Bruchlandung des Bellevue-Rondells

Beim Bau der markanten Wartehalle wäre es 1937 fast zu einer Tragödie gekommen. Jetzt ist eine Aufnahme der Unglücksbaustelle aufgetaucht.

Bau des Bellevue-Rondells, wie es heute noch steht: Nur dank viel Glück wurde im Oktober 1937 niemand von den tonnenschweren Eisenträgern erfasst. Foto: Otto Schmid

Bau des Bellevue-Rondells, wie es heute noch steht: Nur dank viel Glück wurde im Oktober 1937 niemand von den tonnenschweren Eisenträgern erfasst. Foto: Otto Schmid

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Die neu gestaltete Tramhaltestelle Bellevue bewegt die Gemüter. Aktuell sorgt der Witterungsschutz für Gesprächs­stoff. Vor beinahe 80 Jahren war es ein Unfall, der die zentral gelegene Tramstation in die Schlagzeilen brachte.

Mitte Oktober 1937 sind drei Arbeiter damit beschäftigt, eine tonnenschwere Eisenkonstruktion mit Flaschenzügen in die Höhe zu ziehen. Sie bauen das Vordach für das neue Bellevue-Rondell. Stadtarchitekt Hermann Herter hat den zylindrischen Bau mit dem dreieckigen, kühn geschwungenen und weit auskragenden Dach entworfen. Dafür musste die alte Wartehalle mit dem Kiosk weichen. «Architekten dürfen kein sentimentales Herz für zweckwidrige Altertümer haben», kommentiert die NZZ. Langsam ziehen die Arbeiter die schweren ­Eisenkonstruktion in die Höhe. Als diese auf drei Meter Höhe angelangt, kracht sie plötzlich mit lautem Getöse auf den Platz. Ein Arbeiter fällt ebenfalls zu Boden, doch wie durch ein Wunder wird niemand verletzt. Bald stellt sich heraus, dass die Kette des Flaschenzugs brach und jegliche Sicherungen fehlten.

Otto Schmid von der Stadtpolizei fotografiert den Schaden. Auf dem Bild ist zu erkennen, mit welcher Wucht die Eisenkonstruktion – hergestellt von der Zürcher Firma Gauger & Co. – hinunterstürzte und die Holzbalken auf dem Boden in Stücke zersplitterten. Die Arbeiten dürfen trotzdem nicht ruhen – auf dem Dach verkleiden drei Spezialisten das Metalldach. Mehrere Passanten beobachten die Szene, darunter ein Mann, der sich mit einem Polizisten unterhält. Eine Marktfrau mit einem grossen Korb im linken Arm verkauft Blumensträusse.

Rita Schmid-Bernhard, die Schwiegertochter des fotografierenden Stadtpolizisten, hat das Bild beim Aufräumen entdeckt. «Mein Schwiegervater arbeitete bei der Stadtpolizei als Detektiv mit besonderen Aufgaben. Intern nannten ihn alle nur Schmid5, weil der Nachname so verbreitet war.» Bei Unfällen und Verbrechen sei er immer vor Ort gewesen. Ihr Schwiegervater sei auch privat ein leidenschaftlicher Fotograf gewesen, sagt die 84-Jährige.

«Chaos» hiess es schon damals

Bereits damals erhitzte die Grossbaustelle auf dem Bellevue die Gemüter. «Chaos – Chaos überall», schreibt die NZZ im Juli 1937. Am Bellevueplatz sehe es so aus, als würde man sich für einen gewaltigen Schützengrabenkrieg rüsten. Das Verkehrszentrum mache den Eindruck einer heillosen Unordnung.

Der Stadtrat hatte den Ausbau des Bellevueplatzes beschlossen, weil sich der Verkehr zwischen 1929 und 1936 verdoppelte. Ausserdem erwartete Zürich 1939 zur Landesausstellung Besuchermassen. Auf jeden Fall sei wegen der Ausstellung eine starke Verkehrsbelastung zu erwarten. Deshalb sei der Ausbau des Platzes ein dringendes Bedürfnis, schrieb der zuständige Stadtingenieur.

Das Bellevue entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Knotenpunkt, als die darin mündenden Strassen und die Quaibrücke gebaut wurden. 1934 entwickelte sich Zürich durch Eingemeindungen zur Grossstadt. Dieses Selbstverständnis drückte sich im neuen Rondell an der Glasdecke aus, mit einer Windrose, die in allen Himmelsrichtungen die Distanzen zu den Hauptstädten Europas verzeichnete.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2015, 04:29 Uhr

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