Buchhaltung statt Staatskunde

KV-Lehrlinge sollen weniger über die Grundlagen unseres Staates lernen – auf Druck der Arbeitgeber, die Rechnungswesen vorziehen. In Zürich allerdings regt sich Widerstand gegen den neuen Lehrplan.

Er unterrichtet mit Überzeugung Staatskunde: Berufsschullehrer Heinrich Andereggen am KV Zürich.

Er unterrichtet mit Überzeugung Staatskunde: Berufsschullehrer Heinrich Andereggen am KV Zürich. Bild: Simon Tanner

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Einst war Staatskunde am Zürcher KV ein mit 40 Lektionen dotiertes Fach mit eigener Note. 2003 wurde die Staatskunde in den Bereich Wirtschaft & Gesellschaft (W & G) eingegliedert und auf 27 Lektionen reduziert. Ab 2012 sollen es nicht einmal mehr 20 Lektionen sein – weniger als halb so viele wie neun Jahre zuvor.

Verantwortlich für diesen Abbau ist der Bund, der die kaufmännische Ausbildung in der ganzen Schweiz vereinheitlichen möchte. Die Stundentafel, die künftig gelten soll, hat eine Reformkommission aus Arbeitgebern, Berufsschulen sowie den Kantonen und dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie ausgearbeitet. Dabei handelt es sich um einen gut schweizerischen Kompromiss, denn in manchen Kantonen wurde am KV bisher so gut wie keine Staatskunde unterrichtet.

«Man muss bei null beginnen»

Gegen dem massiven Abbau bei der Staatskunde, den die Reform für das Zürcher KV brächte, regt sich Widerstand. Angeführt wird er vom zuständigen Fachbereichsleiter am KV Zürich, Heinrich Andereggen. «Staatskunde gehört zu den wichtigsten Fächern überhaupt», findet der Lehrer. Bevor die Jugendlichen ein erstes Mal wählen oder abstimmen könnten, müssten sie die Grundlagen unseres Staatswesens begriffen haben, wissen, was Parteien sind und wie man einen Wahlzettel korrekt ausfüllt. «In weniger als 20 Lektionen können wir den Jugendlichen diese Grundlagen aber nicht mehr seriös vermitteln.» Dies um so weniger, als man in der Regel bei null beginnen müsse, weil die jungen Männer und Frauen so gut wie keine Ahnung hätten.

Andereggen ist überzeugt, dass vor allem die Arbeitgeber hinter dem Abbau stecken: «Das habe ich aus der Reformkommission gehört. Unter der Hand hiess es, man habe von der Staatskunde das gerettet, was zu retten war.» Ein grosser Teil der verlorenen Staatskundelektionen soll in Lerninhalte wie Buchhaltung und Rechnungswesen gesteckt werden: «Das ist den Arbeitgebern wichtiger.» Tatsächlich klagen diese, die KV-Ausbildung sei für immer mehr Berufe nicht ausreichend.

Der langjährige Berufsschullehrer Andereggen glaubt, es gebe noch einen ganz anderen Grund für den Abbau der Staatskunde. Aus Erfahrung weiss er, dass manche Lehrmeister der politischen Bildung einigermassen skeptisch gegenüberstehen: «Ich frage mich manchmal, ob sie uns Lehrern misstrauen und glauben, wir würden unsere politischen Vorlieben und Ansichten im Unterricht verbreiten.»

Unterstützung aus der Politik

CVP-Nationalrätin Kathy Riklin unterstützt Andereggens Anliegen. Sie hat im Parlament eine Anfrage eingereicht, in der sie wissen will, wie der Bundesrat die politische Bildung auf Berufsschulstufe stärken wolle. «Studien haben gezeigt, dass die politische Bildung in unserem Land erschütternd gering ist», sagt sie. «Den Jungen fehlen fundamentale Grundkenntnisse. Damit ist letztlich unser ganzes politisches System gefährdet.» Riklin will vom Bundesrat deshalb auch wissen, ob er sich seiner Verantwortung bewusst sei.

Vor wenigen Tagen hat auch die Lehrpersonenkonferenz Berufsfachschulen Kanton Zürich (LKB) Andereggens Anliegen aufgegriffen und ist bei der Reformkommission schriftlich vorstellig geworden. In dem Schreiben wird statt des Abbaus ein Ausbau der Staatskunde auf 40 Lektionen, wie früher, gefordert. Und zwar in einem zusammenhängenden Block und nicht wie geplant aufgestückelt in mehrere Einheiten mit jeweils zwei, drei Lektionen. Lehrlinge müssten nicht nur ihren Beruf erlernen, sondern auch zu selbstständig denkenden Menschen ausgebildet werden.

Heikle Phase

Wenig begeistert von den Abbauplänen zeigte sich auf Anfrage auch Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP): «Grundsätzlich wird sich der Kanton Zürich in der Vernehmlassung dahingehend äussern, dass staatskundliche Inhalte nicht zugunsten anderer Themen an Bedeutung verlieren.»

Aus der Reformkommission selbst wollte niemand detailliert zum vorgesehenen Stundenplan Stellung nehmen. Projektleiter Ralph Thomas sagt, dafür sei es zu früh: «Die Reform befindet sich im Moment in einer heiklen Phase.» In den nächsten Monaten soll die Vernehmlassung gestartet werden, vorher werde sich die Kommission nicht äussern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2011, 07:53 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Blogs

Outdoor Wandern mit Kindern: Wie hart darf es sein?
Welttheater Freiheit für Canvey Island!
Mamablog Eine Frage der Haltung

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...