«Carlos» zu 18 Monaten Haft verurteilt

Der als «Carlos» bekannt gewordene Zürcher Jugendstraftäter muss erneut ins Gefängnis. Die Strafe fällt geringer aus, als es der Ankläger gefordert hat.

Staatsanwalt Martin Bärlocher schliesst einen Weiterzug des Urteils nicht aus. (Video: SDA)

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Das Bezirksgericht Zürich hat den 21-Jährigen am Montag wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt. «Carlos» wurde beschuldigt, Ende März 2016 beim Aussteigen aus dem Tram einem flüchtigen Bekannten unvermittelt mit der Faust ins Gesicht geschlagen zu haben. Dieser brach sich dabei den Kiefer und erlitt weitere Verletzungen.

Die Staatsanwaltschaft forderte deshalb für den kampfsporterfahrenen Mann wegen versuchter schwerer Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren. Die Verteidigung wollte maximal 12 Monate für einfache Körperverletzung.

«Carlos», der momentan in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies sitzt, berief sich in seinen Aussagen auf Notwehr. Vor Gericht wollte er sich zum Vorfall allerdings nicht mehr äussern – ausser dass er sich angegriffen gefühlt habe und seinen Gegner abwehren wollte. Diesem Argument folgte das Gericht nicht. «Wir sehen keine Notwehr-Situation», sagte der Richter bei der Urteilseröffnung.

«Bedenkliches und unehrenhaftes Verhalten»

Aufgrund der verschiedenen Zeugenaussagen könne man zwar insgesamt von einer leichten aggressiven Stimmung beim Aussteigen sprechen, das Gericht gehe nicht von einem Tumult aus. Sein Schlag sei daher eine Reaktion auf eine Situation gewesen, die er falsch eingeschätzt habe.

Der Richter stufte das aggressive Verhalten des Beschuldigten als bedenklich und unehrenhaft ein – «gerade aus Sicht eines Kampfsportlers». Er habe seinem Gegner keine Chance gelassen und unvermittelt sowie heftig zugeschlagen. Wie heftig der Schlag gewesen sein muss, zeige auch, dass sich «Carlos» dabei selbst einen Finger gebrochen habe.

«Verletzungen in Kauf genommen»

Die Verteidigung forderte vergeblich lediglich eine Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung. Für das Gericht war klar, dass «Carlos» aufgrund seines Kampfsporttrainings wusste, welche Verletzungen durch einen Schlag an den Kopf möglich sind. Diese habe er in Kauf genommen und sich damit der versuchten schweren Körperverletzung schuldig gemacht, urteilte das Gericht. Es folgte damit der Staatsanwaltschaft.

Das Bezirksgericht verurteilte den 21-Jährigen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Die Zeit, die er wegen des Vorfalls bereits im Gefängnis sass – immerhin 342 Tage – wird ihm angerechnet. Ausserdem muss er seinem Opfer neben Schadenersatz eine Genugtuung von 3000 Franken plus Zinsen bezahlen.

Psychiatrisches Gutachten

Reduziert wurde die Strafe durch eine verminderte Schuldfähigkeit. Gemäss einem psychiatrischen Gutachten leidet «Carlos» an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Er nehme seine Umwelt als Bedrohung wahr und habe immer das Gefühl, sich wehren zu müssen. «Er schätzt die Situationen falsch ein. Das zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben», sagte der Staatsanwalt, der eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten gefordert hatte, in seinem Plädoyer.

Für ihn ist «Carlos» zwar kein «Vollpsychopath, der sich wahllos Opfer herauspickt», er habe aber ein gröberes Problem. «Das grösste Problem dabei ist, dass er das nicht einsieht und sich nicht helfen lassen will.»

Verwahrung nicht «verhältnismässig»

Der Staatsanwalt brachte daher auch das Thema «Verwahrung» auf den Tisch, denn mit einer simplen Freiheitsstrafe – «egal wie hoch» – sei es nicht getan. «Carlos» sei weder therapiewillig noch -fähig. Allerdings sei im vorliegenden Fall eine Verwahrung nicht verhältnismässig, denn der 21-Jährige habe seit fünf Jahren kein vorsätzliches Gewaltdelikt mehr verübt.

Auch könne er nichts dafür, dass er der bekannteste Straftäter der Schweiz sei. «Bei einer anderen Person wäre eine Verwahrung gar kein Thema», sagte der Staatsanwalt. Er sprach an die Adresse von «Carlos» dennoch eine Warnung aus: Wenn es erneut zu einem solchen Vorfall kommen sollte, dann müsse eine Verwahrung ernsthaft geprüft werden.

«Therapieunfähiger» Mensch

Dem schloss sich der Richter an. Jetzt sei eine Verwahrung zwar völlig unverhältnismässig, «sie könnte dann aber schon mal ein Thema sein», sagte er. Generell frage man sich, was man mit dem jungen Mann machen solle. Der Richter räumte denn auch ein: «Wir sind ratlos».

Zwar gäbe es Massnahmen, um die Defizite von «Carlos» aufzuarbeiten, beispielsweise im schulischen Bereich aber auch bei seiner Persönlichkeit. Allerdings torpediere er diese immer wieder, da er therapieunfähig sei. (kat/fal/sda)

Erstellt: 06.03.2017, 19:12 Uhr

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