Bürgerschreck Müller ruft zum Klassentreffen

Fredy Meier war Aktivist der Zürcher Jugendunruhen. Morgen stellt der Maler seine Bilder erstmals öffentlich aus – mit einer Art «Weisch no»-Party der 80er-Bewegung.

Fredy Meier, alias Hans Müller, ist heute auch ein Kunstmaler. Nun zeigt er seine Bilder erstmals öffentlich. Foto: Doris Fanconi

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Fredy ist ein Zürcher Künstler mit Allerweltsnamen Meier. Fredy wer?, werden wohl die meisten antworten, wenn sie auf ihn angesprochen werden und ratlos mit den Schultern zucken. Er hat aber auch ein Pseudonym mit dem Allerweltsnamen Müller; und als Hans Müller ist er allen ein Begriff, zumindest allen der Ü‑50-Generation.

1980 wurde Fredy Meier alias Hans Müller zusammen mit seiner fiktiven Partnerin Anna Müller eine nationale Berühmtheit. Als Ehepaar Müller verulkten die beiden in einer legendären TV-Sendung nicht nur die Zürcher SP-Stadträtin Emilie Lieberherr, sondern auch die halbe Schweiz.

Denkwürdiger Auftritt als Kleinbürger im Schweizer Fernsehen. Foto: SRF

Fredy Meier ist ein klassisches Kind der 80er-Bewegung: spontan, chaotisch und fantasievoll. Genauso sind seine ­abstrakten Bilder. Regentropfen und Knöpfe werden scheinbar wahllos durcheinandergewürfelt. Er malt schnel­le, brave und wilde Bilder, meist mit Acryl. Weil diese Farbe sofort trocknet, muss er schnell und spontan ­entscheiden, es sei denn, er mischt der Farbe Salatöl bei. Dann bleibt sie feucht, und folgerichtig nennt Meier solche ­Bilder auch «Feuchtgebiete».

Einer vom Land

Seine gesammelten Bilder stellt Meier morgen aus. Selbstverständlich handelt es sich um keine normale Ausstellung. Sie dauert nur einen einzigen Tag und ist gleichzeitig Vernissage und Finissage. Musikalisch untermalt wird der Event vom bekannten Saxofonisten Omri Ziegele – und es ist weit mehr als eine Ausstellung: Es ist ein Klassentreffen der Zürcher 80er-Generation, organisiert von einem ihrer prominentesten Ver­treter: dem Szenenbeizer Koni Frei.

Auch Fredy Meier war einst ein Star und so etwas wie das Aushängeschild der Bewegung. Heute ist er ein Suchender, und zwar in jeder Beziehung: In der Welt, im Leben, in seiner neuen Wohnung, die er erst vor drei Monaten bezogen hat und die schon aussieht, als würde er hier seit Jahr leben. Auf­gewachsen ist Meier im Rafzerfeld bei Eglisau mit drei Halbgeschwistern. Mit seinem italienischen Vater war er ein Aussenseiter, wie er betont.

Künstler in allen Gassen

Weil er wollte, dass die Mädchen ihn lässig finden, hat er sein Talent als Schauspieler entdeckt und seine Lehrerin nachgeäfft. Damit hatte er bald nicht nur die Lacher, sondern auch ihre Bewunderung auf sicher. Folgerichtig führte Meiers Weg bald in Richtung Theater. Er trat in Strassentheatern auf. Kurz: Meier war ein wahrer Künstler in allen Gassen: Als gelernter Buchhändler wusste er in Literatur Bescheid und mit einem Gastspiel bei der F+F, der Schule für Kunst und ­Design, kennt er sich auch in der grafischen Welt aus. «Ich bin der Erste, der in der F+F aufgenommen wurde, obwohl ich zu jenem Zeitpunkt nur Gedichte schrieb», erzählt er nicht ohne Stolz.

