Bürogebäude sind die neuen Industriebrachen

Die grossen Fabrikareale sind verbaut. Doch Kreative könnten vom Überschuss an Büroflächen profitieren.

Im Bürohaus an der Kreuzung Schönegg-/Langstrasse sind seit Jahren Kreative tätig. Foto: Doris Fanconi

Im Bürohaus an der Kreuzung Schönegg-/Langstrasse sind seit Jahren Kreative tätig. Foto: Doris Fanconi

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Die Behauptung wird dauernd wiederholt: Nach der Labitzke-Räumung bleibt das Koch-Areal als letztes grosses besetztes Gelände übrig. Wenn dieses in zwei Jahren verbaut wird, ist Zürich rundumgentrifiziert, sozusagen versiegelt. Für Besetzer oder Kreative bietet die Stadt dann keinen Platz mehr. «Nun wird es enger und kälter», schreibt die AL.

Das Fazit stimmt – und auch wieder nicht. «Die Zeit der Industriebrachen geht zu Ende», sagt Steff Fischer, der eine Immobilienfirma betreibt, die viele Zwischennutzungen wie etwa die Photobastei entwickelt. Fischer bezeichnet die leeren Fabriken als einmalige Ausnahme, ermöglicht durch den Niedergang der Industrie. «In den 80er-Jahren existierten diese Brachen noch nicht, da war ganz Zürich-West eine Sperrzone.» Dass diese Räume wieder verschwinden würden, habe sich abgezeichnet.

Der Stadtforscher Philipp Klaus vom Inura-Institut stimmt zu: Bis zur Besetzung der Binz 2006 habe es in Zürich selten grosse besetzte Areale gegeben – abgesehen von der Wohlgroth (1990–1993) und der Sihlpapier (2003). «Nun hat man sich daran gewöhnt, doch es ist nicht der Normalzustand.» Die wenigen, nicht umgenutzten Zürcher Industriehallen reihen sich heute fast alle den Gleisstrang entlang. «Vielleicht kommen noch ein paar frühere Kleingewerbeparzellen auf den Markt. Das wars dann», sagt Klaus.

Ausserhalb der Stadtränder, in den umliegenden Gemeinden sieht Steff Fischer dagegen noch viele Orte, wo Freiräume entstehen könnten. «Dafür muss man Zürich verlassen. Die Bereitschaft dazu stelle ich immer häufiger fest.»

Die Büro-Leerstände steigen

Aber auch in der City eröffnen sich neue Möglichkeiten. Viele Firmen haben ihre Büros in die Aussenquartiere verlagert. Die dortigen Neubauten sind funktionaler und billiger. Darum bleiben an zentralen Lagen immer mehr Büros unvermietet. Die Leerflächen haben sich zwischen 2010 und 2013 um über 50'000 Quadratmeter auf 184'000 erhöht.

Um die Krise zu überbrücken, können Eigentümer ihre Büros für wenig Geld an Kreative oder Jungunternehmer vermieten. «Das geschieht immer häu­figer», sagt Steff Fischer. «Als ich vor 15 Jahren Zwischennutzungen promotete, war ich ein Exot. Nun sind die Berührungsängste geschwunden. Es ist fast Mainstream geworden.»

Doch viele Besitzer sträubten sich nach wie vor gegen solche Lösungen, sagt Anna Schindler, Direktorin der Zürcher Stadtentwicklung. «Der ökonomische Druck ist noch zu gering. In zwei, drei Jahren wird sich das wohl ändern.» Die Stadt hilft beim Vermitteln solcher Zwischennutzungen. Zürich müsse unbedingt versuchen, Freiräume zu erhalten, sagt Schindler. Die Nachfrage übersteige das Angebot bei weitem.

Revolutionär ist das Büromodell nicht. «Schon während der Krise in den 90ern wählten einige Eigentümer diesen Weg», sagt Philipp Klaus. Im Bürohaus an der Kreuzung Schönegg-/Langstrasse oder im Piaggio-Gebäude im Kreis 3 sind seit gut 20 Jahren Kreative tätig.

Für Besetzungen eignen sich die meisten Bürohäuser kaum. Sie werden später nicht abgerissen, sondern weitervermietet. Deshalb dürfen sie keinen Schaden nehmen. Viele aus der Besetzerszene würden sich mit einer tiefen Miete und einigen Verhaltensregeln abfinden, wenn sie dafür einen guten Raum bekämen, sagt Steff Fischer.

Erstellt: 07.08.2014, 20:20 Uhr

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