Calatravas Pläne für seinen Bahnhof

Dem Bahnhof Stadelhofen drohe die Verschandelung, sagt Mike Pfisterer, der das Zürcher Büro des Stararchitekten leitet.

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Den Zwischen­entscheid des Bundes­verwaltungsgerichts kann man auch so lesen: ­Santiago Calatrava will den Ausbau des Stadelhofens blockieren.
Diese Lesart entspricht in keiner Weise unseren Absichten. Es ist völlig klar, dass ein Bauwerk wie der Bahnhof Stadelhofen nach dreissig Jahren umgebaut und den Bedürfnissen angepasst werden muss.

Weshalb stellen Sie sich dann gegen einen Wettbewerb?
Wir stellen uns nicht generell gegen Wettbewerbe. Wir stellen uns gegen diesen Wettbewerb. Aus unserer Sicht macht er bei diesem Projekt keinen Sinn.

Warum nicht?
Der Stadelhofen ist nicht einfach ein Nutzbau, sondern ein Bauwerk, ein Gesamtkunstwerk, weil es Ingenieurskunst mit Archi­tektur vereint. Wann gibt es das schon: ein denkmalgeschütztes Werk, dessen Erschaffer noch lebt, der interessiert ist, den Stadelhofen zu entwickeln, und dessen Büro vielleicht drei Kilometer vom Bauwerk entfernt liegt?

«Der Stadelhofen liegt uns wirklich am Herzen. Es geht uns nicht um unser Ego.»

Reicht das alleine, um Ihnen den Auftrag direkt zu erteilen?
Die Situation am Stadelhofen ist einmalig. Im Umgang mit alter Substanz gibt es zwei Wege. ­Erstens: das Bestehende imitieren – das gelingt selten bis nie. Zweitens: den radikalen Kontrast suchen – dann entsteht ein unbefriedigendes Patchwork. Hier gibt es nun aber ausnahms­weise einen dritten Weg: die Substanz natürlich wachsen lassen. Das geht, weil der Urheber noch lebt.

Sie wollten also den Auftrag direkt zugesprochen erhalten.
Für den Teil, der den Umbau und Ausbau unseres Bahnhofs betrifft: ja. Weil es Sinn macht – und weil nur wir das können. Wir haben aber immer gesagt, dass wir uns gern als Teil eines Teams sehen. Die Situation am Stadelhofen ist sehr komplex, und niemand kennt sie besser als wir. Mit dem Wettbewerb, so wie ihn die Schweizerischen Bundesbahnen nun ausgeschrieben haben, droht der Geist des Stadelhofens zerstört zu werden.

Können Sie das begründen?
Die SBB selber haben das Problem erkannt. In der Ausschreibung sprechen sie von «mutigen notwendigen Eingriffen» in die Substanz. Die Unterlagen selber sehen grosse Eingriffe vor. So grosse, dass der heutige Bahnhof zur Vorhalle des neuen vierten Gleises degradiert wird.

Geht es auch anders?
Wir haben im Auftrag von SBB Immobilien eine Studie ausgearbeitet, die zeigt, dass der Bahnhof problemlos um ein Gleis erweitert werden kann. Dass die Struktur des Bahnhofs wachsen kann. Wir haben sogar aufgezeigt, wie sich die Erweiterung konstruktiv lösen lässt. Es gibt so etwas wie eine natürliche Erweiterung des Bahnhofs. Die setzt aber Sensibilität im Umgang mit der bestehenden Substanz voraus.

Wenn man Ihre Studie mit der Ausschreibung vergleicht, fällt die Platzierung des vierten Gleises auf. Sie bevorzugen eine Lage nahe beim bestehenden Bahnhof, die SBB einen Tunnel 35 Meter im Berg.
Das stimmt. Wir sehen klare Vorteile bei unserer Lösung – die im Übrigen auf der von den SBB ursprünglich bevorzugten Lage des vierten Gleises basiert. Aber wir haben auch eine Lösung für einen Tunnel im Berg erarbeitet. Auch das ist machbar.

Es scheint dennoch, als wäre die Sache für Herrn Calatrava in erster Linie ein emotionales Anliegen?
Das ist es auf jeden Fall auch. Bei keinem anderen Werk ist die historische Verbundenheit grösser. Es ist Herrn Calatravas Erstlingswerk, es ist der Bau, in dem seine Karriere begründet liegt.

Wie viel Zeit und Aufwand steckt in Ihrer Studie?
Es ist rund ein halbes Jahr Arbeit mit substanziellem Aufwand. Das Honorar war sicher nicht die Motivation.