Meier wäre kein richtiger 80er, hätte er sich nicht auch politisch engagiert. Zuerst war es die Bewegung «Rock und Revolte», die sich vor den Opernhauskrawallen stark machte für «Räume und Geld für unsere Kultur.» Mit «unserer Kultur» meint er Musik, die nicht am Mainstream-Radio, sondern an Undergroundstationen wie Banana oder Schwarze Katze zu hören war. Alles war spontan, alles wurde gemeinsam unternommen. Meier schrieb auch für die Szenezeitschrift «Stilett», die wie der «Eisbrecher» einfach dazugehörten. «Das Gruppengefühl, Solidarität, Spontaneität und Euphorie hat uns in den ­Anfängen unheimlich starkgemacht», schwärmt er noch heute.

Lange verschlossen sich die 80er den Mainstreammedien. Das erste Interview mit einem Mitglied der Zürcher Bewegung erschien weder im «Tages-Anzeiger» noch in der NZZ, sondern im «Spiegel». Daraufhin kam eine Anfrage des TV DRS, verbunden mit der Zusicherung, die Bewegung könne selber bestimmen, wen sie nach Leutschenbach schicken wolle. Die Wahl fiel auf Fredy Meier. «Als wir hörten, dass es sich um eine Live-sendung handelt, war für uns klar, dass wir hingingen», erzählt er. «Wir entschie­den spontan, die Situation umzudrehen und das, was man auf der Strasse zu hören bekam, die bürgerliche Sicht auf die Bewegung, übertrieben darzustellen.» Das biedere Ehepaar Müller war geboren.

Vom TV-Studio ins Gefängnis

Klar, die Sponti-Künstler wollten die biederen Schweizer ein bisschen auf die Schippe nehmen und ärgern. Doch mit dem, was nach dieser TV-Diskussion ­geschah, hatten sie niemals gerechnet. «Was da abging, war orgastisch», drückt sich Meier aus. Und es war nicht angenehm für die Betroffenen. Frau Müller, die Schwester des Filmemachers Samir, wurde regelrecht an den Pranger gestellt. «Nach der Müller-Show wurde ihr voller Name in rassistischer Aufmachung auf der ersten «Blick»-Seite veröffentlicht», sagt Meier. «Weil sie Ausländerin und nicht aufs Maul gefallen war, wurde sie übel bedroht. Jemand schickte ihr sogar eine Gewehrkugel.»

Meiers Schicksal war prosaischer, er wanderte ins Gefängnis. «Man sagte, ich sei ein Rädelsführer, und steckte mich in den Knast. Natürlich bin ich nicht nur wegen dieser Sendung ins Gefängnis ­gekommen», räumt er ein. Die Anklagepunkte lauteten: Gewalt gegen Beamte, Benutzung des öffentlichen Raumes zu politischem Zweck, diverse ­Geschichten. Er bestreitet dabei keineswegs, in Kauf genommen zu haben, dass an der Bahnhofstrasse die eine oder andere Scheibe in die Brüche ging. «Aber die Juristen waren sich einig: Ohne TV hätte es sicher ‹einen Bedingten› gegeben.»

Versöhnung mit Lieberherr

Nach dem Knastaufenthalt war Hans Müller wieder Fredy Meier, und dieser landete hart auf dem Boden der Realität. Seine Freundin hatte ihn verlassen, er brachte sich mit den verschiedensten Jobs mehr schlecht als recht über die Runden: Jugendarbeiter in Schlieren, Musikarchivar beim Radio, Deutschlehrer für Bauarbeiter und Masseur. Mit seiner Kontrahentin aus der TV-Sendung, Emilie Lieberherr, versöhnte er sich. «Ich bewunderte sie, wie sie als Lesbe offen zu ihrer Partnerin stand», sagt er.

Heute noch ist Meier auf seine Müllerei stolz. Doch für Nostalgie hat der 60-Jährige momentan keine Zeit. Er hat wieder mit Schreiben begonnen, und die Vernissage-Finissage-Sache nimmt ihn total in Anspruch. Diese Ausstellung ist Meier sehr wichtig, wie er betont. «Meine Tochter hat gesagt, dass nur jemand ein richtiger Künstler sei, der auch eine Einzelausstellung machen könne.»

Ausstellung Fredy Meier in der Kanzleiturnhalle, Dienstag 23. Juni, 19.30 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2015, 04:12 Uhr

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