Bundesgericht gibt dem Zürcher Fackelwerfer recht

Das Obergericht wollte den Fackelwerfer vom Zürcher Fussballderby im Herbst 2011 wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilen. Zu Unrecht, sagt nun das Bundesgericht.

Nach Ausschreitungen brach der Schiedsrichter das Fussballderby am 2. Oktober 2011 ab: Die Fankurve im Letzigrund.

Nach Ausschreitungen brach der Schiedsrichter das Fussballderby am 2. Oktober 2011 ab: Die Fankurve im Letzigrund. Bild: Alessandre Della Bella/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rechtskräftig verurteilt ist der Fackelwerfer vom Fussballderby zwischen dem FC Zürich und den Grasshoppers vom 2. Oktober 2011 immer noch nicht. Und dies, obwohl sich nach dem Bezirks- und dem Obergericht nun auch das Bundesgericht mit der Attacke beschäftigen musste. Das oberste Gericht schickt den Fall zurück ans Zürcher Obergericht, wie es im gestern veröffentlichten Urteil heisst.

Das Derby ist als «Schande von Zürich» in die Schweizer Fussballgeschichte eingegangen. Nach wüsten Ausschreitungen von Fans brach der Schiedsrichter das Spiel in der 77. Minute ab. Wesentlich dazu beigetragen hatte ein damals 23-jähriger FCZ-Fan. Nachdem GC-Fans im Stadion eine FCZ-Fahne angezündet hatten, verlor der junge Mann «die Nerven», wie er später sagte. Die Fahne hatten GC-Supporter vier Jahre zuvor gestohlen.

Bis 2000 Grad heiss

Vor dem GC-Fanblock entzündete er eine Seenotfackel und warf diese gezielt unter die gegnerischen Fans. Die Fackel, die etwa 60 Sekunden lang praktisch unlöschbar mit einer Temperatur von bis zu 2000 Grad brennt, prallte am Rücken eines GC-Fans ab. Der Fackelwerfer war am gleichen Match zudem in eine Schlägerei zwischen den beiden Fangruppen verwickelt. Bei zwei anderen Fussballspielen zuvor hatte er inmitten von Fans eine Handfackel und eine Seenotfackel gezündet. Die Fackeln unterstehen dem Sprengstoffgesetz.

Klar ist heute eines: Der Fackelwerfer erhält als Sanktion nicht mehr als eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren und eine Busse von 500 Franken. Diese Strafe hatte das Bezirksgericht ursprünglich ausgesprochen. Darüber hinaus darf das Obergericht auch dann nicht gehen, wenn es den Fall bald zum zweiten Mal beurteilt.

Staatsanwalt verzichtete auf Weiterzug

Der Grund dafür ist das sogenannte Verschlechterungsverbot. Das Urteil des Bezirksgerichts hatte der Fackelwerfer weitergezogen mit der Absicht, eine geringere Strafe zu erhalten. Der Staatsanwalt verzichtete auf einen Weiterzug, er war offenbar mit der Verurteilung und dem Strafmass zufrieden. Das Obergericht urteilte vor etwas mehr als einem Jahr strenger als das Bezirksgericht. Doch genau das lässt das Verschlechterungsverbot nicht zu. Laut Bundesgericht verbietet die Bestimmung, einen vorinstanzlichen Entscheid zum Nachteil der beschuldigten Person zu ändern, «wenn das Rechtsmittel nur zu deren Gunsten ergriffen worden ist».

Das Obergericht hatte zwar die vom Bezirksgericht beschlossenen Sanktionen mit einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren und einer Busse von 500 Franken bestätigt. Es qualifizierte die Tat des Fackelwerfers aber strenger als die Vorinstanz. Und zwar als schwere Körperverletzung, für die ein Gericht gemäss Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren aussprechen kann. Das Bezirksgericht sprach im Urteil von Gefährdung des Lebens, was mit einer maximalen Freiheitsstrafe von fünf Jahren geahndet werden kann. Laut Bundesgericht ist deshalb ein «Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung ausgeschlossen» – auch wenn das Obergericht die Voraussetzungen dafür als erfüllt betrachtet.

Bereits nach der Urteilsverkündung des Obergerichts hatten Juristen daran gezweifelt, dass die strengere Qualifikation der Tat rechtmässig ist.

Fackelwerfer erhält Entschädigung

Dem Fackelwerfer spricht das Bundesgericht nun sogar eine Entschädigung zu. Es hat ihm als Beschwerdeführer eine Parteientschädigung von 3000 Franken zugesprochen. Diese muss der Kanton Zürich bezahlen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.07.2014, 12:04 Uhr

Artikel zum Thema

FCZ-Fackelwerfer zieht Urteil weiter

Das Bezirksgericht hat den FCZ-Fan zu zwei Jahren bedingt verurteilt, der beim Zürcher Derby ein Pyro in den GC-Sektor warf. Das will er nicht auf sich sitzen lassen. Mehr...

Zwei Jahre Gefängnis für FCZ-Fackelwerfer

Die Tat ging als «Schande von Zürich» in die Fussballgeschichte ein: Ein 25-Jähriger hatte 2011 eine Fackel in den GC-Sektor geschmissen. Nun wurde das Strafmass der Vorinstanz bestätigt. Mehr...

Fackelwerfer könnte mit Geldstrafe davonkommen

Der Fackelwerfer vom letzten Sonntag hat sich der Polizei gestellt. Obwohl er eine schwere Körperverletzung und eine Massenpanik in Kauf genommen hat, könnte er mit einem blauen Auge davonkommen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Blogs

Sweet Home 15 weihnächtliche Dekorationsideen

Tingler Auf dem Index

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...