Braucht Zürich ein Autorennen?

Am Sonntag rasen erstmals Elektro-Rennautos durch die Stadt. Der Grossanlass zieht die Massen an und macht Anwohner wütend.

Auch in der Stadt, aber weitgehend auf dem Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof: Formel-E-Rennen in Berlin. Foto: DPA, Keystone

Auch in der Stadt, aber weitgehend auf dem Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof: Formel-E-Rennen in Berlin. Foto: DPA, Keystone

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Am Sonntag betritt die Stadt Zürich die Bühne des Motorsports – und die neue Rolle steht ihr gut. Über 100'000 Leute werden erwartet, wenn die Boliden der Formel E um die Häuser der Enge quietschen. Es ist ein sporthistorischer Tag für die Schweiz. 63 Jahre nach Einführung des Rundstreckenverbots wird wieder ein Rennen dieser Art ausgetragen. Dass die rot-grün ­geprägte Stadt die Plattform dafür bietet, ist ein starkes Zeichen und ein Gewinn. Für die Zuschauer, für die Stadt.

Die malerische Kulisse am See wird in die Welt hinausgetragen, und die Schaulustigen können die sonst fernen Rennwagen aus der Nähe betrachten – ohne Ohrpfropfen und ohne für die Stehplätze Eintritt zu bezahlen. Es werden sich Familien entlang des Seebeckens und der Streckenbegrenzung tummeln, unterhalten von Musik und Ständen, an denen sie die neusten Errungenschaften der Elektromobilität ausprobieren können. Sie sollen für diese begeistert werden. An diesem Tag schaut Zürich in die Zukunft.

Dieses Autorennen zu veranstalten, ist nicht unzeitgemäss, sondern genau das Gegenteil davon. Die Stadt steht mit der Beherbergung der Formel E für Fortschritt und zeigt, dass sie sich nicht nur Gedanken macht zur Fortbewegung von morgen, sondern an vorderster Front dabei sein will bei der Entwicklung. Mit ihrem starken Verkehrsaufkommen und der ETH als technologischem Aushängeschild kann sie nur ein Interesse daran haben, jetzt auf diesen Schnellzug aufzuspringen.

Das Uraltverbot für Rundstreckenrennen passt nicht in die Gegenwart.

Dass es dazu ein Autorennen auf hohem Niveau zu sehen gibt, ist das Tüpfelchen auf dem i. Auch für die in ihrer Anzahl stets unterschätzten Schweizer Motorsportfans. Das Uraltverbot, das sie bislang daran hinderte, Rundstreckenrennen in der Heimat zu sehen, passt nicht in die Gegenwart. Dass sich im Sommer Wochenende für Wochenende ­Tausende auf ungesicherten Hügeln einfinden dürfen, um Amateuren bei einem Bergrennen oder einer Rallye zuzuschauen, Profis auf einer ­abgesperrten Strecke aber nicht fahren dürfen, ist scheinheilig.

Der Unfall beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1955, bei dem 84 Menschen starben und der die Restriktion auslöste, war eine Tragödie. Nur verkennt jeder, der sich als Argument darauf stützt, wie sich der Rennsport entwickelt hat: Todesfälle sind nicht mehr die Regel. Eine Katastrophe wie 1955 kann es auf einer abgesperrten Piste nicht geben – zu sicher sind die Autos, zu gut geschützt die Zuschauer und Zuschauerinnen, zu professionell die Fahrer und Streckenposten.

Das Fest am Sonntag bietet Anlass, auch über dieses Verbot zu diskutieren.

Nein

Viel Arbeit braucht es, bis man ein Stadtquartier hergerichtet hat zur Autorennstrecke. Man muss Trottoirs absperren mit hohen Gittern, man muss Bäume fällen, Verkehrsinseln einebnen, Tribünen hochziehen. Der Riesenaufwand macht deutlich: Hier passen zwei nicht zusammen.

Man kann das Formel-E(nge)-Rennen von vielen Seiten hinterfragen: Braucht Zürich einen weiteren Grossanlass, um für sich zu werben? Warum soll eine links-grüne Stadt das erste Schweizer Rundstreckenrennen seit Ewigkeiten durchführen? Machen Elektroautos die Welt wirklich ökologischer? Oder werden sie nicht im Gegenteil für noch mehr Verkehr sorgen und den Verbrauch endlicher Rohstoffe beschleunigen?

Was Städter jedoch richtig rasend macht, ist die Ausbeutung der eigenen Lebenswelt. Das Enge-Quartier, wo Tausende Menschen wohnen und arbeiten, wird durch das Rennen zur leblosen Kulisse abgewertet, zum vermarktbaren urbanen Hintergrund. Egal, was die Menschen in den Häusern denken oder tun; Hauptsache die Veranstalter kriegen gute Bilder.

Dahinter steht dieselbe Haltung, mit der Automarken Werbung betreiben. Sie lassen ihre Fahrzeuge in unberührter Natur rollen oder durch nächtliche Städte rasen. Dummerweise machen zu viele Autos diese schönen Orte, die lange vor der Erfindung der Motoren existierten, irgendwann kaputt.

Dieser Anlass erklärt Strassen zur Todeszone und zerschneidet den öffentlichen Raum.

Auch andere Grossveranstaltungen nutzen den Reiz des Stadtzentrums, um Publikum anzulocken. Man könnte die Street Parade an den Greifensee verlegen oder das Sechseläuten beim Bahnhof Stettbach durchführen. Würde wohl nicht funktionieren.

Diese Anlässe unterscheiden sich aber entscheidend vom Formel-E-Rennen. Strassenfeste steigern, was schon zum städtischen Leben gehört: das Flanieren, Trinken, Beisammensein. Daher gehören sie in die Stadt. Ein Rennen mit Spitzengeschwindigkeiten von 220 km/h hingegen erklärt die Strassen zur Todeszone und zerschneidet den öffentlichen Raum. Das gleicht einer feindlichen Übernahme.

Wegen dieser Stadtunverträglich­keit haben Berlin oder London die Formel E aus dem Zentrum verbannt. Auch Zürich schlug den Organisatoren den Flughafen Dübendorf als Alternative vor. Nur wollten diese nicht. Verständlich: Vor Industriehallen und Einfamilienhäusern hätten sie die Tribünenplätze kaum für bis zu 2500 Franken verkaufen können.

Dabei würde die Agglomeration als Hintergrund bestens passen: Sie bietet exakt jene Ästhetik, die der motorisierte Individualverkehr erschaffen hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2018, 23:45 Uhr

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