Bitte weder Königskrabbe noch Spanferkelbauch

AL und Grüne wehren sich gegen die Spitzengastronomie im Sonnenberg, wo bald Marcus G. Lindner kocht.

Vom Sonnenberg ist die Aussicht auf die Stadt gigantisch. Das Restaurant profitiert davon. Foto: Dominique Meienberg

Vom Sonnenberg ist die Aussicht auf die Stadt gigantisch. Das Restaurant profitiert davon. Foto: Dominique Meienberg

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72 Franken pro Person kostet die Bresse-Poularde, gebraten mit Trüffel und Blankett-Kartoffelmousseline. Das steht nicht nur auf der Speisekarte des Fifa-Restaurants Sonnenberg im Stadtkreis 7, sondern auch auf der jüngsten Motion der Alternativen und Grünen im Zürcher Gemeinderat. «Diesem Treiben ist nun mit Nachverhandlungen des Baurechtsvertrages endgültig ein Riegel zu schieben.»

Provoziert wurde dieser Vorstoss von der Ankündigung, dass Marcus G. Lindner im Frühjahr 2017 die Nachfolge von Jacky Donatz antreten wird. Lindner ist einer der höchst dekorierten Köche der Schweiz. Mit 18 Punkten würdigt der Gastroführer «Gault Millau» sein Wirken im The Alpina in Gstaad; 18 Punkte hatte er sich schon zuvor im Zürcher Mesa ­erkocht. Lindners Berufung auf den ­Sonnenberg ist für AL und Grüne aber kein Appetitanreger, sondern ein «neuer trauriger Höhepunkt in der Missachtung des Volkswillens».

Für die Bedürfnisse der Massen

Das Stadtzürcher Stimmvolk bewilligte im September 1996 den Baurechtsvertrag mit der Fifa. Der Weltfussballverband übernahm für 60 Jahre das ehemalige Hotel Sonnenberg für 6,5 Millionen Franken und baute Büros ein. Das Restaurant musste offen bleiben. Bedingung: «Die Einrichtung eines Spezialitätenrestaurants oder Fast-Food-Betriebes ist nicht gestattet. Das Leistungsangebot muss den Bedürfnissen einer breiten Bevölkerungsschicht dienen.» 69 Prozent der Stimmenden oder 42 326 Personen stimmten dem Vertrag zu.

Was sie damals nicht wussten: Die Fifa delegierte die Gastronomie ans Freddy Burger Management und dieses engagierte den bekannten 15-Punkte-Koch Jacky Donatz, damit es Sepp Blatter auch richtig schmeckt. Donatz, der letzten Monat aufgehört hat, brachte seine Spezialitäten von der Stapferstube auf den Sonnenberg, insbesondere sein Kalbskotelett «Jacky» für 76 Franken in der mittleren Grösse oder das Siedfleisch «Jacky» für 57 Franken in der ­Variante gross.

Entsprechen diese Preise den «Bedürfnissen einer breiten Bevölkerungsschicht»? Nein, meinen Linke und Grüne im Gemeinderat. Wiederholt warfen sie der Fifa und der Stadt vor, den Baurechtsvertrag zu verletzen. Sogar der Stadtrat musste 2006 zugeben: «Auch wenn die Preise im Sonnenberg streng genommen nicht jenem eines ‹exklusiven Spezialitätenbetriebs› entsprechen, orientiert sich das Angebot doch hauptsächlich am oberen Preissegment. Der Vorsteher des Finanzdepartements wird deshalb nach der Sommerpause das Gespräch mit Fifa und Restaurantbetreiber hinsichtlich Angebots- und Preisgestaltung suchen.»

Fifa-Präsident und Fussballkaiser

Das Resultat dieses Gesprächs war ein Wurststand im Freien während der Sommermonate, wo die Bratwurst mit 6.50 Franken gleich viel kostete wie die berühmte Wurst vom Vorderen Sternen. Zur Eröffnung dieses Wurststandes war neben dem Fifa-Präsidenten auch der Fussballkaiser Franz Beckenbauer angereist. Und ja, eine Kalbsbratwurst aus Savognin gibt es auch auf der Speisekarte drinnen. Preis: 26 Franken.

Marcus G. Lindner werde neben den Klassikern «zeitgemässe Gerichte zu moderaten Preisen» anbieten, verspricht das Freddy Burger Management. Für AL und Grüne ist das «reine Augenwischerei»: «Das Vorkommen eines oder zweier moderat bepreister Menüs auf der Speisekarte hat schon in den letzten Jahren nichts an der Tatsache geändert, dass es sich beim Sonnenberg um ein Luxus­restaurant handelt, in das sich die erwünschten breiten Bevölkerungsschichten nie und nimmer verirren werden.»

Luxus? Das Hotel Alpina Gstaad beschreibt Lindners Küche als «kulinarische Exzellenz», als «Feuerwerk aus erlesensten Zutaten». Im «Gault Millau» 2017 werden unter anderem gerühmt: Die Königskrabbe, die marinierten Spargeln mit Birnenzesten, Kresse und mit Stickstoff behandelter weisser Schokolade oder der Zander mit Spanferkelbauch und Lauchquiche.

Den Alternativen und Grünen wiederum ist Lindners «Fondue unter Sternen» ins Auge gestochen. Preis: 250 Franken für zwei Personen. Deshalb wollen sie jetzt den Stadtrat beauf­tragen, den Baurechtsvertrag mit der Fifa neu zu verhandeln, damit der klare Auftrag für ein Restaurant im mittleren Preissegment endlich erfüllt wird. AL-Gemeinderat und Fraktionspräsident Andreas Kirstein betont auf Nachfrage, dass er gern fein esse und Spitzenköche wie Marcus Lindner als Künstler bewundere. Doch diese Art von Gastronomie gehöre nicht in ein Lokal, das der Stadt gehört – schon gar nicht, wenn im Baurechtsvertrag ausdrücklich das Gegenteil verlangt wird. Ob im Wohnungsmarkt oder in der Restauration – wo die Stadt eingreifen und für günstige Preise sorgen könne, solle sie das auch tun. Selbst wenn der Exkurs in die Spitzengastronomie für die AL ungewöhnlich ist, für Kirstein gehört es zum Auftrag, den ihm seine Wähler erteilt haben: sich für die weniger Bemittelten einzusetzen. Im Sonnenberg genügt es seiner Meinung nach nicht, zwei oder drei günstigere Gerichte anzubieten. Das ganze Ambiente müsse anders werden, damit sich auch wieder Wanderer und Familien mit Kindern willkommen fühlen. Ob die Motion im Gemeinderat eine Mehrheit findet, ist offen. SP, GLP oder CVP haben sich noch nicht festgelegt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2017, 22:35 Uhr

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