Cry Baby verstummt

Die polizeiliche Verfügung flatterte am vergangenen Donnerstag ins Haus. Seither ist es im Cry Baby, einer beliebten Rockabilly-Bar beim Zürcher Goldbrunnenplatz, abends still.

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Erst im August wurde das L-förmige Lokal an der Rotachstrasse konzerttauglich umgebaut. Wo früher das Hotel Goldener Brunnen ein beschauliches Dasein führte, dröhnte nun Rock 'n' Roll, Rockabilly, Psychobilly, Boogie und Blues aus den Lautsprechern. Stolz nannte man sich «Zurich's Home of Americana Music». Das Publikum war zahlreich, die Konzerte beliebt, das Lokal rockte. Jetzt droht das Aus.

Ein polizeiliches Verbot, nach 20 Uhr Musik zu spielen, liegt seit einer Woche auf der Theke. Das trifft Wirt Frederic «Fredy» Chardon hart: «Wir sind eine Musikbar. Der Laden läuft wegen der Musik. Wenn wir keinen Sound haben, bleiben die Gäste aus, dann kann ich zumachen». In den 18 Monaten, die er beim Goldbrunnenplatz wirtet, wurde er zwei Male wegen Lärmemissionen gebüsst. Er weiss auch, wer sein Lokal bei der Polizei angeschwärzt hat: «Ich hatte Akteneinsicht, und die betreffende Person wohnt zwei Häuser weiter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir dort noch zu hören sind.» Die Strasse vor dem Haus ist keine ruhige Quartierstrasse, sondern eine lärmige Tempo-50-Strasse, die zum nahen und recht verkehrsreichen Goldbrunnenplatz führt. «Der Verkehrslärm stört ihn offenbar weniger», resümiert Chardon.

Musikbar ohne Musik

Dass die geplanten Konzerte doch noch durchgeführt werden können, verdankt er seinen guten Beziehungen zum Wirt der Favorite Sports Bar in Wallisellen, wo die letzten September-Gigs über die Bühne gehen. «Ich werde wohl nie erfahren, wie viele Leute mehr kämen, wenn die hier in der Stadt spielen könnten.»

Ob und wann im Cry Baby wieder die Musik spielen wird, steht in den Sternen. «Ich habe 30 Tage Zeit, beim Stadtrichteramt zu rekurrieren. Ein sofortiger Rekurs hätte keine aufschiebende Wirkung gehabt. Ich bin jetzt mit meinem Anwalt am Prüfen der Möglichkeiten. Einen weiteren Umbau, wir reden da von einem fünf- bis sechsstelligen Betrag, kann ich mir nicht leisten.»

Im Geist hat Fredy Chardon schon alle Szenarien durchgespielt. «Wenn wir wieder Konzerte haben könnten, wäre das super. Auch mit Musik in begrenzter Lautstärke am Abend könnte ich leben. Aber wenn ich nach 20 Uhr keine Musik spielen kann, nicht mal den Fernseher mit Ton laufen lassen kann, werde ich zumachen.»

Ruhezeit ist nicht gleich Nachtruhe

In der Stadt Zürich sind die Ruhezeiten in der Allgemeinen Polizeiverordnung (APV) festgelegt. Grundsätzlich gilt: Was nicht stört, ist erlaubt. Artikel 19 definiert die Allgemeinen Ruhezeiten. Demnach dauert die Nachtruhe von 22 bis 7 Uhr. Während der Sommerzeit freitags und samstags jeweils von 23 bis 7 Uhr. An Werktagen sowie an öffentlichen Ruhetagen ist dem Erholungsbedürfnis der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Dann gelten die Ruhezeiten von 12 bis 13 Uhr und von 20 Uhr bis zum Beginn der Nachtruhe.

Wer sich in diesen Zeiten durch Lärm gestört fühlt, kann dies der Polizei melden. Laut Stadtpolizei werden dann zwei Beamte vor Ort eine Beurteilung vornehmen. Es liegt im Ermessen der Beamten, ob ein Rapport erstellt wird. Der Rapport wird dem Stadtrichteramt zugestellt, der Stadtrichter entscheidet dann, ob und in welcher Höhe eine Busse oder eine Massnahme verfügt wird.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.09.2012, 12:51 Uhr

Cry-Baby-Wirt Fredy Chardon. (Bild: zvg)

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