Wirtschaft zu befriedigen. Was die Sicherheit angeht, haben wir null Toleranz – wenn wir die nicht gewährleisten, gefährden wir unsere Konzession. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2012, 11:20 Uhr

Stefan Conrad
Der 58-jährige Schweizer gehört der fünfköpfigen Geschäftsleitung des Flughafens Zürich an. Zuvor war er Flugkapitän und Instruktor bei der Swiss sowie Militärpilot. (Bild: PD)

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