Bye-bye, Olé-Olé-Bar

Die Olé-Olé-Bar ist zu. Rita Guyer kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr für ihre Gäste da sein. Sie und ihre Geschwister führten das legendäre Lokal an der Langstrasse über 46 Jahre lang.

«Danke für euer Verständnis»: Das liebevoll ausdekorierte Interieur. (Bild: Sonja Ruckstuhl, Durstzeitung.ch)

«Danke für euer Verständnis»: Das liebevoll ausdekorierte Interieur. (Bild: Sonja Ruckstuhl, Durstzeitung.ch)

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Der Kreis 4 verändert sich. 2016, wenn die Europaallee bei der Unterführung an die Langstrasse angedockt hat, werden hier neue, siebenstöckige Häuser in die Höhe ragen. Altes verschwindet, doch dass es so schnell gehen würde, hat niemand gedacht.

Fast unbemerkt hat sich vor rund zwei Wochen eine Institution aus dem Quartier verabschiedet: die Olé-Olé-Bar. Die grünen Läden des Lokals sind heruntergelassen, an der verschlossenen Tür hängt ein Zettel: «Liebe Gäste, aus gesundheitlichen Gründen haben wir geschlossen. Danke für euer Verständnis – Walti.»

Walter Fischer hat nie die Öffentlichkeit gesucht. Seit 1972 ist er Gerant der Bar. Seine Schwester Rita Guyer (78) stand seit 1966 hinter der Theke, zusammen mit Helen und Paula, zwei weiteren Geschwistern. Dem «Magazin» des «Tages-Anzeigers» sagte er 2004: «Das Schöne an unserer Bar ist, dass hier jeder in Frieden sein Bierchen trinken kann.» Und viel mehr gebe es eigentlich gar nicht zu sagen.

Auch gestern Nachmittag mochte Walti am Telefon nicht in Nostalgie schwelgen: «Wir haben stets friedlich gearbeitet, mehr wollten wir gar nie.» Nun sei aber Rita erkrankt, und deshalb schliesse man – «definitiv». Rita habe die Olé-Olé-Bar mit ihren Ideen und ihrem Wesen geprägt. «Wir möchten und können die Bar nicht mehr weiterführen.» Der Entscheid sei ihnen nicht leichtgefallen, «da wir viele liebe Gäste hatten, die wir seit Jahrzehnten kennen und schätzen – auch über mehrere Generationen hinweg.»

Nie Ferien gemacht

Im Kreis 4 geht damit nicht nur eine Ära zu Ende, sondern ein weiteres Traditionslokal verloren. Eines, das bis vor rund zweieinhalb Jahren noch 365 Tage pro Jahr geöffnet hatte. Ferien machte Rita Guyer nie. Auf ihr Privatleben angesprochen, sagte sie einmal: «Die Bar ist meine Stube.» Sie nannte die meisten ihrer Gäste beim Vornamen, und alle waren stets willkommen. Die Rocker mit den langen angegrauten Haaren ebenso wie die geschniegelten Banker im Anzug. Die Euphorisierten wie die Einsamen. Und alle tranken sie Hürlimann aus der Flasche und kamen bald ins Gespräch. Dieses drehte sich um Meistertitel und Liebeskummer, um die neue Metallica-Platte und den harten Winter.

Oder eben um die Einrichtung, die zum Kultstatus der Schenke beitrug. Da waren die unzähligen Wecker an der Decke, die alle miteinander losgingen, wenn nach einem weiteren Abend in diesem Kokon der Warmherzigkeit die letzte Runde anstand. Unter der Woche war das zuletzt um Mitternacht, an den Wochenenden um 2 Uhr.

Zu den Uhrwerken gesellten sich Nachttöpfe, Giesskannen, Musikinstrumente, Teddybären, Schilder mit träfen oder auch mal plumpen Sprüchen. Postkarten von überall aus der Welt, und exotische Mitbringsel von Stammgästen, die alle irgendwo ihren Platz in der Bar fanden – auch wenn Rita darob manchmal fast verzweifelt ist. Sie wolle eben niemanden beleidigen, es gebe Leute, die schon seit vierzig Jahren hier einkehrten.

«Friedensinsel im Quartier»

Einer, der immer wieder zu Gast war, ist «Seidenkönig» Andi Stutz. «Ja, dä Andi mit sine schöne Öigeli!», habe ihn Rita stets begrüsst, erinnert er sich. Die Nachricht von der Schliessung der Olé-Olé-Bar mache ihn traurig. Wenn der erfolgreiche Unternehmer Presseleute aus dem Ausland zu Besuch hatte, führte er sie oft in diese «Friedensinsel im Quartier». Fernsehteams aus Deutschland, Singapur und sogar Japan hätten die Bar nur zu gerne gefilmt. «Aber Rita blieb immer streng.» Jeder sei willkommen gewesen, aber für Publizität hätten allein die Gäste sorgen dürfen. «Die Olé-Olé-Bar war weltweit einmalig, und zwar schon Jahrzehnte bevor die Szene im Kreis 4 verkehrte», sagt Andi Stutz.

Ebenfalls Stammgast war Rolf Vieli, der ehemalige «Mister Langstrasse». «Es war ein Ort, wo man reden konnte», sagt er. Und schon nach zwei bis drei Besuchen habe man sich als Familienmitglied gefühlt. Im Unterschied zum Strauss, einer anderen Beiz an der Langstrasse, war die Stimmung in der Olé-Olé-Bar behaglicher, weniger rau. Menschen, die nur trinken wollten, mieden das Lokal. In seiner Zeit als Stadtammann und Betreibungsbeamter habe er immer ins Lokal gehen können und sei dort «einfach nur der Rolf Vieli» gewesen.

Einzig in den 70er-Jahren habe es eine kurze Phase gegeben, in der manchmal die Stimmung kurzfristig etwas gekippt sei, wenn Mitglieder der Hells Angels die Bar in Beschlag genommen hätten. Die Olé-Olé-Bar habe über Generationen das Bild der Langstrasse geprägt, sagt Rolf Vieli. Und auch wenn man dieses heute manchmal glorifiziere: «Bei dem Lokal hats gestimmt.»

Betroffen macht die Schliessung auch Tom Rist vom Helsinki im Kreis 5 und dem Bundeshaus zu Wiedikon, einen Wirt der neueren Generation. «Wie die Geschwister den Betrieb unaufgeregt und mit Inbrunst geführt haben, das war schon Weltklasse.» Dieses Engagement sei selten geworden. «Viele Gastronomen könnten sich ein Stück davon abschneiden.» In Rists Helsinki gibts eine der letzten Jukeboxen in Zürich. Eine weitere verstummt jetzt in der Olé-Olé-Bar. Das neue Album von ZZ Top war die letzte CD, die Walti einschob. «La Futura» heisst sie.

Erstellt: 13.10.2012, 12:53 Uhr

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