Besetzen, nicht besitzen

Die Besetzer des Labitzke-Areals verstehen ihre Rolle falsch. Immer wieder.

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Häuserbesetzungen in Zürich laufen meist nach demselben Drehbuch ab: Die Besetzer ignorieren die gewährten Räumungsfristen und leisten aktiven oder – wie im jüngsten Fall auf dem Labitzke-Areal – passiven Widerstand. Danach werden die Gebäude schnellstmöglich abgebrochen, damit das Gelände nicht erneut besetzt werden kann. Diesem Muster folgten die Besetzungen des Binz-­Areals in Wiedikon, der Ego-City an der Badenerstrasse, der Weinhandlung Landolt in der Enge.

Weshalb, fragen sich Aussen­stehende, fühlen sich die Bewohner nicht als das, was sie eigentlich sind? In schöner Regelmässigkeit betonen die Besetzer, dass sie Anrecht auf die Liegenschaft hätten – sie führen sich auf, als wären sie die Besitzer. Schliesslich handle es sich beim Projekt um ein einzigartiges Wohn- und Lebensexperiment, das nicht zerstört werden dürfe – um ein Biotop, in dem man auf unbestimmte Zeit kreativ lebe und wohne. Man bezahle auch die Kosten für Wasser und Strom – bloss für eine Miete könne man nicht auch noch aufkommen. Mit Verlaub: Das ist eine egoistische Bünzli-Mentalität.

Weiterziehen gehört dazu

Es geht nicht darum, Hausbesetzungen zu verteufeln. Im Gegenteil: Dass leerstehende Gebäude bis zum Abriss genutzt werden, ist vernünftig und entspricht einem Bedürfnis. Dies ist auch die Philosophie der Stadt: Ein besetztes Haus wird nur geräumt, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind. Einerseits muss der Besitzer einen Strafantrag stellen. Andererseits muss entweder eine rechtskräftige Abbruch- oder Baubewilligung vorliegen oder die Besetzung die Sicherheit von Menschen oder denkmalgeschützten Einrichtungen gefährden.

Es ist schade, dass sich ausgerechnet die Besetzer nicht mehr an den Sinn des Wortes «besetzen» erinnern – oder erinnern wollen: So lange im Haus bleiben, bis es abgerissen wird, und dann weiterziehen. Besetzer sind moderne Stadtnomaden. Und dazu gehört auch, dass der Platz so hinterlassen wird, wie man ihn angetroffen hat. Weder verschmutzt noch verbarrikadiert.

Erstellt: 08.08.2014, 22:58 Uhr

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