«Da haben sich lustige Szenen abgespielt»

Am 13. August starten die Love-Mobiles zum 20. Mal zur Street-Parade. 32 werden es sein. Marek Krynski hat den Anlass 1992 gegründet. Er lacht heute noch, wenn er daran denkt.

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«Das kannst du vergessen», bekam er immer wieder zu hören, wenn er von seiner Idee erzählte. Die Zürcher, diese gehemmten, verklemmten Zwinglianer auf der Strasse zum Tanzen zu bringen? Keine Chance! Er hat sie doch dazu gebracht. Und seither strömen Jahr für Jahr Raver aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland nach Zürich, um gemeinsam um das Seebecken zu tanzen. Am 13. August werden sie es zum 20. Mal tun.

Die Stadt hatte keine Ahnung, was auf sie zukam, als Marek Krynski im Juni 1992 ein Gesuch für eine «Demonstration für Liebe, Friede, Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz» einreichte. Arglos bewilligte es die Polizei. Krynski muss heute noch lachen, wenn er an die erste Street-Parade denkt. Sein Lachen ist immer noch so breit wie auf den früheren Fotos, seine Locken immer noch dicht. Inzwischen sind sie aber ergraut und gebändigt – der frühere Mathematik- und Philosophiestudent arbeitet im Riskmanagement einer Grossbank, ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Als die Love-Mobiles am 5. September 1992 ins Limmatquai einbiegen, so erzählt Krynski, ist die Strasse nicht abgesperrt. Sie sollten sich einfach rechts halten, meint einer der wenigen Polizisten, die aufgeboten wurden. Erst tanzen nur einige Raver auf den Hebebühnen der Laster. Der Umzug wächst aber rasch, die Leute, die erst abwartend am Strassenrand standen, schliessen sich an, und bald müssen die Polizisten sehr schnell den Verkehr umleiten. «Da haben sich lustige Szenen abgespielt», sagt Krynski und grinst.

Raver kommen aus den Kellern

Völlig verwackelte Videoaufnahmen von damals schwenken auf Netzstrümpfe, rote Perücken und Sonnenbrillen. Becken kreisen, weisse Handschuhe schlängeln sich durch die Luft, Körper werden von der Musik geschüttelt. Die Kamera bleibt an einer Gruppe am Strassenrand hängen. In ihren Gesichtern spiegelt sich Erstaunen, Unglaube. Die Raver, die bisher verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit in Kellern und verlassenen Fabrikhallen abtanzten, kamen erstmals ans Tageslicht. Viele Teilnehmer laufen auch einfach mit. Sie haben keine Ahnung, was man an einer Techno-Parade zu tun hat. Woher auch? Krynski hat es deshalb wie bei einer Gebrauchsanleitung auf die Flyer geschrieben: «Angeführt wird der Zug von dekorierten Lastwagen mit Soundsystemen.» Und: «Getanzt wird auf den Lastwagen und auf der Strasse.» Szene-Exponenten hat er zum Voraus einen Film der Berliner Love-Parade zur Instruktion vorgeführt.

Zürich brauchte die Ekstase

Sieben Love-Mobiles fahren mit, nur eines – der kleine Laster von DJ Viola – funktioniert gut. Ein Mobile hat eine viel zu kleine Anlage, einem anderen brennt der Verstärker durch. «Technologisch war die erste Street-Parade ein Desaster», sagt Krynski. Der Anlass, das weiss er, als beim Rathaus der Funke zündet und es «richtig abgeht», ist ein Erfolg. Bis zu 2000 Personen schliessen sich dem Umzug an, Krynski ist euphorisiert. Er möchte sofort die nächste Parade organisieren.

Bis heute war er an jeder Street-Parade dabei, obwohl er nur die fünf ersten verantwortete. Marek Krynski sitzt in der Kantine des «Tages-Anzeigers». Er hat Mittagspause. Er trägt einen grauen Anzug, ein weisses Hemd und sagt: «Die Ekstase fasziniert mich immer noch.» Die Ekstase sei ein grundlegendes Bedürfnis aller Kulturen – sich gehen lassen, alle Hemmungen, alle Ängste ablegen und mit der Masse verschmelzen. «Genau das hat Zürich gebraucht.»

Natürlich, räumt er ein, ist die 20. Street-Parade nicht mehr dieselbe wie die erste. Dass nun auch Familien und Senioren mittun, macht ihm aber keine Mühe. Er fand es im Gegenteil ein «tolles Erlebnis», als 1994 zwei ältere Damen beim Opernhaus den Ravern mit ihren Foulards zuwinkten. «Im Kern konnte die Street-Parade das bewahren, was sie ausmacht: In ihren besten Momenten kann man immer noch erfahren, was Glückseligkeit ist.»

Und was ist mit Liebe, Frieden, Toleranz? Konnte die Street-Parade ihre Ideale einlösen? Krynski findet Ja. Im Ausgang seien früher viele Jugendliche angetrunken und entsprechend aggressiv gewesen, an den Techno-Partys hingegen nicht. Dort waren alle gut drauf. «Ja, vielleicht auch wegen Ecstasy», räumt er ein. Aber man könne endlos darüber streiten, ob wegen oder trotz Ecstasy und ob Ecstasy überhaupt eine Rolle gespielt habe. Er selber hat auch nach 19 Street-Parades und unzähligen durchtanzten Raves noch keine einzige Pille geschluckt; er habe zu viel Achtung vor seinem Körper, als dass er damit unkontrollierte Experimente machen wolle. Und nach drei Stunden tanzen spüre er denselben Effekt.

Heute kann Krynski keinen Vorteil nennen, den ihm die Street-Parade eingetragen haben könnte. Geld? Er schüttelt den Kopf. Den ersten Lohn hat er mit seiner letzten Street-Parade bekommen. Zuvor freute er sich schon, dass er auf allen Gästelisten stand und gratis an die Partys durfte. Ansehen? Es falle ihm schwer, mit Bewunderung umzugehen, sagt er. Berufliche Vorteile? Eher nicht; die Qualifikation «Gründer Street-Parade» lasse sich im Lebenslauf eines Mathematikers schlecht einordnen.

Zu laut, zu schmutzig

Auch nach dem 20. Mal, ist Krynski überzeugt, wird die Street-Parade weiterleben. Seit den Anfängen werde sie für tot erklärt, stattdessen sei sie gewachsen. Letztlich waren es zwei Dinge, die sie erfolgreich gemacht haben: der Drang der Zürcher zum Glücklichsein und der damalige Polizeivorstand Robert Neukomm. Der wollte nach dem zweiten Umzug mit 20 000 Ravern keine weitere Bewilligung mehr erteilen. Zu gross, zu laut, zu schmutzig, meinte er und riet Krynski, die Parade doch in eine andere Stadt zu verlegen. Das war der Durchbruch: Krynski kämpfte unerschrocken für die Bewilligung, und eine breite Öffentlichkeit solidarisierte sich mit dem Anlass, für den sich laut Neukomm nur «ein unwichtiges Grüppchen» interessierte; Zürich hat die Street-Parade in die Reihe seiner Traditionsanlässe aufgenommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2011, 07:17 Uhr

Dieser Flyer warb 1992 für die erste Street-Parade. (Bild: Flyer: Viola.ch)

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