Circus Knie bangt in Zürich um Privileg auf dem Sechseläutenplatz

Die Initianten beteuern, nicht am Anspruch des Nationalzirkus auf den besten Standort zu rütteln. Und tun es dennoch.

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Noch nie war Fredy Knie junior beim Aufbau des grossen Zirkuszelts auf dem Sechseläutenplatz derart in Sorge wie gestern. Das liegt nicht am abenteuerlichen Rundbogen aus Stahl, der die Kuppel neuerdings überspannt, damit im Innern keine Masten die Sicht auf die Manege verstellen. Sondern an dem, was für ihn und sein Unternehmen auf dem Spiel steht, wenn in Zürich am 10. Juni über die Initiative «Freier Sechseläutenplatz» abgestimmt wird. Bei einem Ja muss der Stadtrat die Veranstaltungstage von zuletzt 130 auf 65 reduzieren.

Die Initianten hüten sich zwar, den Circus Knie infrage zu stellen – im Wissen darum, dass dies ihre Chancen drastisch schmälern würde. Sie betonen, dass 65 Tage genug seien für traditionelle Anlässe wie den Zirkus. Und sie haben sogar eine Ausnahmeregelung in den Initiativtext geschrieben, wonach der Zirkus bleiben darf, obwohl es sich um eine kommerzielle Veranstaltung handelt, wie sie ansonsten verboten werden soll. Aber sie sagen auch: Es verstehe sich von selbst, dass Knie künftig weniger Zeit beanspruchen könne. Nicht mehr 35 ganze Frühlingstage wie bisher.

Auch Knie müsste Opfer bringen

Obwohl der Circus Knie im Gegensatz zu Anlässen wie dem Weihnachtsmarkt oder dem Filmfestival eine bald 100-jährige Tradition auf dem Platz hat, sagt der Knie-Direktor: «Es wäre vermessen zu behaupten, dass wir keine Angst vor den Folgen der Initiative haben müssen.» Hält man sich an den zuständigen Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP), kann Knie kaum mit einer Sonderbehandlung rechnen: «Falls die Initiative angenommen wird, müssen alle ein Opfer bringen, so viel ist klar.»

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Die Rechnung ist einfach: Der Weihnachtsmarkt, an dem sich die Initianten besonders stören, würde laut Leutenegger wohl verschwinden. Er beansprucht von allen Veranstaltungen auf dem Platz die meisten Tage, fast 50. Müsste er sich auf weniger als die Hälfte beschränken, würde sich der Aufwand nicht mehr lohnen, denn 17 Tage benötigt er alleine für Auf- und Abbau. Ohne Markt müsste die Stadt aber immer noch etwa 20 Veranstaltungstage streichen. Da am 1. Mai und dem Sechseläuten kein Spielraum besteht, träfe es das Filmfestival – und Knie. «Das wäre dramatisch», sagt Fredy Knie junior, «und zwar in erster Linie für die Zuschauer.» Der Zirkus gastiere in Zürich aus gutem Grund länger als in jeder anderen Stadt: Die Nachfrage sei so gross, dass man das Zelt einen Monat lang voll bekomme. «Wenn wir um ein Drittel reduzieren müssten, müssten wir ein Drittel dieser Leute vertrösten.»

Eine halbe Million Miete

Für den Zirkus würde sich das Gastspiel dennoch lohnen – denn der Platz ist zwar der teuerste des Landes und der Aufbau kompliziert, aber man macht hier auch bessere Geschäfte als irgendwo sonst. Auch dank Spezialvorstellungen für Firmen, pro Jahr sind es zwischen fünf und zehn. 10 Prozent des Gesamtumsatzes verlangt die Stadt als Platzmiete, was im Fall von Knie etwa eine halbe Million Franken ausmacht. Das ist ein Indiz, was die Initianten meinen, wenn sie angeben, gegen millionenschwere Unternehmen zu kämpfen.


Spektakel im Nationalzirkus

In dieser Saison zeigt Knie eine Drohnenshow.


Was für eine Umsatzmaschine der Sechseläutenplatz ist, zeigen auch ­Erfahrungen des Circus Monti, der schon dort gastierte, meist aber mit dem Standort hinter der Kaserne vorlieb­nehmen muss. Die Differenz: mehr als 30 Prozent Zuschaueraufkommen. Fredy Knie junior nennt noch einen anderen Grund, weshalb er unbedingt am Platz festhalten will: Es fehle eine Alternative von genügender Grösse. «Wir ­haben keinen Plan B.» Die Landi­wiese, auf die der Circus Knie während des Platzumbaus 2014 auswich, gehört dem ­Kanton, und dieser habe sie seither nie mehr freigegeben. Ob er verhandeln würde, müsste sich zeigen. Knie zeigt sich offen für eine Anpassung des Tourneeplans, um den Sechseläutenplatz nicht während der schönsten Tage zu belegen – allerdings stehe der 1. Mai einer Vorverlegung im Weg.

