Blatter bleibt ein «harter Knochen»

Auch «Zeit»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo konnte den Fifa-Präsidenten nicht knacken. Der Schlagabtausch gestern im Kaufleuten bot trotzdem beste Unterhaltung.

Diskutierten nach einer Tenüanpassung auf Augenhöhe: «Zeit»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo und Fifa-Chef Joseph Blatter im Kaufleuten.

Diskutierten nach einer Tenüanpassung auf Augenhöhe: «Zeit»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo und Fifa-Chef Joseph Blatter im Kaufleuten. Bild: Sabina Bobst

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Die «Zeit» gehört zu den schärfsten Kritikern der Fifa. Als das deutsche Wochenblatt im Juni über den Reformkongress des Weltfussballverbands in Mauritius berichtete, titelte es: «Die Fifa-Farce». Reformen und die Fifa, so die «Zeit», passten irgendwie nicht zusammen. Der Schweizer Joseph Blatter, Fifa-Boss seit 1998, trage die politische Verantwortung für den «Sumpf» aus Korruption, Bestechung und Betrug, in dem der Verband stecke. Und nun empfängt «Zeit»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo Blatter auf der Bühne des Kaufleuten – eine heisse Affiche an einem nasskalten Montagabend.

«Geniessen Sie die Zeit», steht auf dem Werbebanner hinter dem Sessel, auf dem Joseph Blatter kurz nach acht Platz nimmt. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein weisses Hemd, keine Krawatte. Eine edle Zimmermannskluft, könnte man meinen, und so sieht sich Blatter auch gern: als Macher, das betont er im Verlauf des Gesprächs immer wieder. Zuvor machte an der Bar eine Frage die Runde: Wird es Medienprofi Giovanni di Lorenzo gelingen, dem gewieften Fifa-Präsidenten Substanzielles zu entlocken? Oder beisst er sich am Walliser die Zähne aus wie Roger Schawinski in seiner Talkshow? Um es vorwegzunehmen: Es gelang ihm nicht. Am Schluss sagte Di Lorenzo: «Sie sind der härteste Knochen, der mir je untergekommen ist. Aber es hat Freude gemacht.»

Nach einem lockeren Exkurs in die Biografie Blatters lenkt Journalist Giovanni di Lorenzo, aus Höflichkeit inzwischen selbst krawattenlos, das Gespräch auf heikleres Terrain: «Jeder Mensch hat seinen Preis, richtig?» Falsch, erwidert Blatter, ihn könne man nicht bestechen, «höchstens mit einem Glas Wein, aber hier gibts ja nur Wasser». Der Geschäftsführer der «Zeit» serviert zwei Gläser Roten. Fifa-Sprecher Walter de Gregorio in der ersten Reihe reibt sich am Kinn.

«Wann haben Sie realisiert, dass es in Katar heiss ist», fragt Di Lorenzo in Anspielung auf die WM 2022 in Katar, die vielleicht im Winter stattfinden muss, weil im Golfstaat im Juni und Juli schlicht zu hohe Temperaturen herrschen, um Fussball spielen zu können. Er wisse das schon lang, sagt Blatter, bei der Vergabe habe man aber noch nicht ans ­Organisieren gedacht. Nun freue er sich, dass man über alternative Spieldaten diskutiere. So könnten künftig Länder am Äquator Turniere austragen, die sonst niemals eine Chance hätten. «Public Viewing auf dem Christkindlmarkt bei Glühwein?», fragt di Lorenzo. «Das wäre doch schön», findet Blatter.

«Es gibt keine Bescheidenheit»

Di Lorenzo fragt, ob Blatter jemals Fehler gemacht habe. «Ja, aber keine relevanten, die dem Fussball geschadet hätten.» Di Lorenzo fragt, ob mehr Bescheidenheit den Funktionären nicht gut anstehen würde. «Nein, denn es gibt keine Bescheidenheit im Fussball.» Di Lorenzo fragt, ob er von Bestechungsgeldern wusste. Blatter wird wütend. Sagt, es seien die anderen gewesen. «Sie weichen aus», sagt Di Lorenzo. Er werde die Antworten in seinem Buch geben, sagt Blatter, es werde «Payback» heissen. «Zurückzahlen?», fragt Di Lorenzo. ­«Rache», sagt Blatter. «Als Italiener wüsste ich noch einen anderen Titel», sagt Di Lorenzo. Welchen, sagt er nicht. Wer, wo, wann, wem irgendwelche «Enveloppes» zugeschoben hat, bleibt im Dunkeln. Offen bleibt auch, ob Blatter nach 2015 als Präsident der Fifa erhalten bleibt. Der Herrgott, zu dem Blatter einen guten Draht hat, habe ihm zwar gesagt, wenn er nicht aufhöre, sorge er dafür, dass er es tue. «Aber nun werde ich ihn nächstes Jahr nochmals fragen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2013, 06:32 Uhr

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