Was wollen Sie damit sagen?
Dass uns der Stadelhofen wirklich am Herzen liegt. Dass wir bereit waren und bereit sind, am Ausbau zu arbeiten. Dass es uns nicht um unser Ego geht.

Können die SBB mit ihrem Gebäude denn nicht machen, was sie wollen?
Das Bauwerk gehört dem Bauherrn, das ist ganz klar. Aber es gibt auch das Recht des Verfassers sowie eine emotionale Verbindung, die bleibt. Mehr noch: Da ist die Handschrift und das Werk Calatravas. Und um diese Verbindung, diese immateriellen Werte zu schützen, sind das Urheber- und das Persönlichkeitsrecht da. Diese sehen wir durch den Wettbewerb verletzt.

Weshalb haben Sie denRechtsweg eingeschlagen?
Jetzt ist der Moment, dagegen vorzugehen. Sonst würden wir einen potenziell für den Bahnhof schlechten Ausgang durch den Wettbewerb legitimieren, den wir für diese Aufgabe als nicht zielführend erachten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.02.2019, 23:21 Uhr)

Wenn Architekten ihre Urheberrechte verletzt sehen

Der Stadelhofen ist ein wichtiger ÖV-Knotenpunkt – und ein Nadelöhr. Deshalb planen die SBB bis in circa 15 Jahren ein viertes Gleis. Dieses soll auf der Bergseite 35 Meter hinter dem heutigen Bahnhof in einem Tunnel zu liegen kommen und über drei Passagen verbunden werden. Für den Bau hat die Bahn einen Projektwettbewerb ausgeschrieben. Stadelhofen-Architekt Santiago Calatrava befürchtet, dass damit sein Werk «entstellt» und seine Urheberrechte verletzt werden; er ficht die Ausschreibung vor Bundesverwaltungsgericht an. Sie seien sich der Bedeutung des Bahnhofs durchaus bewusst, schreiben die SBB in einer Stellungnahme. Ziel des Projektwettbewerbs sei es, für die Erweiterung die «aus architektonischer, baulicher und wirtschaftlicher Sicht beste Lösung zu finden», selbstverständlich unter Einbezug der Denkmalpflege. Die von Calatrava ­zitierte Studie sei mit dem laufenden Projektwettbewerb nicht vergleichbar. Welche Planerteams für den Projektwettbewerb qualifiziert sind, wollen die SBB in den nächsten Tagen kommunizieren.

Calatrava sieht seine Urheberrechte verletzt. Was heisst das? Nach Schweizer Gesetz fallen auch Werke der Baukunst unter das Urheberrecht. Ein Haus gehört immer auch ein wenig dem Architekten, der es entworfen hat. Unter dem Vorbehalt, dass es sich um eine geistige Schöpfung handelt, die «individuellen Charakter» hat. Im Fall des Calatrava-Bahnhofs Stadelhofen dürfte dies unbestritten sein.

Begrenzte Einflussnahme

Allerdings sind die Rechte von Architekten an ihren Werken stark beschränkt, wie aus einer Darstellung des Juristen Jürg Waldmeier für den Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein hervorgeht. Wenn ein Bauwerk einmal an den Bauherrn übergegangen ist, darf dieser es als Eigentümer fast nach Belieben verändern. Das Gesetz sieht eine einzige Ausnahme vor: Wenn das Werk durch einen Eingriff derart entstellt würde, dass der Urheber in seiner Persönlichkeit verletzt wird, darf sich dieser wehren. Eine rufschädigende Verunstaltung seines Entwurfs muss ein Architekt also nicht hinnehmen.

Einen ähnlichen Fall wie jetzt mit dem Calatrava-Bahnhof erlebte Zürich Mitte der 90er-Jahre auf dem Hönggerberg, als die ETH dort die Erweiterung ihres Campus plante. Dagegen wehrte sich der Architekt der ersten Bauetappe, Albert H. Steiner. Er argumentierte vor Bundesgericht, die vorgesehenen Anschlussbauten vertrügen sich nicht mit den bestehenden Gebäuden aus seiner Feder. Geplant war ein Riegel von 250 Meter Breite, der in starkem Kontrast zu seiner durchgrünten Anlage stand. Sein Urheberrecht werde dadurch verletzt, argumentierte Steiner, und seine Ehre auch. Das Gericht kam aber zum Schluss, dass Steiners Bauten lediglich indirekt tangiert seien. Das Werk des Architekten werde nicht entstellt, entschieden die Richter, seine Persönlichkeit bleibe insofern respektiert. Sie wiesen die Klage ab. (bra/hub)

Mike Pfisterer

Der Architekt und Ingenieur leitet das Büro von Santiago Calatrava in Zürich.

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