Büro Fürrer geht, eine Boutique kommt

Die Traditionspapeterie am Münsterhof schliesst Ende Jahr. Um das Haus mitten in der Zürcher Altstadt buhlen internationale Modelabels.

Der Ladenbetrieb gehört nicht zum Kerngeschäft: Im Dezember verabschiedet sich Büro Fürrer vom Münsterhof.

Der Ladenbetrieb gehört nicht zum Kerngeschäft: Im Dezember verabschiedet sich Büro Fürrer vom Münsterhof. Bild: Nicola Pitaro

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Es hätte ein fröhliches Fest werden sollen für die Angestellten der Papeterie Fürrer am Münsterhof. Doch das 125-Jahr-Jubiläum des Unternehmens bot wenig Anlass zur Freude. Im Dezember ist Schluss mit dem Verkauf von Farbstiften und Couverts, Füllfederhaltern und Büttenpapier auf zwei Stöcken am vielleicht schönsten Platz der Altstadt.

Lyreco Schweiz, wie das ehemalige Familienunternehmen Büro Fürrer seit der Übernahme durch den französischen Bürobedarfhändler Lyreco heisst, zieht sich aus dem Detailhandel zurück und wird zum reinen Onlineversandhaus. Fünf Personen wurde gekündigt, mindestens ein Mitarbeiter wird in anderer Funktion weiterbeschäftigt.

Fertig mit vergünstigter Miete

Der Grund für das Aus ist simpel: «Mit dem Verkauf von Papeterieartikeln überlebt man an diesem Standort nicht», sagt Lyreco-Geschäftsführer Thomas Illi. Er erinnert daran, dass auch die Konkurrenz Waser auf der anderen Seite des Flusses ihre Filiale vom Limmatquai ins Oberdorf gezügelt hat. Einen Umzug habe man ebenfalls geprüft, aber wieder verworfen, sagt Illi. «Der Betrieb eines Ladens gehört einfach nicht mehr zu unserem Kerngeschäft.»

Lyreco profitierte in den vergangenen sieben Jahren von deutlich vergünstigten Mietkonditionen. Die Besitzerfamilie verlangte den gleichen Mietzins, den sie sich vorher intern verrechnet hatte. Einem allfälligen Nachfolger wollte man diesen nicht mehr gewähren. Verwaltungsrat Marc-Antoine Kämpfen beauftragte deshalb einen Makler mit der Suche nach einem besseren Mieter. Dieser soll mehr einbringen, den Platz jedoch auch beleben. «Wir suchen etwas mit Publikumsverkehr», sagt Kämpfen. Ein Treuhänder oder eine Bank kämen deshalb nicht infrage.

Mode, kein Restaurant

Interessiert sind am Standort nicht wenige. Und dies, obwohl die umsatzstarken Parkplätze auf dem Münsterhof bald verschwinden und in den kommenden zwei Jahren wegen der Umgestaltung und der Erneuerung von Werkleitungen mit Baulärm zur rechnen ist. Zu den Interessenten gehören viele Boutiquen, darunter auch welche, die von der Bahnhofstrasse verdrängt werden, und solche, die von der nahen Storchengasse an den Münsterhof umziehen möchten.

Auch ein Gastronomiebetrieb ist dabei. Doch das Haus sei klein, der Umbau zu einem Restaurant käme teuer, sagt Kämpfen. Die Chancen für einen Gastrobetrieb stünden schlecht, zumal eine Neueröffnung immer ein finanzielles Abenteuer sei.

Gemäss gut informierten Quellen haben auch die hiesigen Modegeschäfte das Nachsehen. Im Wettbewerb sollen noch drei internationale Labels im Mode- und Accessoirebereich im Gespräch sein. Allesamt Geschäfte, die bisher in Zürich noch kein Standbein haben. Der Entscheid soll in wenigen Tagen fallen. Im Oktober, sagt Kämpfen, will er den neuen Mieter unter Vertrag haben.

Druckerpapier und Kaffee

Das Stammhaus am Münsterhof 17 war vor 125 Jahren Gründungsort des Unternehmens Büro Fürrer. Inzwischen macht Lyreco nur noch etwas mehr als 1 Prozent des Umsatzes mit der Papeterie. Weil die Zeiten längst vorbei sind, in denen Sekretärinnen Kugelschreiber, Papier und Bleistift in der nächstgelegenen Papeterie besorgten und weil Druckerpapier und Toner heute per Telefon und im Internet bestellt werden, nimmt der Versandhandel von Büromaterial eine immer wichtigere Rolle ein. Seit 1997 vertreibt das Unternehmen zudem als einzige in der Schweiz Nespresso-Büro-Kaffeemaschinen und -Pads.

2005 verkaufte Geschäftsführer Marcel Queloz-Fürrer das gesunde Unternehmen im Auftrag der Besitzerfamilie an die französische Lyreco Group. Diese ist mit einem Umsatz von 2,2 Milliarden Euro und 10'000 Mitarbeitenden der Branchenleader in Europa. Lyreco Schweiz hat dementsprechend Grosses vor: Im aargauischen Dintikon entsteht ein neuer Hauptsitz, wohin das heute in Dietikon domizilierte Unternehmen 2014 ziehen will.

Dass das Stammhaus zugeht, obwohl das Unternehmen floriert, schmerzt den ehemaligen Patron Queloz-Fürrer, «Da verschwindet etwas, das tut einem leid.» Die Papeterie am Münsterhof sei aber bereits zu seiner Zeit ein «Überbleibsel» gewesen. «Wir hatten Hemmungen, sie zu schliessen. Die Papeterie Fürrer gehörte einfach zu Zürich.» Den günstigen Mietpreis, den die Familie intern verrechnete, «betrachteten wir als unser Kulturprozent».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2012, 07:24 Uhr

Münsterhof

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