Problemfall Herbstzirkus

Knies traditioneller Anspruch auf den Sechseläutenplatz prägt die Abstimmung noch auf andere Art. Er liefert indirekt den Grund, weshalb es an einem Kompromissvorschlag fehlt, die Maximalbelegung von heute 185 auf 125 Tage zu senken. Das ging wie folgt: Aus Gründen der Gleichbehandlung liess die Stadt vor dem Bau des Platzes im Herbst auch kleinere Zirkusse auf die Sechseläutenwiese. Weil die städtische SP diesen Anspruch im Gegensatz zum Stadtrat nicht fallen lassen wollte, entscheid sie sich gegen den Kompromiss. Stattdessen kommt jetzt ein Gegenvorschlag zur Abstimmung, der den Status zementieren will – inklusive Reserve für einen Herbstzirkus. Kommt er durch, könnte die Belegung also noch zunehmen.

Der Circus Monti, für dessen Zelt auf dem Platz wie für jenes von Knie Verankerungen eingebaut sind, würde laut Mediensprecher Stefan Gfeller gerne wiederkommen. Andere, die im Turnus ebenfalls am Zug wären, haben in den vergangenen drei Jahren jeweils abgesagt, zum Teil kurzfristig. Der komplizierte Aufbau wirkt abschreckend.

Dennoch: Wenn die Initiative durchkommt, könnte ein Herbstzirkus dem Circus Knie die verbleibenden Tage zusätzlich streitig machen. Mit Auf- und Abbau bliebe noch je gut eine Woche. Wie der Stadtrat diesen Konflikt lösen würde, ist offen. «Wir sind die Einzigen, die seit 100 Jahren immer hier waren», sagt der Knie-Direktor dazu. Zumindest bei Monti heisst es, dass man keinesfalls zulasten von Knie auf den Platz wolle. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2018, 20:11 Uhr

In Basel gibt es bereits heute eine fixe Belegungsgrenze

Wie regeln andere Schweizer Städte die Belegung ihrer Vorzeigeplätze?

Was für Zürich der Sechseläutenplatz, ist für Bern der Bundesplatz – nicht nur, weil beide mit Valser Quarzit gepflastert sind und über Wasserfontänen verfügen. Hinzu kommt: Beide Plätze markieren sozusagen das Herz der Stadt. Ähnliche Funktionen haben Münster- und Barfüsserplatz in Basel oder der Neumarkt in Winterthur. Welche Belegungsregeln gelten für diese Plätze? In Zürich ist der Sechseläutenplatz aktuell an rund 130 Tagen pro Jahr belegt. Die (allerdings unverbindliche) Belegungsgrenze liegt bei 185 Tagen. Die anstehende Volksinitiative will diese Grenze auf 65 Tage reduzieren und für verbindlich erklären.

Für den Berner Bundesplatz besteht aktuell gar keine Belegungslimite. Laut Norbert Esseiva, dem Leiter der Berner Orts- und Gewerbepolizei, gibt es aber eine Reihe von Vorschriften – und diese sind strenger als in Zürich. So sind auf dem Platz keine kommerziellen Anlässe zugelassen. Keine Veranstaltung darf den Platz für mehr als 48 Stunden belegen; Knie-Gastspiel oder Weihnachtsmarkt wären also nicht möglich. Und der Platz wird nur für Veranstaltungen freigegeben, die eine gewisse Grösse haben. «Der Anlass muss mindestens 1000 Personen anziehen», sagt Esseiva. Ausserdem besteht die Regel, dass während der Session der eidgenössischen Räte keine Kundgebungen und Veranstaltungen auf dem Platz stattfinden dürfen (wobei es einige Ausnahmen gibt, etwa für den Zibelemärit).

Der Bundesplatz ist insofern ein Spezialfall, als er zwar auf Berner Boden liegt und die Hoheit bei der Stadt liegt, der Bund aber ebenfalls involviert ist. So besagt das Nutzungskonzept, welches die Stadt mit dem Bund geschaffen hat, dass Staatsbesuche und andere Bundesanlässe prioritär behandelt werden.

Auch auf dem Neumarkt in der Winterthurer Altstadt gibt es laut Peter Weber, dem städtischen Kommunikationsbeauftragten, keine Begrenzung der Belegungstage. «Es wird situativ entschieden.» Fixgäste auf dem Platz sind der Weihnachtsmarkt und das Albanifest.

60 Tage auf dem Münsterplatz

Anders ist die Situation in Basel. Hier ist die Nutzung der städtischen Plätze begrenzt. Der Münsterplatz darf an maximal 60 Tagen belegt werden – an 50 sind «Anlässe mit besonders lärmintensiven Auswirkungen» erlaubt. Mit der 16-tägigen Herbstmesse und dem 23-tägigen Open-Air-Kino sind 39 Tage bereits fix vergeben. Bleiben also nur noch 11 Tage.

Etwas mehr ist auf dem Basler Barfüsserplatz möglich. Dort sind 70 Veranstaltungstage erlaubt, davon 40 lärmintensive. Auch dort sind 16 Tage bereits an die Herbstmesse vergeben. Allerdings fallen in Basel der Weihnachtsmarkt und andere Märkte sowie die Fasnacht, welche alle den Barfüsserplatz belegen, nicht unter das 70-Tage-Kontingent. In Zürich wäre es bei einem Ja zur Initiative anders: Da wäre kein Weihnachtsmarkt ausserhalb des 65-Tage-Kontingents möglich.

Hannes Nussbaumer

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